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Der verflixte Charme der vereisten Stadt

Von Tina Fassbind, Felix Schindler. Aktualisiert am 28.12.2010 25 Kommentare

Die zugefrorenen Seitenstrassen von Zürich erhitzen die Gemüter. Schwarzräumen oder nicht – das ist die Frage. Ein Plädoyer dafür und dagegen. Diskutieren Sie mit.

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Felix Schindler: Pro Weissräumung

Der Pfauen war weiss, eingepackt in eine dicke Schicht Schnee. Der versteckte nicht nur den schwarzen Asphalt, er schluckte auch den Schall, so dass die Autos fast geräuschlos durch die Stadt rollten. Und ich glitt praktisch den gesamten Weg auf meinen Schuhsohlen zur Schule.

Das ist über 25 Jahre her, doch seit diesem Tag sehne ich mir diese Zustände herbei. Stattdessen macht sich heute der Winterdienst mit Streusalz über das frisch verschneite Zürich her und es ist nur noch eine Frage von Minuten: Der Schnee verwandelt sich in einen schwarzen, hässlichen Matsch, der sogar mir als recht ausgeglichenem Menschen zu einer vorübergehenden Depression verhilft. Der neuerliche Salzmangel kommt mir da gerade recht.

Dabei gibt es eigentlich nur ein einziges plausibles Argument für die Schwarzräumung: Schneebedeckte Strassen sind rutschig, und damit kommen nicht alle gleich gut klar. Doch die Sicherheit, die Streusalz vermittelt, halte ich für trügerisch. Wenn die Strassen weiss sind, dann lassen viele ihr Auto zu Hause, bevor es kracht. Und die Fussgänger sind ebenfalls gewarnt und ziehen richtige Schuhe an – notfalls auch Gehhilfen. Und wenn sie unterwegs sind, dann achten sie auf die Strasse statt auf ihr Handy. Eine schneebedeckte Strasse könnte uns lehren, dass wir uns der Natur anzupassen haben – und nicht umgekehrt.

Nein, ein paar Tage im Schnee schaden uns nicht, ganz im Gegenteil. Zürich ist hektisch genug – wenn es tüchtig schneit, dann müssen wir unser Tempo ein wenig drosseln. Viele Autofahrer steigen auf Tram und Bus um oder passen ihre Geschwindigkeit an. Und die Fussgänger gehen ein paar Minuten früher aus dem Haus, halten dafür auf dem Weg zur Arbeit einen Moment inne und geniessen die Winterstimmung. Diese Stimmung vermissen viele: In einer Umfrage, die Tagesanzeiger.ch vor knapp einem Jahr durchführte, sagten 90,7 Prozent der Leser, dass sie sich über weisse Trottoirs freuen. Wann wird ihr Ruf endlich erhört?

Tina Fassbind: Pro Schwarzräumung

Sie bietet ein herrliches Bild, die frisch verschneite Stadt Zürich. All die schneebedeckten Quartiergärten und rauchenden Schornsteine über weissen Dächern. Selbst das Knirschen des frischen Schnees unter den Schuhsohlen ist ein wahrer Wohlklang. Nur leider knirscht es nicht lange in Zürich. Vielmehr gleitet und rutscht man auch nach dem grössten Schneefall innerhalb kürzester Zeit wieder allenthalben. Das trübt die gute Winterlaune rapide – vor allem, wenn man wie ich zu Fuss unterwegs ist.

Wenn die Temperaturen unter Null sinken, kann es in der Stadt richtig eklig werden. Dann lauert Glatteis unter Schneeverwehungen, dann werden Fussabdrücke im Schnee zu Eisfallen. Sogar auf den Zebrastreifen bilden sich glitschige Kristalle auf dem gelben Belag.

An solchen Tagen benötige ich für den Weg zur Arbeit viel mehr Zeit als üblich. Schliesslich muss ich die Strecke von der Haustüre bis zum Tram statt im Stechschritt fast schleichend zurücklegen. Es ist verlorene Zeit. Das macht die Rutschpartie über die Eisplatten im Quartier noch ärgerlicher. Aber es gilt ja, trotz Eis und Schnee Termine einzuhalten und pünktlich zu sein.

Dabei gehöre ich sogar zu dem Teil der Stadtbevölkerung, der das Schuhwerk den Strassenverhältnissen anpasst. Immer wieder beobachte ich Frauen, die mit hohen Absätzen einen flotten Sprint aufs Eis legen oder Männer, die in Sneakers dahinrutschen. Kein Wunder also, müssen Spitäler an besonders harten Wintertagen sogar reguläre Operationen verschieben, um alle Patienten mit Knochenbrüchen zu behandeln.

Winterromantik funktioniert in Zürich einfach nicht. Die Stadt hat keine Zeit für Schnee und Eis. Sie wird gebraucht – von Autos, Fussgängern, Velos und öffentlichen Verkehrsmitteln. Und alle wollen so rasch wie möglich trockenen Fusses und sicher von A nach B kommen. Das geht am besten, wenn die Strassen und Gehwege schwarzgeräumt sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.12.2010, 10:27 Uhr

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25 Kommentare

Robert Koch

28.12.2010, 10:53 Uhr
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Wer nicht pro Felix Schindler ist, hat ein zu hohes Anspruchsniveau und denkt nicht nachhaltig. Eine Abstimmung würde es klären. Antworten


Beat Merkli

28.12.2010, 10:56 Uhr
Melden

Seien wir doch mal ehrlich:ob es Winter ist oder nicht.Wir sind immer im Stress!Hintersinnt man sich aber einmal,merkt man,dass es im Endeffekt meistens oder nie auf die 5-oder 10minütige Verspätung ankommt.Wenn ich aber tatsächlich einen bestimmten Termin habe,langt ein SMS um sich zu entschuldigen. Ich verstehe nicht,wie manche Leute Ihr Leben riskieren nur um pünklich zu sein! Antworten



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