Der Speckgürtel wird konservativer

Die Statistiker des Kantons Zürich warten mit einer überraschenden Analyse zur SVP-Masseneinwanderungsinitiative vom vergangenen Wochenende auf.

In Agglomerationsstädten hat die Zustimmung zur Personenfreizügigkeit abgenommen: Stadtzentrum Dietikon. (Archivbild)

In Agglomerationsstädten hat die Zustimmung zur Personenfreizügigkeit abgenommen: Stadtzentrum Dietikon. (Archivbild) Bild: Keystone

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Die kantonalen Statistiker hinterfragen eine oft auch von Medien verbreitete Deutung des Resultats zur SVP-Initiative. Demnach hätten «arkadisch-ahnungslose Hinterwälder über dichtestressresistente Städter» gesiegt. Zumindest für den Kanton Zürich kommen sie zu einem anderen Schluss: Verändert haben sich im Kanton vor allem die Vorstädte von Zürich.

Die Statistiker analysierten die Resultate eidgenössischer Abstimmungen über Fragen zur Personenfreizügigkeit. Vor 14 Jahren sagten noch 70 Prozent Ja zu den bilateralen Verträgen. Die SVP-Initiative erhielt am Sonntag im Kanton Zürich eine Zustimmung von 47,3 Prozent.

Weder Stadt noch Land

Die Zustimmung zur Personenfreizügigkeit hat demnach im ganzen Kanton abgenommen – auch in der Stadt Zürich. Am meisten aber in jenen Gebieten, die «identitätsmässig weder ganz zweifellos Stadt, aber auch nicht mehr fraglos Land» sind, wie Peter Moser, Abteilungsleiter beim statistischen Amt des Kantons Zürich, in seiner gestern veröffentlichten Analyse schreibt. Es sind dies Gemeinden wie Dübendorf, Effretikon, Dietikon, Adliswil, Urdorf oder Opfikon.

Diese breite, vorstädtische und bevölkerungsstarke Zwischenzone im Norden und Osten Zürichs beschreibt Moser wie folgt: Verkehrsmässig gut erschlossen durch Autobahn und S-Bahn, arbeiten die Bewohner der Vororte oft in der Stadt, leben aber nicht dort. Dichte erleben sie auf der Autofahrt zum Arbeitsplatz im Stau oder in den Stosszeiten in der S-Bahn täglich. Anonymität, löchrige soziale Netzwerke und verunsichernd rascher Wandel prägen heute die Vorstadt.

Im Gegensatz zum Städter, der die Gegensätze des Urbanen toleriert oder sucht, empfindet der Bewohner der Vorstadt die Begleiterscheinungen der Globalisierung tendenziell als bedrohlich.Genau in diesen Gebieten ist laut Statistiker Peter Moser die SVP in den vergangenen 30 Jahren besonders stark gewachsen. Der Zusammenhang zwischen der Abnahme der Zustimmung zur Personenfreizügigkeit und der Zunahme des SVP-Wähleranteils ist für Moser signifikant.

Brennpunkt der Innovation

Im Gegensatz zu diesen suburbanen Gebieten steht die Stadt Zürich: Ein dichtes, hochurbanes Umfeld setzt laut Moser Offenheit und Toleranz gegenüber Fremden voraus. Zum Wesen einer lebendigen, dynamischen Grossstadt gehört die hohe Interaktionsdichte zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und divergierender Interessen. «Erst Reibung erzeugt Wärme: Sie könnte ihre Funktion als Brennpunkt der Innovation gar nicht erfüllen, wäre sie kein Schmelztiegel», schreibt Moser. «Wer Vorbehalte hat, hält es dort nicht lange aus.»

Dasselbe stellt Moser auch in den ländlichen, zum Teil noch fast bäuerlich geprägten Gebieten fest – es zieht tendenziell weg, wer nicht zur traditionellen Stammwählerschaft der konservativen SVP gehöre. Im Weiteren geht Moser davon aus, dass die Zustimmung zur SVP-Initiative unter den Gutverdienenden geringer war als bei Personen mit kleinen Einkommen.

Die Masseneinwanderungsinitiative wurde am letzten Wochenende mit 50,3 Prozent Ja-Stimmen angenommen, in Zürich wurde sie mit 52,7 Prozent abgelehnt. Der Anteil der Befürworter im Kanton Zürich überstieg den SVP-Wähleranteil in den Gemeinden um durchschnittlich 17 Prozent. Aus welchen Parteien die zusätzlichen Befürworter kamen, kann das statistische Amt nicht sagen. Peter Moser geht aber davon aus, dass diese nationalkonservativ ausgerichtet waren – ähnlich wie schon bei der Minarettinitiative der SVP. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.02.2014, 10:06 Uhr)

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