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Der junge Mann und der See

Von Samira Zingaro. Aktualisiert am 20.10.2010 4 Kommentare

Bestellt man in einem Zürcher Restaurant frischen Fisch, hat ihn womöglich Adrian Gerny aus dem Wasser gezogen. Der 22-Jährige ist der einzige Berufsfischer der Stadt.

«Zum Fischer geboren»: Adrian Gerny durchquert mit seinem Boot Isbär sein Fanggebiet auf dem Zürichsee.

«Zum Fischer geboren»: Adrian Gerny durchquert mit seinem Boot Isbär sein Fanggebiet auf dem Zürichsee.
Bild: Reto Oeschger

Patent Ochsner weckten 1993 Angler-Romantik in den hiesigen Herzen. «I wär scho ging ganz gärn e Fischer gsi, alleini duss i däm Boot», hatte sich Büne Huber in «Fischer» gewünscht. Adrian Gerny lebt diesen Refrain. «Ich wurde zum Fischer geboren», sagt der Berufsfischer und legt im milchigen Licht der Herbstsonne eines seiner neun Egli-Netze im Zürichsee aus. Während der eineinhalbstündigen Bootsfahrt gibt Gerny einige solche Schlüsselsätze von sich. Wie etwa den, dass für ihn das Leben nicht mehr lebenswert wäre, wenn er verunfallen würde und nicht mehr fischen könnte.

Als Elfjähriger fuhr er erstmals mit einem Berufsfischer hinaus auf den See und kam mit dem festen Entschluss an Land, dereinst selbst von der Fischerei leben zu wollen. Heute ist Adrian Gerny doppelt so alt und der einzige Berufsfischer der Stadt Zürich. Seine Lehre absolvierte er in Freienbach, das Diplom erlangte er am Institut für Fischerei im bayerischen Starnberg. Eine Ausbildungsstätte für Fischer existiert bislang in der Schweiz nicht.

Nachwuchs fehlt

Nun tuckert sein Boot auf Höhe der Wollishofer Schiffswerft. Es ist blau-weiss und hört auf den Namen Isbär. Gerny hat eine Camel im Mundwinkel und rät: «Taufe dein Schiff nie nach einer Frau, sonst verlässt sie dich garantiert.» Anspruchsvoll, wie etwa im bekannten deutschen Märchen «Vom Fischer und seiner Frau», dürfe die Partnerin eines Fischers ohnehin nicht sein. Sie muss laut Gerny vor allem akzeptieren, dass bei jedem Fischer der Beruf die wichtigste Leidenschaft ist. Dann erst komme die Liebe. Einen Vorteil berge aber die Beziehung zu einem Fischer. «Meine Freundin weiss immer, wo ich bin.»

Generell klingt Adi Gernys Jobprofil jedoch wenig verlockend. «Du arbeitest bis 16 Stunden am Tag, auch am Wochenende. Es ist dunkel, wenn du das Bett verlässt, oft peitscht dir der Regen ins Gesicht, und im Winter frierst du dir die Hände steif. Wenn du heimkommst, stinkst du nach Fisch und bist zu müde, um auszugehen.» Es erstaunt nicht, dass der Fischerei der Nachwuchs fehlt.

Frischer Fischer für «Fritz»

Adrian Gernys Fischerei liegt seit Juni beim Campingplatz Wollishofen. Zuvor war er in Küsnacht stationiert. Szene-Gastronom Michel Péclard holte den Berufsfischer für seinen neusten Restaurant-Coup medienwirksam ans andere Seeufer. Ein frischer Fischer fischt fürs «Fischers Fritz» – beide Partner profitieren davon. Die Gäste stürmten Péclards Restaurant beim Campingplatz. Und Gernys Berufsstand – nicht selten Zielscheibe extremer Tierfreunde – war positiv im Gespräch. «Ich respektiere die Tiere sehr, mehr als jeder Tierschützer. Denn vom Fisch hängt mein Leben ab», sagt Gerny in seinem orangen Übergewand draussen auf dem See.

