Die Allesköchin

Die 20-jährige Nadia Damaso hat mit ihrem ersten Kochbuch gleich einen Bestseller gelandet. Es geht darin um gesunde Ernährung, aber auf keinen Fall um Verzicht oder gar eine Diät.

Nicht weniger essen, sondern das Richtige, wie eine Avocado-Tortilla-Pizza. Darum geht es in Nadia Damasos Buch. Foto: Doris Fanconi

Nicht weniger essen, sondern das Richtige, wie eine Avocado-Tortilla-Pizza. Darum geht es in Nadia Damasos Buch. Foto: Doris Fanconi

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Prolog: Das Kochbuch in der Bibliotheksauslage machte neugierig: «Eat better not less» stand auf dem Umschlag, darunter abgebildet eine blonde Frau vor einem hübsch angerichteten Frühstück im Glas. Neue Rezeptideen von einer englischen Köchin? Warum nicht. Später die Erkenntnis: Autorin Nadia Damaso lebt nicht auf der Insel, sondern in Zürich, kommt aus Pontresina, besucht die Filmschauspielschule und ist gerade mal 20 Jahre alt. Ein ­Treffen musste her.

Einige Morgen später in Damasos Wohnung in Zürich-Oerlikon: Es ist noch früh, aber es riecht bereits nach warmen Beeren und gerösteten Nüssen. Nadia Damaso steht am Herd und rührt in einer Schüssel. Sie trägt Homedress, doch sie wirkt darin genauso frisch wie auf den Bildern im Kochbuch. Auch den Standmixer mit den antauenden Bananenscheiben kennt man aus besagtem Buch oder das Holzgestell mit den getrockneten Hortensien und den vielen Vorratsgläsern (gefüllt mit Chiasamen, Amaranth oder Kakaonibs). Nun schnetzelt die Köchin, arrangiert, spült, wischt und plaudert nebenbei, ohne je den ­Faden zu verlieren. Schnell wird klar: Nadia Damaso ist kein herangezüchtetes Kochsternchen, sondern ein Profi. Sie streicht sich über den Hals, kichert mädchenhaft und sagt: «Wenn ich etwas ­mache, dann richtig.»

15 Kilo abgespeckt

Im letzten Frühjahr schrieb sie Schweizer Kochverlage an. Mit Fona war der Vertrag innert einer Woche besiegelt. Vorgaben: 60 Rezepte, vier Monate Zeit. Damaso stellte 130 Rezepte zusammen, wählte die 100 besten davon aus, in Küche und Garten fotografierte sie alle Speisen selbst (auch ein Hobby von ihr) und schrieb dazu knapp 40 Seiten Vorwort und Einführung. Daneben besuchte sie die Filmschauspielschule. Kaum abgegeben, übersetzte sie ihr Buch während der Ferien am Strand für die E-Book-Version ins Englische. Derzeit ist die vierte Auflage ihres Erstlings im Druck – ein Bestseller. «Es freut mich, dass das Buch so gut ankommt. Doch vor Jamie Oliver auf der Bestsellerliste zu liegen, davon hätte ich vor einem Jahr nur träumen können», sagt Damaso.

«Kaffee?», fragt sie. Man ist erleichtert. Von Koffein und Teein steht in ihrem Buch kein Wort (stattdessen von einem Liter Wasser vor dem Frühstück). «Doch, Kaffee darf sein, Lust und Spass sind Teil meiner Philosophie. Tee hingegen mag ich nicht.»

Dieser Spass war es dann auch, der Nadia Damaso auf ihren Weg brachte. Im Sommer 2012 kam sie zehn Kilogramm schwerer vom Austauschjahr in Kanada zurück. Sie zeigt ein Handyfoto und sagt: «Mann, hatte ich da ein volles Gesicht.» Sie habe zwar nicht zu viel gegessen, aber das Falsche. Daraufhin informierte sie sich per Internet und aus ­Büchern über gesunde Ernährung. Eine Diät kam nicht infrage, denn sie isst gern und viel. Stattdessen experimentierte sie am Herd ohne raffinierten ­Zucker, dafür mit gesunden Fetten, komplexen Kohlenhydraten und frischem Obst und Gemüse. Sättigung und guter Geschmack waren das Credo. Dazu trieb sie wieder sechsmal die Woche Sport, wie sie es einst auf den Langlauf­ski im Engadin gelernt hatte.

