Der wundersame Sprung der Noten vor der Gymiprüfung

Primarlehrerinnen und Primarlehrer runden die Zeugnisnoten ihrer Schützlinge grosszügig auf, wenn diese ans Gymi wollen. Viele tun das nicht freiwillig, sondern sehen sich unter Druck.

Wenn die Mittelschule das Ziel ist, gelten fürs Zeugnis besondere Regeln: Gymischüler während des Mathematikunterrichts an einer mehrsprachigen Schule. Bild: Doris Fanconi

Wenn die Mittelschule das Ziel ist, gelten fürs Zeugnis besondere Regeln: Gymischüler während des Mathematikunterrichts an einer mehrsprachigen Schule. Bild: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf den ersten Blick fragt man sich, warum die Mathenote im Zeugnis des 12-jährigen Luca* überhaupt Anlass zu Diskussionen geben sollte. Der Sechstklässler, der in einer Zürcher Agglomerationsgemeinde zur Schule geht, ist ein klarer Fall: Note 4,5 – das ist das Fazit der Gesamtbeurteilung seiner Lehrerin. Der Durchschnitt von Lucas Prüfungsnoten liegt zwar etwas höher, suggeriert aber nichts anderes. Trotzdem steht im Zeugnis, das die Lehrerin dieser Tage ausgestellt hat, bei Mathematik eine 5.

Mit übertriebenem Wohlwollen hat das nichts zu tun. Das wäre nicht ihre Art, sagt die Lehrerin. Sie sei auch nicht anfällig für Druckversuche von Eltern, die in diesen Tagen oft anrufen, um über die Zeugnisse zu diskutieren. Der Fall ist komplizierter, und er wirft ein Licht auf ungeschriebene Gesetze, die im Kanton Zürich an der Schwelle zum Gymnasium spielen – denn Lucas Eltern wollen, dass ihr sprachbegabter Sohn die Aufnahmeprüfung macht.

Ein Teufelskreis von Vermutungen

Hinter den Kulissen dreht sich ein Teufelskreis. Gymilehrer gehen davon aus, dass Primarlehrer zu gnädig benoten, und urteilen deshalb selber strenger. Primarlehrer gehen davon aus, dass Gymilehrer übermässig streng urteilen, und heben deshalb selbst die Noten an. Es ist ein System von selbsterfüllenden Prophezeiuungen, in denen das erwartete Verhalten der Gegenseite vom eigenen Verhalten erzwungen wird.

Der Hintergrund ist folgender: Wenn ein Kind im Kanton Zürich nach der 6. Klasse ans Gymnasium will, zählen seine Erfahrungsnoten in Deutsch und Mathematik gleich viel wie jene aus den Aufnahmeprüfungen. Am Schluss entscheidet der Durchschnitt, der über einer 4,5 liegen muss. Nun wissen die Eltern von Luca genau wie dessen Lehrerin, dass dieses Ziel mit einer Erfahrungsnote von 4,5 fast unerreichbar ist. Das bestätigt Harry Huwyler, der Präsident des Verbands der Zürcher Mittelstufenlehrkräfte (ZKM). Er könne sich an keinen Schüler erinnern, der den Sprung unter solchen Voraussetzungen geschafft habe. Eine 5 im Schnitt sei das Minimum.

Die einen runden auf, die anderen ab

Lucas Lehrerin fürchtet, dass sie unter Druck geriete, wenn sie hart bleiben und auf ihrer Einschätzung beharren würde. Denn die Eltern haben ein starkes Argument: Viele andere Lehrer verhalten sich in der gleichen Situation kulant und runden grosszügig auf, wenn sie einem Kind eine Gymikarriere zutrauen – auch das bestätigt Huwyler, der aber betont, dass keine reinen Fantasienoten verteilt würden.

Die Crux daran ist, dass sich die Verantwortlichen für die Aufnahmeprüfungen auf grosszügig aufgerundete Erfahrungsnoten eingestellt haben. Sie halten dagegen, indem sie die Prüfungen besonders streng bewerten und so den Notenschnitt drücken (siehe Infobox oben rechts).

«Sonst würde jeder bestehen»

«Täte man das nicht, würde jeder bestehen», sagte Hans Keller, der frühere Projektleiter für die zentralen Aufnahmeprüfungen, einmal gegenüber der NZZ. Sein Nachfolger Martin Zimmermann, Rektor an der Kantonsschule Wetzikon, sagt, dass man dabei zwei Ziele verfolge. Primär gehe es darum, aus den vielen guten Primarschülern jene herauszufiltern, die tatsächlich Chancen auf eine Hochschulkarriere haben.

Andererseits bestehe im Kanton Zürich ein politischer Wille, die Quote der Mittelschüler ungefähr konstant zu halten, die derzeit im Langgymnasium bei 13 Prozent und insgesamt bei knapp 20 Prozent liegt. Eine offizielle Weisung dazu existiert laut Zimmermann zwar nicht. Von einer Zulassungsbeschränkung will offensichtlich niemand sprechen, weil das politisch ein heisses Eisen wäre. Die bestehende Quote habe sich aber bewährt, sagt Zimmermann, die Kantonsschulen könnten ihre Maturanden mit gutem Gewissen an die Hochschulen schicken.

