Die Befindlichkeit der ausländischen Akademiker

Ein deutscher Dozent kehrt wegen der SVP-Abstimmung der Schweiz den Rücken. Nun melden sich andere Akademiker mit ihren Erfahrungen zu Wort.

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Die Akademikerin Sarah Zielmann bezeichnet sich als «glücklich in der Schweiz lebende Deutsche». Sie möchte die mediale Ohrfeige des deutschen ETH-Dozenten Christoph Höcker nicht unkommentiert stehen lassen. «Soll meinen Job doch ein Bauernbub aus Obwalden übernehmen», begründete er gestern seine Kündigung.

Zielmann hat die erste Matura in den USA, die zweite in Deutschland absolviert, in Deutschland und Italien studiert und zehn Jahre in Forschung und Lehre in Deutschland und in der Schweiz gearbeitet. Die Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin findet es unfair, wenn ein Landsmann die Schweiz so unqualifiziert schlechtmache.

Mehr als dreimal mehr Lohn in der Schweiz

Die Arbeitsbedingungen für Akademiker seien in der Schweiz ungleich attraktiver als in Deutschland. So habe sie zuletzt in Deutschland weniger als 1000 Euro monatlich für eine 50-Prozent-Stelle verdient, in der Schweiz hingegen mehr als dreimal mehr. Gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs seien die Arbeitsbedingungen an Schweizer Hochschulen in der Regel viel besser: Es würden die Spesen für internationale Tagungen übernommen, wissenschaftliche Texte für Journals ins Englische übersetzt, Weiterbildung und Sekretariatsaufgaben übernommen. Das sei in Deutschland absolut nicht selbstverständlich.

In Deutschland hingegen müssten die meisten Doktoranden nebenberuflich Referate halten oder journalistische Texte verfassen, um sich die Reise an eine internationale Fachtagung überhaupt leisten zu können. «In der Schweiz haben Akademiker den Luxus, sich auf ihre Forschung konzentrieren zu können.»

Wer in die Schweiz zieht, ist integriert

Die 37-Jährige ist breit vernetzt mit deutschen Akademikern an den Unis in Zürich, Luzern, Freiburg und Lugano und kennt nur einen Deutschen, der in der Schweiz nicht glücklich geworden ist. Auch er sei nicht in die Schweiz gezogen und sei für seine Termine stets an die Uni gependelt, wie auch Christoph Höcker. «Da liegt wohl die Crux.» Alle anderen ihrer deutschen Kollegen seien bestens integriert. Zielmann ist überzeugt: «Was zählt, ist Expertise, nicht Nationalität.»

Zielmann sei im Osten Deutschlands das Auto vollständig demoliert und in Italien sei ihr das Auto aufgebrochen worden. «Das war weder eine Ossi-gegen-Wessi-Aktion, noch ein antideutsches Statement in Italien.» Genauso wenig seien Christoph Höckers Reifen aufgestochen worden, weil er ein deutsches Nummernschild habe. Zielmann hat die ganze Welt bereist und sagt: «Ich bin unsagbar dankbar, in diesem Land leben zu dürfen.» Zielmann, die heute als Projektleiterin bei der Stadt Basel arbeitet, gibt auch den Medien eine Mitschuld an der geführten Diskussion, die in ihren Augen schlecht eingeordnet wird.

«Zürich ist ein besonders hartes Pflaster»

Laut Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes, hat gerade in der Wissenschaft das Abstimmungsergebnis irritiert. «Es ist besorgniserregend und die Schweiz handelt sich damit ein grosses Problem ein.» Es werde für die Schweizer Universitäten immer schwieriger, im Ausland gute Leute zu finden. Zwar herrsche an Hochschulen für gewöhnlich eine internationale Toleranz. «Aber das Wissenschaftssystem und die Universitäten sind keine Inseln.» Hartmer ist sich sicher, dass sich diese wachsenden Integrationsprobleme nicht für alle potenziellen Dozenten mit Geld aufwiegen liessen.