Aha-Erlebnis Fertig-Brownies

Nun nimmt Damaso das Blech mit Nüssen aus dem Ofen, zerdrückt einige und steckt sich Krümel in den Mund. «Jede Kreation spornte mich an, noch mehr auszuprobieren», sagt sie. Zum Joggen nahm sie schon damals eine Kreditkarte mit. Beim Sport kam sie auf neue Ideen und Zutaten, die sie danach sofort besorgen wollte. Die Fotos ihrer Gerichte stellte sie auf Instagram. Nach einem Monat hatte sie 10 000 Abonnenten, heute sind es fast 90 000. Weil sie zudem 15 Kilogramm abgespeckt hatte, wollte sie ihre Ideen unbedingt in einem Buch weitergeben.

Das Talent fürs kreative Kochen scheint Damaso zugeflogen zu sein. Einen Kochkurs hat sie nie besucht, nie einem Sternekoch über die Schultern geschaut. Und von den Eltern hat sie in erster ­Linie die Liebe zum Sport geerbt. Doch Nadia ­Damaso kaufte sich schon mit zehn ­Jahren von ihrem Taschengeld so viele Packungen Fertig-Brownies, mischte bei, worauf sie Lust hatte, bis die Süssigkeiten ihren Vorstellungen entsprachen. In Kanada dann gewann sie gegen Kochlehrlinge auf Anhieb einen Kochwett­bewerb.

Damaso giesst etwas Milch ins Mixerglas und stellt das Gerät an. Ein Höllenkrach, bis die Bananen Softeis sind. Derweil schneidet sie Erdbeeren. Erdbeeren im Winter? «Meine Instagram-Abonnenten wohnen rund um den Globus, und ­irgendwo ist immer Saison.» Dann richtet sie das Eis an und garniert es mit den Beeren, den Nüssen und etwas Erdnuss-Topping. Jetzt wird klar, was sie meint, wenn sie sagt: «Ich will meine Emotionen weitergeben.»

Kalt, beerig und knackig

Der Test: kalt, beerig und knackig, ein Gaumenerlebnis. Sie bedankt sich für das Lob, löffelt gierig das Eis und ­erzählt von ihren Projekten. In Zukunft will sie sich voll und ganz auf ihren Weg konzentrieren. Kochmoderationen ­reizen sie – derzeit ist sie gerade am St. Moritz Gourmet Festival im Einsatz –, und all ihre Kochworkshops waren im Nu ausgebucht. Doch Damaso will mehr. Sie wünscht sich eine eigene Koch­sendung, spricht von weiteren Büchern und einem eigenen Restaurant. Neuerdings hat sie auch ein Management, dasselbe wie Dario Cologna und Sternekoch Benoît Violier aus Crissier. Sein Fazit zum Buch: Es hat Konstanz und ist genau das, was die Leute heutzutage anspricht. So ist es. Nadia Damaso gibt einem das Gefühl, es gäbe nichts Tolleres, als kreativ zu kochen.

Epilog: Bis die Fotografin kommt, ist das Bananeneis alle. Statt fürs Bild nochmals eine Portion zuzubereiten, zaubert Damaso in Minuten eine Avocado-Tortilla-Pizza. Und weil sie das, was sie macht, nur perfekt machen will, lässt sie sich auch nicht spontan bei der Arbeit filmen. Das Bananeneis jedenfalls wirkte lange nach (Sättigungsgefühl bis in die späten Nachmittagsstunden) und wird nun auch selbst zubereitet.


www.eatbetternotless.com (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.01.2016, 23:13 Uhr)

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