Insgesamt versorgt der Berufsfischer, dessen Fanggebiet bis zum Küsnachter Horn reicht, 22 Restaurants in der Stadt. Er liefert den Fisch persönlich. Reich wird Gerny davon nicht. «Der Fang bestimmt meinen Lohn. Das können heute 5 Kilo sein und morgen 100.» Die Einnahmen im fangreichen Sommer polstern die knappen Wintermonate. «Ich verdiene so viel wie ein Vorarbeiter», sagt der Fischer. Eine Angestellte hilft ihm bei der Verarbeitung – Felchenräuchermousse und Eglitartar sind Gernys Spezialitäten. Sein Verarbeitungsraum liegt hinter dem Kiosk des Campingplatzes, keine 100 Meter vom Wasser entfernt.

Fischer fördern Artenvielfalt

Auf dem See bestimmen die Natur und die Reglemente den Tagesablauf des Fischers. Tagsüber wirft Gerny seine Netze aus. «Jeder Fischer kennt die Topografie seines Fanggebiets auswendig», sagt der 22-Jährige und steuert seinen Isbär im Zickzack übers Wasser, damit die Netze richtig sinken. Zudem würden Tipps und Tricks in diesem Traditionsberuf seit Jahrhunderten von Fischer zu Fischer überliefert. Jeden Fang notiert Gerny in der obligatorischen Statistik. Im Sommer darf er die Netze ab 3 Uhr reinholen, in der Winterzeit erst ab 5 Uhr morgens. Im Herbst zieht Gerny vor allem Felchen und Egli aus dem Wasser. Netzgrösse, Anzahl der Netze und Maschenweite schreibt die Aufsicht vor. Jedes Netz ist zudem plombiert und kann dem Besitzer zugeordnet werden.

Im letzten Jahr hatten Unbekannte Gernys Netze – das Stück kostet bis zu 800 Franken – mehrmals zerschnitten. Der Kanton griff ein. Seither habe es keine Vorfälle mehr gegeben, sagt der Fischer und steuert sein Boot quer über das ruhige Wasser. «Viele glauben, dass wir den See leer fischen.» Dabei werde hier seit Urzeiten gefischt. Die Berufsfischer sind laut Gerny zudem für die Laichgewinnung von verschiedenen Fischarten zuständig, um die natürliche Vermehrung zu unterstützen. Der Felchenbestand sei zum Beispiel trotz Fischerei im Moment so gross wie seit Jahren nicht mehr. Für Gerny ist klar, was passieren würde, gäbe es ihn und seine Kollegen nicht. «Die Artenvielfalt wäre gefährdet. Nur gewisse Tiere wie etwa Weissfische könnten sich durchsetzen.»

Suche nach Grenzerfahrungen

Was Gerny fischt, tischt das «Fischers Fritz» auf – oder eben nicht. So ist es diesen Sommer passiert, dass auf dem Menü zwar Egli stand, aber keiner dieser Fische sich in Gernys Netze verirrt hatte. «Das tut den Zürchern gut. Qualität und Frische bedeuten auch, dass nicht alles immer erhältlich ist.»

Vor Zollikon bremst der junge Fischer ab. Hier ist der See gespenstische 120 Meter tief. Gerny legt die Felchennetze aus, speichert die Koordinaten in sein GPS-Gerät und fügt einen weiteren Schlüsselsatz hinzu: «Jeder Gastronom, der das ganze Jahr frischen Zürichsee-Egli anbietet, lügt.» Zwölf Stunden später, in kalter Dunkelheit, wird er die Netze in sein Boot ziehen, im Ungewissen, wie viele Eglis und Felchen den Maschen nicht entkommen konnten: «Kein Tag gleicht dem anderen.» Einmal schmettern die Wellen gegen die Bootswand, dann wieder blinzelt die Sonne versöhnlich durch den Nebel, «dass mir die Spucke wegbleibt». Grenzerfahrungen, «alleini duss i däm Boot». Gerny sucht und liebt sie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2010, 20:35 Uhr

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4 Kommentare

Urs Brunner

20.10.2010, 09:31 Uhr
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Ein Fischer allein wird sicher nicht den See leerfischen, wer da aus Naturschutzgründen dagegen ist, hat die Natur nicht verstanden. Aber das mit der Artenvielfalt ist wohl trotzdem Unsinn, schliesslich gibt es Fische schon viel länger als Fischer. Und wo wären die Arten dann wohl hergekommen, wenn die Vielfalt nicht schon vorher dagewesen wäre? Antworten


Erica Bianco

20.10.2010, 09:34 Uhr
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Mal ein erfrischender Artikel über eine Berufsgruppe, die nicht Boni oder sonstige Glorifikation sucht. Schön. Antworten



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