Zürich
Der «Zauderi»
Von Patrick Kühnis. Aktualisiert am 07.03.2011 1 Kommentar
Neun private Fragen
Hans Hollenstein (CVP)
Was ist Ihr Lieblingszitat?
«Je frischer der Kutscher, desto besser die Pferde.»
Welche Motorfahrzeuge stehen in Ihrer Garage?
Ein Ford Mondeo.
Welches ist Ihre liebste TV-Unterhaltungssendung?
Wenn ich fernsehe, dann nur Informations- und Politsendungen wie den «Club», die «Arena» oder «SonnTalk» auf TeleZüri.
Letzte Feriendestination?
Wandern in der Surselva.
Was kochen Sie, wenn Sie selber in der Küche stehen?
Spaghetti – meist sehr einfach mit Olivenöl, Gewürzen und Käse.
Wie viel Geld haben Sie im Portemonnaie?
240 Franken in Noten und etwas Münz.
Politisches Vorbild?
Ein eigentliches Vorbild habe ich nicht, aber es gibt viele Politiker verschiedenster Couleur, deren Fähigkeiten ich sehr schätze.
Ihr letztes Geschenk an Ehefrau Margrit?
Eine Rose, einfach so.
Ihr schlimmster politischer Fettnapf?
An der Wahlfeier für Bundespräsidentin Doris Leuthard im Aargau stand plötzlich die frisch gewählte Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer vor mir – und ich brachte ihren Namen nicht heraus. Das war mir unheimlich peinlich, aber aus diesem Fauxpas hat sich ein super Gespräch entwickelt.
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Das Missgeschick passierte, als Hans Hollenstein noch Winterthurer Stadtrat war. Auf dem traditionellen Departementsritt fiel der Chef im vollen Galopp vom Ross. Doch die Reiterkollegen staunten. Wie durch ein Wunder schaffte es der Pferdenarr, auf den Füssen zu landen. Auch die Zügel hielt er noch in der Hand. Und von einem Sturz wollte er nichts wissen. Er sei bloss «proaktiv abgestiegen».
Allen recht machen
Letzten Juni stürzte Hollenstein erneut – diesmal über seinen Hund. Diagnose: Sehnenriss. Und das ausgerechnet, als der neue Regierungspräsident als Troubleshooter gefragt war. Ein Insider hatte zuvor schwere Vorwürfe gegen das Migrationsamt erhoben: Pornografie, Schlendrian, Willkür. Der Sicherheitsdirektor versprach Aufklärung und setzte einen Gutachter ein. Gleichzeitig rief er seine Vertrauten ans Krankenbett. Es galt, politischen Schaden abzuwenden. Für die Gruppe war alsbald klar: Der Chef des Migrationsamts muss weg. Publik machte Hollenstein die Absetzung von Adrian Baumann aber erst, als der – grösstenteils entlastende – Untersuchungsbericht vorlag. Das Personal reagierte wütend auf das «Bauernopfer». Seinen Krisenstab belohnte der Politiker indes mit einem Nachtessen.
Der CVP-Mann ist stolz darauf, wie «fair» er die Affäre bewältigt habe. «Es war viel anspruchsvoller, für den Amtschef eine neue Aufgabe zu finden als ihn einfach zu entlassen.» Seine Kaderleute hätten genau beobachtet, wie er in der Krise agiere. Wieder einmal wollte es Hollenstein allen recht machen. Ein Charakterzug, der immer wieder durchschlägt, seit 1990 aus dem Versicherungsprokuristen ein Vollzeitpolitiker wurde. Sein Parteipräsident nennt ihn einen «Harmonieförderer». Andere Weggefährten sprechen dagegen von Harmoniesucht, Hilflosigkeit und Führungsschwäche. Er zaudere zu lange, bis er handle. Handle er endlich, komme meist nur ein halbgarer Kompromiss heraus.
Das Problem wegdelegiert
Beispielhaft zeigte sich das, als Sans-Papiers Ende 2008 die Predigerkirche besetzten, um gegen die rigide Härtefallpraxis zu demonstrieren. Erst schwieg der Sozialdirektor. Dann schob er seinen Chefbeamten vor und rief nach Direktiven vom Bund. Am Ende gab er nach. Seitdem hat der Kanton wieder eine Härtefallkommission, die den Linken zu streng ist und Rechte schlicht für überflüssig halten. Der Grundkonflikt blieb. Hollenstein hat ihn einfach wegdelegiert. Seine Vorlage zu den Kinderzulagen wiederum hat er so lange «verlauert», bis sie der Kanton per Notrecht einführen musste.
