Der Uetliberg ist nicht genug

Zürcher Gastronomen expandieren nach Graubünden. Diese Tradition begann vor Jahren, junge Gastroprofis führen sie nun erfolgreich fort.

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So wird man in einer Seilbahnstation normalerweise nicht begrüsst: Vor der ehemaligen Lagerhalle in Laax steht vor einem grossen Feuer ein kraushaariger Concierge mit Hut und Dogge. Er nimmt die Gäste in Empfang, weist ihnen den Weg zum Tisch. Die Bar beim Eingang ist in rotes Licht getaucht, an den Wänden Bücherregale und Plakate, auf den Sofas tummeln sich Gäste. Mittendrin eine Gondel, darin ein DJ, der Hip-Hop spielt. Ein Hauch Underground-Glamour ist ins Snowboardparadies eingezogen – es ist Zürcher Underground-Glamour.

Bis Ende Februar unterhalten jene Leute, die an der Zürcher Langstrasse den Palestine Grill betreiben, in Laax ein temporäres Restaurant. Das Marken­zeichen der Gruppe: aufwendig aufgemachte Räume, schickes bis ins Detail gestaltetes Interieur. In Zürich hat die Gruppe bereits zahlreiche ähnliche Projekte realisiert. In die Lagerhalle in Laax baute das Team nun eine komplette ­Gastroküche ein – zudem eine Lüftung, sanitäre Anlagen und einen Pizzaofen. Fast täglich servieren sie hier fünfgängige Menüs für 85 Franken pro Person, Reservationen sind nur per SMS möglich. «Mir gefiel die mysteriöse Aura rund um Gastronomengruppe», sagt Reto Gurtner, Laaxer Unternehmer und Betreiber der Weissen Arena. Er hat die Zürcher Gruppe für dieses Jahr nach Laax geholt.

40 Prozent Zürcher

Dass das Zürcher Nachtleben nach Graubünden expandiert, hat Tradition. 1986 pachtete Hitch Leu in Arosa das Hotel Eden und funktionierte es zum «Kaufleuten der Berge» um, wie es von seinen Gäste wegen der wilden Partys bald genannt wurde. Wochenende für Wochenende bespielten Bands oder DJs den Kitchen Club, eine zum Dancefloor umgestaltete Küche. Darunter auch Grössen wie Deichkind oder die Sugar Hill Gang.

Das Eden schloss 2011 mit einer rauschenden Feier seine Türen für immer – heute betreibt Leu im Skigebiet von Arosa die Hörnlihütte. Weitere frühe Beispiele Zürcher Beteiligung am Bündner Nachtleben waren das von Martin «Tschaina» Lieberherr mitgeführte Kurhaus Lenzerheide oder die legendären Partys im Val Sinestra im Engadin.

Wie viele Zürcherinnen und Zürcher jährlich in die Berge fahren, um zu feiern, lässt sich nur grob schätzen. Jährlich übernachten etwa 1,5 Millionen Zürcher in Graubünden, heisst es beim Amt für Wirtschaft und Tourismus Graubünden. Über 40 Prozent aller Schweizer, die im Graubünden eine Zweitwohnung besitzen, wohnen im Kanton Zürich. Ebenso hoch dürfte der Anteil Zürcher bei den Logiernächten in den Hotels liegen, wobei diese Beherbergungsstatistik nicht zwischen der Herkunft aus Kantonen unterscheidet.

Zürichs Konzepte kopiert

Diese Zürcher Vormachtstellung unter den Touristen im Graubünden dürfte auch den Erfolg der Zürcher Gastronomen in der Bergwelt erklären. Hitch Leu: «Die Zürcher können in den Bergen mit bewährten Konzepten bekannte Leute abholen.» Etwas anders sagt es Oliver Saiger, der seit diesem Winter in Arosa die Bar Ruobstei betreibt: «Du kannst mit wenig Innovation schon etwas erreichen.» Sein Konzept: eine Cocktailbar mit professionellen Barkeepern und DJs aus Zürich. Michel Péclard hat sein Imperium ebenfalls Richtung Graubünden ausgeweitet. Er betreibt seit diesem Winter das Restaurant Alpenblick in Arosa. «Ich bin begeisterter Skifahrer und habe mich schon oft über Bergrestaurants geärgert, die nur Fertignahrung servieren», sagt Péclard. Wie in seinen Zürcher Restaurants komme ausschliesslich frische Ware auf den Tisch.

