Deutsche haben keine Chance

Reden Deutsche keine Mundart, wird ihnen mangelnder Integrationswille vorgeworfen. Versuchen sie es mit Schweizerdeutsch, ernten sie Gelächter. Was nun?

Züritüütsch oder nicht? Sprachwissenschafter Werner Koller rät dazu, sich um Mundart zu bemühen.

Züritüütsch oder nicht? Sprachwissenschafter Werner Koller rät dazu, sich um Mundart zu bemühen. Bild: Keystone

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Die Deutschen haben es nicht leicht in Zürich. Auch wenn sie sich mit allen Mitteln integrieren wollen – oder vielleicht sogar deswegen.

So wurde Heike Schmidts* Versuch, Schweizerdeutsch zu sprechen, im Keim erstickt. «Meine Schweizer Freunde haben mir gesagt, ich solle es doch besser bleiben lassen. Man kann mit allen möglichen Akzenten Schweizerdeutsch reden – nur nicht mit deutschem. Im besten Fall fanden sie meine Mundartversuche einfach süss», schildert sie ihre Erfahrungen.

«Lass es, du lernst es nie»

Ähnliches erlebte Volker Neumann*. «Die Leute haben sich als Erstes gleich mal halb totgelacht, wenn ich Schweizerdeutsch geredet habe», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch. Mittlerweile lebt Neumann seit 10 Jahren in Zürich und wird bereits für seine gute Aussprache gelobt. «Aber wenn ich dann etwas nachbohre, dann finden es die meisten nach wie vor nicht so toll, wenn man als Deutscher Mundart spricht. Ich fühle mich jedenfalls immer unwohler dabei.»

Auch Jens-Rainer Wiese, der seit 10 Jahren mit seiner Familie in der Schweiz lebt und in einem Blog seine Erlebnisse und sprachlichen Beobachtungen als Deutscher in der Schweiz festhält, kennt dieses Phänomen. «Die Aussage ‹Lass es, du lernst es nie› ist schon fast verletzend und arrogant. Auch Deutsche können Fremdsprachen lernen. Es gibt mehr Deutsche, die Schweizerdeutsch sprechen, als man vermutet», betont er.

Der Typ deutschfreundlicher Schweizer

Wiese rät allen Deutschen, ihrem Gegenüber unbedingt die Frage zu stellen, ob man Schweizerdeutsch lernen soll. Anhand der Antwort könne man dann einschätzen, welche Haltung das Gegenüber vertritt. Eine entsprechende «Typologie der deutschfreundlichen Schweizer» liefert Wiese gleich auf seinem Blog.

Dort ist etwa der «Abgrenzer» beschrieben. Jener Schweizer also, der den Deutschen davon abrät, Mundart zu sprechen. Sie hätten Angst vor dem Verlust der eigenen Identität, glaubt Wiese. Diese Theorie vertritt auch Werner Koller, Zürcher Sprachwissenschafter und Verfasser der Untersuchung «Deutsche in der Deutschschweiz». «Die Schweizer sind in einer Igelposition. Sie wollen nicht, dass ihnen jemand ins Gehege kommt. Wenn ein Deutscher Mundart spricht, dann geschieht genau das. Sie überschreiten eine Grenze», erklärt er gegenüber Tagesanzeiger.ch.

Welcher Dialekt solls denn sein?

In die ganze Mundart-Diskussion würden viele Vorurteile und Stereotypen einfliessen, betont Koller weiter. «Schweizern wird bereits in der Schule eingetrichtert, dass Sprachbeherrschung und Intelligenz zusammenhängt. Man wurde an den Fehlern gemessen, die man macht. Deutsche beherrschen die Sprache perfekt. Sie sind wortgewandt und schnell. Das führt bei Deutschschweizern zu Minderwertigkeitsgefühlen.»

Trotz all dieser Widrigkeiten rät Koller Deutschen dazu, Mundart zu reden. «Es ist sicher von Vorteil, wenn man sich bemüht, Schweizerdeutsch zu reden. Selbst wenn es Widerstände gibt. Viele Deutsche kommen mit dem Schweizerdeutsch auch sehr gut zurecht – vor allem Süddeutsche.»

Doch dann stellt sich dem Deutschen in der Schweiz bereits die nächste kritische Frage: Welcher Dialekt solls denn sein? «Wenn ich Zürichdeutsch lerne, dann werde ich im Rest der Schweiz verpönt. Baseldeutsch würde überall in der Schweiz funktionieren, aber nicht in Zürich», resümiert Jens-Rainer Wiese. «Ich müsste daher wohl am besten Bündnerisch lernen. Dann doch lieber gleich Rätoromanisch.»

*Name der Redaktion bekannt (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.05.2011, 12:29 Uhr

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