Der Hochschulverband berät Lehrende, die einen Ruf aus der Schweiz erhalten haben. «Wir können diese Entwicklung nicht verschweigen und weisen Interessierte stets darauf hin, dass es nicht dasselbe ist, wie wenn sie nach Wien berufen wurden.» Zürich sei ein besonders hartes Pflaster. «Von Deutschenfeindlichkeit habe ich aus Basel beispielsweise noch nie gehört.»

Von Harvard nach Zürich – eine harte Landung

Auch Allen Reddick hat den Umzug nach Zürich schwierig erlebt. Er ist seit 21 Jahren Professor am Englischen Seminar der Universität Zürich. Dass man ihn von Harvard abgeworben hatte, habe ihm damals sehr geschmeichelt. «Doch die Landung in Zürich war hart», erzählt er.

Die Wohnungssuche sei harzig verlaufen, mehrmals hätten die Vermieter mitten in der Verhandlung von Englisch oder Hochdeutsch auf Schweizerdeutsch gewechselt. Auch am Englischen Seminar sei er mit seiner direkten Art bei den Schweizer Kollegen nicht gut angekommen. «Ich fühlte mich nicht besonders willkommen – und das war frustrierend.» Insofern könne er den Unmut, der Christoph Höcker zu seiner Aussage bewogen habe, nachvollziehen.

Wer sein Land verlässt, gibt auch etwas auf

Beim Diskurs, ob internationale Akademiker von der Schweiz profitierten, gehe eines stets vergessen: «Wer sein Land verlässt, um hier eine Stelle anzutreten, kommt nicht einfach, um abzusahnen. Er gibt auch etwas auf.» Das Ja zur Einwanderungsinitiative stehe im Gegensatz zum Ziel der Schweizer Hochschulen, international herauszuragen. «Manchmal denke ich, die Schweizer wollen lieber nicht herausragen und dafür Bestehendes bewahren.»

Die besten Bewerbungen stammen laut Allen Reddick oft aus dem Ausland und es mangle der Schweiz an genug herausragendem Nachwuchs. «Als ich studierte, machten wir alles, um die Besten zu sein. Unser Ehrgeiz war stärker als das Bedürfnis nach persönlichem Komfort.» Reddick bedauert, dass nur wenige Schweizer Studierende bereit seien, diese Art von Einsatz zu leisten. «Die Schweiz ist in der glücklichen Lage, Weltklasse zu finanzieren. Das sollte sie sich zunutze machen.»

Die ETH ist zuversichtlich

Die ETH will sich zum persönlichen Entscheid von Christoph Höcker, die ETH zu verlassen, nicht äussern. Die Forschenden seien verunsichert, wie es bezüglich der europäischen Forschungsprogramme weitergehen soll. Auch wenn die Situation zurzeit belastend sei, weil viel Unsicherheit herrsche, sei die ETH Zürich nach wie vor ein hoch attraktiver Ort, um Forschung zu betreiben und um zu studieren.

Von den 18'000 Studierenden und Doktorierenden an der ETH Zürich sind 37 Prozent aus dem Ausland. Unter den Doktorierenden macht der Ausländeranteil zwei Drittel aus; ebenso international präsentiert sich die Professorenschaft mit einem Anteil von 66 Prozent.

ZHAW: Keine negativen Rückmeldungen

Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) beschäftigt ebenfalls ausländische Dozenten. «Wir haben aber keine Rückmeldungen oder Bedenken von Dozierenden erhalten», sagt Franziska Egli Signer, Sprecherin der ZHAW.

Dies wohl deshalb, weil im Hochschulumfeld internationale Begegnungen zum Alltag gehörten und als Bereicherung empfunden würden. «Zurzeit sehen wir darum keinen Handlungsbedarf.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.02.2014, 15:42 Uhr)

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