Dass Zürcher Gastronomen in den Bergen aber nicht einfach auf die gleichen Rezepte zurückgreifen können wie in der Stadt, sagt Athanasios «Seigi» Sterkoudis vom Pöstli-Club in Davos. «Die Leute lassen bei uns die Hemmungen fallen und tanzen zu Musik, über die sie im Unterland die Nase rümpfen würden.» Der umtriebige Grieche ist Partyprofi. In Zürich veranstaltet er mit seinem Bruder seit Jahren die Mykonos-Party im Kaufleuten. Das Pöstli hat er zu einer der gefragtesten Adressen des Davoser Nachtlebens gemacht. Dabei setzt er auf Exklusivität: Wie in viele städtische Clubs kommt ins Pöstli nur, wer einen Gästelistenplatz hat und älter ist als 23 Jahre.

Allzu exklusiv dürfen Clubs allerdings nicht sein, wenn sie in den Bergen punkten wollen. Im Casa Antica in Klosters, wo in den Siebzigern schon Hazy Osterwald und Pepe Lienhard gefeiert haben, ist das Publikum, wie überall in den Bergen, gemischt. Es treffen sich Banker, Einheimische, Skilehrer und Models. «Es ist eine Generationendisko, hier feiern Väter mit Söhnen und Mütter mit Töchtern», sagt der Zürcher Mitpächter Koni Frei. Damit alle sich die Drinks leisten können, habe das Team die Preise nach unten angepasst.

Und in Laax? Die erste Saison des temporären Restaurants war ein Erfolg, eine Neuauflage der Gondelhalle ist deshalb auch im nächsten Jahr denkbar. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.02.2016, 21:26 Uhr)

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Die Zürcher Szene im Graubünden

Eine Auswahl

Alpenblick in Arosa
Michel Péclard, der in Zürich unter anderem die Pumpstation und Fischer’s Fritz betreibt, führt das Bergrestaurant mit Züri-Stube in diesem Jahr die erste Saison.

Bamyan Skiclub in St. Moritz
Im letzten Jahr vom Journalisten Christoph Zürcher und einigen Zürcher Gastronomen rund um Katja Weber (Frau Gerolds Garten) ins Leben gerufen, ist der Bamyan Skiclub mitten in St. Moritz heute in den Händen der Segantini-Gastro-Gruppe.

Casa Antica in Klosters
Im dreistöckigen Club wird seit 1959 gefeiert. Pächter heute sind die Zürcher Gastro- und Partygrössen Ivo Sacchi (CEO Universal Music Schweiz), Marco Ammann, Louis Bisang (Valmann, Club Bellevue), Koni Frei, Urs Mühlherr, Yves Spink und Zsolt Tscheligi.

Ex-Bar in Davos
Irgendwo zwischen Pub und Bar, mitten in Davos. Der Betreiber Rob Fink ist Zürcher.

Gondelhalle in Laax
Der Laaxer Unternehmer Reto Gurtner engagierte die Zürcher Gastronomen rund um Sami Khouri. Noch bis zum 27. Februar.

Lamm & Leu in Arosa
Hitch Leu führte in den Achtzigern das Eden in Arosa. Heute betreibt er noch die Hörnlihütte im Skigebiet und das Restaurant Lamm & Leu.

Kurhaus in Lenzerheide
Heute ist das Kurhaus nicht mehr in Zürcher Hand. Doch war Martin «Tschaina» Lieberherr (heute Kaufleuten) in den Anfangstagen an der Umgestaltung des Traditionshauses zum Ausgehtempel beteiligt.

Pöstli-Club in Davos
Partyprofi Seigi Sterkoudis und seine Frau Mirjam leiten das Pöstli dieses Jahr bereits die 11. Saison.

Ruobstei in Arosa
Oliver Saiger und Yannick Wolf führen in Zürich das Restaurant Zum Goldenen Fass. In Arosa betreiben sie seit diesem Winter «eine klassische Cocktailbar», so Saiger.

Sit-Hütte in Arosa
Auch die angesagte Sit-Hütte in Arosa betreibt mit Mirko Schadegg ein Zürcher.

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