Deutscher Journalist fühlte sich wohl im Zürcher Knast

Weil er die Busse von 350 Franken nicht bezahlen wollte, ging der «Stern»-Journalist ins Gefängnis – und verursachte so Kosten von 400 Franken.

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Vor einem Jahr war Philipp Mausshardt auf der A 1 Richtung St. Gallen unterwegs, zu schnell: 116 statt 100 Stundenkilometer. Die Schweizer Behörden schickten ihm eine Busse von 350 Franken nach Deutschland, die Mausshardt nicht bezahlen wollte. Die Alternative: zwei Tage Haft.

Ein kleines Abenteuer für den Journalisten, der beim deutschen «Stern» arbeitet. Schliesslich, schrieb er im Erlebnisbericht, den er für den «Stern» verfasste und den die «NZZ am Sonntag» (Artikel online nicht verfügbar) gestern abdruckte, könne man gegen Bezahlung fast alles buchen, nur ein Aufenthalt in einem Schweizer Knast sei «unbuchbar». Und so begab sich Mausshardt ins Zürcher Oberland, Justiz-Vollzugszentrum Bachtel, wo Verkehrssünder auf Kreditkartenbetrüger und Drogendealer treffen. Sein Bericht gibt einen kleinen Einblick in den Gefängnisalltag, den Mausshardt durchaus akzeptabel fand. Jedenfalls, schrieb er, habe ihn ein wehmütiges Gefühl beschlichen, als er wieder abreisen musste.

Flachbildschirme mit 42 Sendern

Die Zelle teilte er mit Mustafa, einem Kosovo-Albaner. Mustafa habe ihm, schrieb Mausshardt, schon am ersten Abend angeboten, für ihn Gras zu besorgen, das er offenbar ins Gefängnis schmuggeln konnte. Die Zellen sind tagsüber nicht abgeschlossen. Im Raucherraum oder beim Billard können sich die Häftlinge die Zeit vertreiben. Zu essen gab es Fischstäbchen mit Kartoffeln und Spinat. Und in jedem Zimmer steht ein Fernseher mit 42 Sendern. Das seien mehr Programme, «als die meisten Hotelketten ihren zahlenden Gästen» bieten, so der Journalist.

Um 21 Uhr ist Nachtruhe im Knast. Für den 55-Jährigen kein Problem. Er wollte sowieso lesen. 200 Franken kostet ein Insasse im Bachtel. Und Mausshardt rechnet: «350 Franken Strafe gespart, 400 Franken Unterbringung verursacht. Kein schlechtes Geschäft zu meinen Gunsten.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.02.2013, 07:33 Uhr)

«Unbuchbarer» Aufenthalt: Der Journalist verspürte Wehmut, als er das Vollzugszentrum Bachtel wieder verlassen musste. (Bild: PD)

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