Hollenstein kennt die Vorwürfe. Und hält mit den Erfolgen seiner Konsenspolitik dagegen. Er fand eine Mehrheit für die Aufstockung des Polizeikorps und sieht die neue Autosteuer mit Umweltrabatt auf Kurs. Als er noch Finanzdirektor war, brachte er zwei Budgets schlank durch. In den höchsten Tönen loben Mitarbeitende den Ökonomen: Sie schätzen seine umgängliche Art, seine sauberen Güterabwägungen und den Widerwillen, einfach von oben herab zu befehlen. Gewiss: Hollenstein kann aus der Haut fahren. Doch nach fünf Minuten ist alles vergessen. In seinem Buch über strategische Führung schrieb Hollenstein: «Entscheidende Voraussetzung des Vorgesetzten ist, dass er auf seine Leute ermunternd wirkt.» Das hält er bis heute so. Er fordert das Kader heraus, verlangt Widerspruch und stellt dauernd seine Lieblingsfrage: «Gibt es Varianten?»
«Ich bin kein Sachbearbeiter»
Ähnliches bekommt Hollenstein selbst oft zu hören – im Regierungsrat. Seine Geschäfte drehen dort oft eine Ehrenrunde. Der erklärte Menschenfreund hat kein Problem damit: «Will man Krach im Staat oder Lösungen? Muss ich meine Vorlagen schon im Regierungsrat durchstieren, fallen sie spätestens im Parlament durch.»
Ein rauer Wind bläst ihm auch in den Parlamentskommissionen entgegen. Dort fällt das Urteil fast unisono vernichtend aus. Hollenstein sei schlecht vorbereitet. Er wisse oft nicht, worum es genau gehe. Und er verstecke sich hinter Chefbeamten. «Die mangelnde Dossierkenntnis ist eklatant und ärgerlich für uns. Doch das scheint ihn nicht sonderlich zu belasten», sagt ein erfahrenes Kantonsratsmitglied.
Sich mit allen Details auseinanderzusetzen, sei nicht sein Job, kontert Hollenstein. «Ich bin kein Sachbearbeiter. Meine Direktion mit 4400 Leuten führe ich, indem ich Strategien für Polizei, Soziales und Sport entwickle und deren Umsetzung kontrolliere. Für die Details habe ich Fachleute.»
Für die FDP das kleinere Übel
Besser als das Regieren liegt dem Winterthurer ohnehin das Repräsentieren. Egal, ob bei der Verabschiedung von Soldaten, an der GV eines Turnverbands oder auf TeleZüri: Hollensteins väterlich-joviale Auftritte kommen an. Im Volk ist er so populär, dass er 2007 das zweitbeste Resultat erzielte. Auch in aktuellen Umfragen liegt er vorn. Im Wahlkampf ist der Mann der Mitte aber auf sich allein gestellt. Das rot-grüne Lager, das ihm 2005 zum Regierungssitz verhalf, hat ihn als Bürgerlichen abgeschrieben. Die SVP schimpft ihn einen Linken. Und die FDP unterstützt ihn nur, weil sie ihn für das kleinere Übel hält als einen Grünen.
Deshalb heisst es für das Stehaufmännchen ein letztes Mal: Ärmel hochkrempeln und ab unter die Leute. Warmgelaufen hat er sich dafür schon im Präsidialjahr, in dem ihn seine Frau Margrit und die zwei erwachsenen Adoptivkinder nur selten sahen: Hollenstein hielt ein halbes Dutzend Referate pro Woche, nahm am Wochenende bis zu sechs Einladungen wahr. Das geht an die Substanz. Doch alle Mutmassungen, er trete vorzeitig ab, wenn er in drei Jahren den vollen Pensionsanspruch erreicht habe, zerstreut der 62-Jährige energisch: «Ich bin voller Tatendrang – und trete für die ganze Amtszeit an.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.03.2011, 21:49 Uhr
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