Zürich
Der Richter der Schläger: «Mit vernünftigen Strafen wird zu lange gewartet»
Von Simon Eppenberger. Aktualisiert am 08.03.2010
Reinhold Baier, Vorsitzender der Jugendkammer des Landgerichts München.
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Am Montag sitzen Mike B., Benjamin D. und Ivan Z. dem Richter Rainhold Baier gegenüber. Der Vorsitzende der Jugendkammer beim Landsgericht München I wird den Prozess gegen die mittlerweile 17-jährigen Schläger leiten. Seit fünf Jahren hat er dieses Amt inne.
Der 54-jährige Baier wird als Richter beschrieben, der seine Verhandlungen ruhig führt und Zeugen mit viel Einfühlungsvermögen vernimmt. Auf Angeklagte geht er ein und lässt sie reden, wenn sie denn reden wollen.
Das heisst aber nicht, dass die Urteile deswegen milde ausfallen. Im Gegenteil: Das Gericht geht nicht selten an die obere Grenze des Strafmasses. Als im Jahr 2008 ein ebenfalls 17-Jähriger Schläger vor dem Jugendkammer stand, ist er für eine Attacke auf einen Rentner zu achteinhalb Jahren verurteilt worden. Er war - wie die drei Schüler von der Goldküste - nach einem brutalen Angriff des versuchten Mordes angeklagt.
Keine Strafen zur Abschreckung
Richter Baier beobachtet bei Gewaltakten «eine zunehmende Intensität.» Heftige Schläge und Tritte habe es auch früher gegeben, aber «wenn der Kampf gewonnen war, hat man nicht nachgetreten. Diese schrecklichen Folgen vor allem von Tritten gegen den Kopf, das ist eine neue Qualität.» Strafen zur Abschreckung kennt das Deutsche Jugendrecht aber nicht. «Das ist ein Erziehungsstrafrecht», sagte der Richter gegenüber dem Münchner «Merkur».
Das hohe Strafmass hält andere Täter aber offenbar nicht von ähnlichen Taten ab. Erst im vergangenen September endete eine Schlägereien in der Münchner U-Bahn tödlich. Baier hat «das Gefühl, dass es mehr Fälle gibt» – und dies, obwohl die Täter heute wegen Mordes oder versuchten Mordes angeklagt würden und nicht wie früher nur wegen gefährlicher Körperverletzung: «Wer gegen den Kopf tritt, weiss, das es lebensgefährlich ist.»
«Einfach Frust entladen»
Auffällig findet der Richter die Nichtigkeit der Anlässe für die Gewaltexzesse. Es gehe nicht mehr um die Freundin, die einem ausgespannt wurde oder um einen lange anhaltenden Konflikt. «Heute wird offenbar einfach Frust entladen, das entsteht aus dem Nichts.» Baier hat auch festgestellt, dass bei Auffälligkeiten Jugendlicher «mit vernünftigen Strafen zu lange gewartet wird». Den Jugendlichen müssten darüber hinaus Möglichkeiten für den Abbau von Aggressionen geboten werden.
Der Richter engagiert sich auch privat gegen Jugendgewalt. Der Vater einer 25-jährigen Tochter und eines zweijährigen Sohnes ist Vizepräsident des Bayerischen Fussballverbandes und leitet dort eine Arbeitsgruppe, die sich gegen Gewalt auf den Fussballplätzen einsetzt. Über acht Stunden seiner Freizeit opfert er pro Woche für das Amt.
Der Prozess gegen die Schläger aus der Schweiz findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, da die Täter noch nicht erwachsen sind. Zum Auftakt der Verhandlungen wird es in München eine Medieninformation geben. Tagesanzeiger.ch/Newsnetz ist vor Ort und berichtet live.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.03.2010, 09:11 Uhr
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