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Der Uetliberg war zu haben, doch die Zürcher haben ihn verschmäht

Von Jürg Rohrer. Aktualisiert am 23.01.2012 14 Kommentare

Die Stadt hätte das Restaurant Uto-Kulm erwerben können – im Tausch gegen zwei Augustinerhäuser. Doch das Volk lehnte diesen Tausch vor 35 Jahren ab. Den Widerstand angeführt hatte Moritz Leuenberger.

Ein Bild von 1972: Das Berggasthaus Uto-Kulm auf dem Zürcher Hausberg.

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Bild: (Photopress-Archiv)/Keystone

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Illegale Ausbauten, Helikopterflüge, Autofahrten, Kino am Berg, Gerichtsverfahren, Umzonung, Gestaltungsplan: All das Gezänk und Gewürge um den Uto-Kulm wäre vermieden worden, wenn die Zürcherinnen und Zürcher am 26. September 1976 Ja gestimmt hätten.

Zum ersten und einzigen Mal bot sich ihnen die Gelegenheit, die Spitze ihres Hausbergs zu erwerben, doch sie wollten nicht. Sie wollten damals den Generalunternehmer Karl Steiner nicht in der Altstadt, dafür haben sie jetzt den Hotelier Giusep Fry auf dem Uetliberg.

Migros war interessiert

Die Gebäude auf Uto-Kulm samt Turm waren immer in wechselndem Privatbesitz. 1973 wurden sie von den Erben der Metzgerei Niedermann zum Kauf angeboten. Die Migros war interessiert, stieg dann aber aus. Die Stadt kam nicht zum Zug, weil die Erben rasch Bares sehen wollten. Schliesslich kaufte Steiner.

Er hatte drei Jahre zuvor schon 15 Häuser im Augustinerquartier aus der Erbmasse Niedermann erworben. Zwischen diesen 15 Häusern waren aber zwei städtische eingeklemmt: Augustinergasse 30 und Widdergasse 8, renovationsbedürftig. Steiner wollte arrondieren, der Stadtrat die Sanierungskosten sparen.

Tauschhandel und Kredit

Also beschlossen sie einen Tauschhandel: die zwei Altstadthäuser gegen den Uto-Kulm. «Der Erhaltung dieses beliebten Ausflugsrestaurants im Erholungsgebiet Uetliberg kommt für die stadtzürcherische Bevölkerung grosse Bedeutung zu», schrieb der Stadtrat im Abstimmungsbericht.

Überdies werde so eine umfassende Sanierung der Augustinerhäuser ermöglicht, «denn bekanntlich ist es nicht möglich, kleine Einzelobjekte zu vertretbaren Kosten sinnvoll neu herzurichten». Zur Abstimmung gehörte neben dem Tauschgeschäft ein 3-Millionen-Kredit für die Renovation des Restaurants Uto-Kulm und des Aussichtsturms.

Die Altstadt in Gefahr

Im Gemeinderat waren die Bürgerlichen für den Handel und klar in der Mehrheit: 70 Sitze inklusive 16 des Landesrings der Unabhängigen; SP, PdA und PoZ kamen nur auf 46, die restlichen 9 gehörten der Nationalen Aktion. Gegen den Beschluss ergriffen die Sozialdemokraten das Referendum. Ihr Präsident war Moritz Leuenberger, dem man schon damals Bundesratsambitionen nachsagte.

Linke, Altstadtbewohner und Heimatschützer, vereint in der «Aktion pro Augustinerquartier», befürchteten die Zerstörung der Altstadt, wenn der Generalunternehmer freie Hand erhält, sie prophezeiten Mietzinserhöhungen von 1000 Franken in den renovierten Wohnungen, gar von einem Einkaufszentrum war die Rede. Die Gegner warfen dem Stadtrat auch Verstoss gegen Treu und Glauben vor, weil die früheren Besitzer ihre zwei Häuser nur deshalb der Stadt für einen symbolischen Preis von 300'000 Franken verkauft hatten, um sie der Spekulation zu entziehen.

Restaurant mit sozialen Ansprüchen

Die Befürworter des Tauschhandels sammelten sich in der Aktion «Öise Üetli». Hauptargument: Ein Ausflugsrestaurant im Naherholungsgebiet muss soziale Anforderungen erfüllen. Sprich: günstige Preise, freie Tische für Wandersleute, lange Öffnungszeiten. Private Betreiber würden zuerst auf die Rendite schauen. Die Befürworter argumentierten, es gebe keine Garantie für ein Restaurant und den Aussichtsturm, wenn das Land privat bleibe.

Vor allem im Winter sei der Uetliberg für Hunderttausende Städter wichtig, wenn sie sich auf die «Flucht aus Trübsal und Nebel» machten. Auch das Komitee «Pro Uetliberg» warb für den Tausch: «De Zürcher de Üetli, dänn bliibts immer gmüetli.»

75 Prozent Nein

Karl Steiner bestritt die Vorwürfe mit einem schriftlichen Bekenntnis. Es gebe weder Abbruch noch Aushöhlung, weder Disneyland noch Luxuswohnungen, sondern ein Mietzinsniveau wie im gemeinnützigen Wohnungsbau üblich. Doch es nützte nichts. Mit 75 Prozent Nein lehnten die Zürcher den Tauschhandel ab, alle Stadtkreise waren klar dagegen.

«Das ist eine Absage an jede Veräusserung von kommunalem Besitz», kommentierte SP-Präsident Moritz Leuenberger. Was er wohl heute meint: richtiger Entscheid oder Chance verpasst? Er könne sich doch nicht an eine Gemeindeabstimmung vor 35 Jahren erinnern, antwortet der Alt-Bundesrat.

Luxushotel am Rennweg

Anfang der 80er Jahre kaufte die Schweizerische Bankgesellschaft die Steiner-Liegenschaften und schloss in zehnjähriger Arbeit acht Häuser des Augustinerquartiers zum Hotel Widder zusammen. So brachten sich die Zürcher zwar um ein Restaurant auf dem Berg, kamen dafür zum Luxushotel am Rennweg.

Noch vor der Eröffnung des Hotels stellte die Bankgesellschaft auf dem Uto-Kulm Giusep Fry als Geschäftsführer ein. Aus der Bankgesellschaft wurde später die UBS und aus dem Geschäftsführer Fry der Besitzer Fry. Aus 10 Mitarbeitern im Uto-Kulm wurden 110, und die einfache Ausflugsbeiz mutierte zur Event-Location «Top of Zurich».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.01.2012, 10:32 Uhr

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14 Kommentare

Ladislav Jirucha

23.01.2012, 10:47 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Da kommt langsam die ganze Tätigkeit des Alt-Bundesrats ans Tageslicht. Da werden wir uns noch wundern. Antworten


Rolf Raess

23.01.2012, 12:02 Uhr
Melden 35 Empfehlung

So lange das Gelände des Uto-Kulm nicht zur Stadt Zürich gehört, sind wir der Willkür von Fundamentalistinnen (ora et labora) ausgesetzt. Mit dem jetzigen Besitzer tut sich etwas Positives, auch gegen die verteuernden Widerstände der Zleidwercher vom Säuliamt… Wir Stadtzürcher sind dem heutigen (wie lange noch?) Besitzer jedenfalls dankbar. Man kann jetzt auch auf ein anständiges WC - gratis. Antworten



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