Der Teilzeit-Troubleshooter im Migrationsamt

Von Patrick Kühnis. Aktualisiert am 08.09.2010

Jetzt leitet Aushilfschef Andreas Werren das Migrationsamt – als 60-Prozent-Job. Denn er hat noch eine Handvoll andere Mandate.

Andreas Werren: Der 48-jährige Winterthurer leitete fünf Jahre das kantonale Amt für Justizvollzug, ehe er sich 2004 als Berater und Organisationsentwickler selbstständig machte.

Migrationsamt: Personal wehrt sich

«Schlendrian? Das war einmal»

Hans Hollenstein reformiert das Migrationsamt, um die Abläufe zu beschleunigen. Das sei längst passiert, sagt das Personal.

Von den gröbsten Vorwürfen blieb wenig übrig, als Peter Schorer das Zürcher Migrationsamt durchleuchtet hatte. Übers Internet wird dort weit weniger nackte Haut angeschaut als im Rest der Verwaltung – und nur einzelne (Kader-)Mitarbeiter haben vor Jahren Pornobilder verschickt. Willkür im Umgang mit Asyldossiers wies Schorer «ein bis maximal zwei Mitarbeitenden» nach. Auch der exzessive Facebook-Konsum bezieht sich auf einen Einzelfall. Den Sündern drohen jetzt personal- und eventuell strafrechtliche Sanktionen. Als unbegründet erwies sich der Verdacht, Mitarbeitende seien bei Lohn und Arbeitszeit willkürlich bevorzugt worden.

«Wir waren froh, endlich nicht mehr pauschal als faule, schlampige Porno-Grüsel dazustehen», sagt ein Mitarbeiter, der eine Gruppe von 25 Kolleginnen und Kollegen vertritt und lieber anonym bleiben will. Umso erstaunter sei man gewesen, als mit Erscheinen des Untersuchungsberichts ein ganz neuer Vorwurf ins Zentrum rückte: Laut Schorer sind im Zürcher Migrationsamt die Durchlaufzeiten der Fälle im Vergleich zu anderen Kantonen «erheblich länger». Grund genug für Regierungsrat Hans Hollenstein (CVP), den Chef abzusetzen und das Amt umzukrempeln. Nach St. Galler Vorbild will er die Abläufe beschleunigen und das Amt kundenfreundlidagegen die Mitarbeiter. Das Amt sei zwar in den letzten Jahren tatsächlich überlastet gewesen. Es türmten sich die Pendenzen, und die Durchlaufzeiten für Gesuche ohne Abklärungen betrugen rund acht Kalenderwochen. Dank organisatorischen Verbesserungen und zusätzlichen Stellen arbeitet das Amt aber inzwischen weit speditiver: Im Februar betrug die Durchlaufzeit acht Kalendertage – heute liegt sie laut den 25 Insidern nur noch bei vier bis fünf. Ein externer Gutachter attestierte dem Amt schon im Frühjahr, die Wartefristen «markant reduziert zu haben». Die Mitarbeiter fragen sich jetzt, warum ihnen Hollenstein trotzdem eine Reform verpasst. «Aus unserer Sicht kann diese nur politisch motiviert sein.» (pak)

Am sechsten Arbeitstag lernt das Kader des Migrationsamts den neuen Chef endlich näher kennen. Interimsleiter Andreas Werren führt heute mit seinen wichtigsten Leuten eine Klausur durch. Diese hoffen, danach etwas genauer zu wissen, was der Jurist mit dem verunsicherten Amt vorhat. Er selbst will als Erstes «Vertrauen aufbauen und für Beruhigung sorgen». Und vor allem die Untersuchungsberichte aufarbeiten, die das Amt von schweren Vorwürfen nur teilweise entlastet haben.

Bisher habe man vom Troubleshooter «noch nicht so viel mitbekommen», heisst es aus dem Amt. Er war dort auch erst sporadisch präsent, weil er zu einer Sitzung nach Bern oder einem Termin nach Winterthur musste, wo seine Beratergruppe für Unternehmensentwicklung ihren Sitz hat. In einer elektronischen Agenda steht, wann er überhaupt im Migrationsamt anzutreffen ist.

Überprüfung der Gefängnisse

In der Mitteilung der Sicherheitsdirektion zum Amtsantritt tönte das noch etwas anders: Werren werde «das Tagesgeschäft sicherstellen» und mittelfristig «aktuelle und künftige Projekte zur Verfahrensbeschleunigung prüfen und einleiten». Das tönt nach Vollzeitjob. Tatsache ist aber, dass der externe Berater nur ein 60-Prozent-Pensum hat. Daneben hat er nach eigenen Angaben derzeit noch «eine Handvoll andere Mandate» am Hals. So untersucht Werren bis Ende Jahr, wie sicher die Berner Gefängnisse sind. Gleichzeitig berät er Luzern bei einer Reform des Justizvollzugs. Auch für den Kanton Zürich erledigt er derzeit noch einen «zweiten, kleineren Auftrag». Welchen genau, sagt er nicht.

Er habe all seine Verpflichtungen gegenüber Sicherheitsdirektor Hans Hollenstein (CVP) offengelegt und gesagt, dass er höchstens für einen 60-Prozent-Job zur Verfügung stehe. Hollenstein willigte ein – und engagierte den Winterthurer vorerst bis Ende Jahr.

Exzellenter Ruf

Es ist nicht Werrens erster heikler Einsatz beim Kanton. Der Ex-Chef des Amts für Justizvollzug durchleuchtete nach dem Ferienheim-Debakel für Hollenstein bereits die Beamtenversicherungskasse (BVK). Er löste die Kompetenzstreitigkeiten zwischen Bau- und Volkswirtschaftsdirektion. Er untersuchte die Pädagogische Hochschule, nachdem der Verwaltungsdirektor gefeuert worden war. Und er sprang 2007 für fünf Monate im alten Job ein, als die Chefin des Justizvollzugs krank ausschied. Damals überwies ihm der Kanton für einen 40-Prozent-Einsatz gut 100 000 Franken. Jetzt arbeitet er zum selben Tarif für Hollenstein, wie dessen Sprecherin bestätigt. Sprich: Werren verdient bis Ende Jahr 120 000 Franken brutto.

Angesichts seiner bisherigen Dienste geniesst er in den Chefetagen des Kantons einen exzellenten Ruf. Der SVP ist er dagegen suspekt, weil sie ihn für einen «Mann von Dr. No» hält – womit sie Justizdirektor Markus Notter (SP) meint. Sie hat deshalb einen kritischen Vorstoss zu Werrens Engagement eingereicht. Im Amt selbst hatte er einen guten Start, weil er sich nicht «wie ein Bulldozer aufführte und erst einmal zuhörte», wie Insider sagen. Das Personal fragt sich aber auch, wie er die schwierige Aufgabe im Teilzeitpensum erledigen will. «Vor allem, weil er nicht vom Fach ist.» Werren dazu: «Ich leiste, was in der verfügbaren Zeit möglich ist, und mache mir ein Bild, welche Reformen überhaupt nötig sind.» Veränderungen bräuchten Zeit. Vieles liege darum in der Hand des neuen fixen Chefs. «Es wäre deshalb vermessen, grosse Versprechungen zu machen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2010, 23:10 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Zürich

Meistgelesen in der Rubrik Zürich

Lokalverzeichnis

Werbung

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?



AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Telefonbuch

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

AKTUELLE JOBS

Marktplatz