Das Dilemma mit den «korrekten» Noten

In diesem System geraten Lucas Lehrerin und alle anderen, die jene Noten verteilen möchten, die sie als korrekt erachten, in ein Dilemma. Sie müssen davon ausgehen, dass die Mittelschulen annehmen, ihre Zeugnisnoten seien grosszügig aufgerundet, und dass sie dies zu korrigieren versuchen. Bleibt ihnen dann etwas anderes übrig, als selbst genauso aufzurunden, wie man es von ihnen erwartet? Müssen sie das nicht tun, um zu gewährleisten, dass ihre Schüler in der Aufnahmeprüfung die gleichen Chancen haben wie jene von anderen Lehrern?

Martin Zimmermann gibt den Primarlehrerinnen und -lehrern einen Rat, der verschiedene Interpretationen zulässt: «Sie sollten jene Noten geben, die sie für korrekt halten.» Darüber hinaus verweist er genau wie Mittelschulamtschef Marc Kummer darauf, dass das System durchlässig ist – «auch wenn das für Eltern in dieser Situation nach einem schwachen Trost klingen mag». Will heissen: Schülerinnen und Schüler haben immer noch die Chance, aus der Sekundarschule ans Gymi aufzusteigen, wenn sie das Potenzial dazu haben, aber wegen einer strengen Erfahrungsnote die Prüfung nicht schafften.

Trotzdem sind Erfahrungsnoten verlässlich

Der Bildungsforscher Urs Moser weist darauf hin, dass die Erfahrungsnoten grundsätzlich besser seien als ihr Ruf. Er spricht von einer «erstaunlichen Standardisierung» der Noten am Ende der sechsten Klasse: Kinder mit guten Erfahrungsnoten schneiden meist auch in der Aufnahmeprüfung gut ab. Allerdings zeigen die Daten auch, dass jedes Vierte mit Erfahrungsnote 5 die Probezeit am Gymi nicht besteht. Wer gemäss Zeugnis gut ist, ist also oft nicht gut genug.

ZKM-Präsident Huwyler fände es hilfreich, wenn die Bildungsdirektion beide Seiten darauf hinweisen würde, dass sie faire Noten setzen sollten. Einen anderen Ausweg sieht er nicht. Zimmermann sagt, dass es das perfekte System nun mal nicht gebe. «Es gibt in der Schweiz verschiedene Aufnahmeverfahren, und jedes hat seine Graubereiche.»

Lucas Lehrerin hat ihre Konsequenzen gezogen: In Absprache mit der Schulleitung rundete sie die Note in Mathematik grosszügig auf. Sie tat es mit gemischten Gefühlen. Was soll sie antworten, wenn Lucas schulisch ebenbürtige Kollegen, die nicht an die Gymiprüfung gehen, ihre Zeugnisse vergleichen und fragen, weshalb sie anders als Luca nur eine 4,5 bekommen haben?

* Name geändert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.02.2015, 11:09 Uhr)

Stichworte

Differenz von einer halben Note

Wie stark bei den Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium die Noten gedrückt werden müssen, damit genügend Schüler trotz guter Erfahrungsnoten durchfallen, zeigt sich derzeit besonders deutlich. Denn für die Aufnahme zum Kurzgymnasium, das an die Sekundarschule anschliesst, zählen die Erfahrungsnoten aufgrund eines politischen Beschlusses dieses Jahr erstmals nicht mehr. Das hat Konsequenzen: Bisher galt für den Prüfungsaufsatz im Fach Deutsch die interne Vorgabe, dass der Notendurchschnitt aller Prüflinge zwischen 3,3 und 3,8 liegen müsse. Neu erhöht sich dieses Zielband laut Martin Zimmermann, dem Projektleiter für die zentralen Aufnahmeprüfungen, um fast eine halbe Note. Trotzdem werden voraussichtlich nicht mehr Schüler den erforderlichen Prüfungsschnitt von 4,5 erreichen als bisher.

Artikel zum Thema

Das hilft Kindern im Prüfungsstress

Im Kanton Zürich büffeln derzeit rund 3700 Schülerinnen und Schüler für die Gymiprüfung. Lernprofis raten nicht zuletzt, Alternativen bei einem Misserfolg zu besprechen. Mehr...

«In Schweizer Gymnasien sind Kinder, die dort nicht hingehören»

Interview Sind die falschen Kinder im Gymnasium? Intelligenzforscherin Elsbeth Stern hat den IQ von Gymi-Schülern getestet – ein Drittel lag unter dem Wert von 112,6. Was das bedeutet. Mehr...

Vornoten für Gymi sollen doch zählen

Die Streichung der Vornoten für die Aufnahme ans Kurzgymnasium soll rückgängig gemacht werden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Eingetaucht: Taucher spielen mit Sardinen im Coex-Aquarium von Seoul. (29. Juli 2016)
(Bild: AP/Ahn Young-joon) Mehr...