Der geheimnisvolle Sauriervogel überwintert in Aathal

Erstmals ist eines der wertvollsten Fossilien der Welt in der Schweiz zu sehen: Ein Archäopteryx. Den «Urvogel» nach Aathal zu bringen, kostete den Museumsdirektor Nerven – und erforderte Diskretion.

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Er war der Star der Munich Show 2011. Letztes Jahr wurde an der bedeutendsten Fossilienmesse Europas erstmals der jüngste Fund eines Archäopteryx-Fossils in der Öffentlichkeit gezeigt. Der gute Zustand begeisterte die Fachwelt, die geheimnisvollen Umstände seiner Entdeckung gaben zu reden, denn Fundort und Besitzer des elften Archäopteryx-Originals sind bis heute unbekannt.

Allerdings nicht allen: Hans-Jakob Siber, der Direktor des Sauriermuseums Aathal, kennt den Besitzer seit zwanzig Jahren. «Ich bin mit ihm per Du.» Mehr sagt er nicht. «Ich hab es versprochen.» Nur so viel lässt er sich noch entlocken: «Es handelt sich um einen Menschenfreund in reiferem Alter, der sehr viel vom Fach versteht.» Und der keinen Rummel um seine Person und keinen Volksauflauf bei der Fundstelle will.

An die zwei Millionen wert

Dass das als deutsches Kulturgut eingetragene Fossil für seinen zweiten Auftritt nicht nach Berlin oder London, sondern ins Zürcher Aatal reist, hat folglich mit den persönlichen Beziehungen Sibers zu tun. Aber auch damit, dass die eine Hand die andere wäscht: Als die Munich Show ihn vor zwei Jahren anfragte, ob er ihnen einige Jura-Dinos ausleihen könnte, sagte Siber, wie es seine Art ist, spontan zu. «Ich packte drei Lastwagen voll Dinos und brachte sie nach München.»

Er habe was bei ihm gut, sagte danach der Aussteller. Es war kein leeres Versprechen. Als der Schweizer Saurierforscher sich im vergangenen Jahr an der Messe für den Archäopteryx begeisterte, setzte der Aussteller sich für ihn ein. Siber kann es immer noch kaum glauben: «Ich bekam den Archäopteryx als Leihgabe gratis und franko.» Der Versicherungswert beträgt an die zwei Millionen Franken.

Der Museumsdirektor hatte nicht geahnt, welch kafkaesker Gang durch die Ämter ihn erwartet. «Wer Saurier ein- und ausführt, ist einiges gewohnt», sagt Siber. «Doch das war ein Hindernislauf ersten Rangs.» Hätte er einen Van Gogh oder eine mittelalterliche Prachthandschrift einführen wollen, wären sowohl Ansprechpartner wie auch Formulare vorhanden gewesen. Nicht aber, wenn das deutsche Kulturgut ein Fossil ist. «Das war ein Präzedenzfall, ein totaler Exot.» Die Bewilligung musste schliesslich vom Kanzleramt persönlich ausgestellt werden, der Bund verbürgte sich für Sibers Vertrauenswürdigkeit.

Was ist mit der Mehrwertsteuer?

Als endlich alle Unterschriften und Bewilligungen eingeholt waren, kam erst die eigentliche Knacknuss: Siber sollte 160'000 Franken für die Mehrwertsteuer hinterlegen. «Das Geld haben wir schlichtweg nicht.» Juristen stellten schliesslich fest, dass der Archäopteryx nicht mehrwertsteuerpflichtig ist. Neun Monate hatte der ganze Papierkrieg gedauert. «Das war zwar eine Nervensache, aber so etwas brauche ich», sagt Siber. Es bereite ihm sogar ein gewisses Vergnügen. «Sonst wird es mir langweilig.»

Ganz so spitz hätte es aber nicht sein müssen, findet Siber, während er die letzten Arbeiten für den von ihm konzipierten Ausstellungsraum besichtigt. Der Archäopteryx kommt in einen nachgebauten Bankentresorraum und wird in eine Ausstellung über gefiederte Saurier integriert. Der Urvogel huscht zudem als Hologramm durch den Raum.

Keine Probleme am Zoll

Hans-Jakob Siber gibt zu, er sei am Vorabend zapplig geworden, ob das Fossil noch rechtzeitig eintreffe. Dann endlich kamen die zwei Männer mit dem wertvollen Fund im Kofferraum angebraust. Den Grenzübergang in Thayngen haben sie zwei Minuten vor Torschluss erreicht, und der Beamte habe eilig und ohne näheres Hinschauen den Stempel unter das Ausfuhrpapier gesetzt. Als ob es sich nur um ein paar Flaschen Wein handelte. Dann war der Archäopteryx endlich in der Schweiz. Vor Erleichterung, dass alles geklappt hatte, gab der Chauffeur Gas – und fuhr direkt in eine Geschwindigkeitskontrolle. «Die Busse übernehmen wir», sagt Siber.


Sonderausstellung: 22. Nov. bis 21. April, www.sauriermuseum.ch.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.11.2012, 10:25 Uhr)

«Einige Sachen sind noch im Dunkeln»: Thomas Bolliger, Vize-Direktor des Sauriermuseums. (Video: Jan Derrer)

Reptil und Vogel

Der erste Archäopteryx-Fund im Jahr 1861 war eine Weltsensation. Zwei Jahre zuvor hatte Charles Darwin sein Werk «Die Entstehung der Arten» veröffentlicht. Mitten in den ideologisch geprägten Expertenstreit über die Evolutionstheorie platzte der Beweis für die Existenz eines Zwischenglieds: Der Archäopteryx hat Bauchrippen, eine lange Schwanzwirbelsäule und Zähne wie ein Reptil, aber Schwungfedern und zu einem Gabelbein verschmolzene Schlüsselbeine wie ein Vogel. Wissenschafter sprechen von einer Mosaikform.

Der Archäopteryx wird oft als Urvogel bezeichnet, manche Paläontologen, darunter der Zürcher Saurierforscher HansJakob Siber, ordnen ihn aber den gefiederten Sauriern zu. Seit kurzem ist nämlich bekannt, dass auch manche grosse Raubsaurier gefiedert waren. Ihnen dienten die Federn nicht zum Fliegen, sondern als Wärmeschutz.

Bis heute wurden elf ArchäopteryxFossilien gefunden, alle in den Steinbrüchen rund um das bayrische Solnhofen. In dem feinen Plattenkalk haben sich unzählige Überreste von Lebewesen aus dem Oberjura erhalten, darunter Flugsaurier, Schildkröten und als bedeutendste Funde die Archäopteryx-Versteinerungen. Das Fossil, das ab Donnerstag in Aathal zu besichtigen ist, gilt als eines der schönsten und interessantesten, weil das Gefieder sehr gut zu erkennen ist. So sieht man, dass die Schwanzfeder gespalten war. Der Kopf ist zersplittert, doch sind die Knochen des Skeletts fast unversehrt. Sie erlauben möglicherweise Rückschlüsse zu der bislang ungeklärten Frage, wie gut der Urvogel fliegen konnte.

Der Archäopteryx war etwa so gross wie eine Elster und lebte vor 150 Millionen Jahren wahrscheinlich auf bewaldeten Inseln im Jurameer. Sein rückwärts orientierter Daumen legt nahe, dass er ein guter Rindenkletterer war. Er ernährte sich wohl von Insekten und kleinen Echsen. (Helene Arnet)

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