«Die Deutschen sind überangepasst»

In Zürich wurde vor einem halben Jahr eine Selbsthilfegruppe für Deutsche gegründet. Warum deutsche Neuzuzüger in regelrechte Identitätskrisen schlittern, weiss Gruppenbetreuerin Désirée Kellner.

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Vor rund einem halben Jahr wurde die erste Selbsthilfegruppe für Deutsche gegründet. Finden noch Treffen statt?
Ja, die Gruppe existiert. Anfangs war der Wirbel gross. Inzwischen ist zum Glück Ruhe eingekehrt. Sie besteht momentan aus sechs Personen – vier Frauen und zwei Männer, einer davon ist ein Schweizer. Wir haben aber erst kürzlich ein Inserat für diese Selbsthilfegruppe geschaltet, daraufhin haben sich bereits wieder Interessenten gemeldet. Die Gruppe trifft sich alle 14 Tage jeweils am Abend zu einer 90-minütigen Sitzung. Ich habe die Sitzungen am Anfang noch begleitet und betreut. Inzwischen organisieren die Teilnehmer ihre Strukturen selbst. Ich unterstütze sie lediglich noch bei ihrer Arbeit.

Wenn die Gruppe nur aus sechs Leuten besteht, können die Probleme nicht allzu gross sein…
Das ist eine durchschnittliche Gruppengrösse. Zu Beginn kamen viele aus Neugierde. Als es aber schliesslich um den eigentlichen Aufbau der Selbsthilfegruppe ging, hat sich die Teilnehmerzahl reduziert. Das ist nicht aussergewöhnlich. Die Erfahrung zeigt, dass die Leute oft abspringen, wenn sie merken, dass es verbindlich wird, dass sie sich einbringen müssen und dass man regelmässig an den Treffen teilnehmen muss. Ist dann alles geregelt und bereit, weitet sich die Gruppe meist wieder aus.

Wie läuft denn eine solche Gruppensitzung ab?
Die Sitzung beginnt mit der gegenseitigen Begrüssung. Die Teilnehmer tauschen sich in einer ersten Runde miteinander über die Erfahrungen und Erlebnisse der Zeit seit dem letzten Treffen aus. Dabei wird ein Thema aufgegriffen, über das man danach diskutieren will. Die Diskussion über dieses Thema dauert dann rund 40 Minuten. Dabei wird unter anderem gemeinsam nach Lösungen für anfallende Probleme gesucht. Idealerweise gibt es am Ende einer Sitzung einen Ausstieg, in dem man sagt, was man aus dem Gespräch mitnehmen wird oder was man gelernt hat. Dann geht man nach Hause – oder noch was trinken.

Und wo drückt der Schuh bei den Deutschen?
Die fehlenden sozialen Kontakte sind immer wieder ein Thema. Die Frage ist, wie man sich als Neuzuzüger am besten integriert, wie bewegt man sich im beruflichen, wie im privaten Umfeld. Hier spielen insbesondere die Unterschiede in der Art der Kommunikation zwischen den Deutschen und Schweizern eine grosse Rolle. Die Gruppenmitglieder haben bemerkt, dass man in Deutschland – anders als in der Schweiz – weniger Floskeln verwendet. Die Kommunikation ist direkter und weniger freundlich und blumig. Das führt oft zu Problemen.

Wenn das Problem erkannt ist, kann man doch dagegen angehen – beispielsweise indem man die Kommunikation anpasst.
Das ist ein wichtiger Aspekt in dieser Thematik: Die Deutschen sind oft überangepasst. Sie verlieren sich selbst, weil sie alles gut machen wollen. Das kann zu einer regelrechten Identitätskrise führen. In den Sitzungen geht es daher oft auch darum, wie man sicher auftreten kann, ohne sich selbst dabei zu verleugnen. Anders gesagt: Wie gewinne ich das Selbstvertrauen zurück.

Die Deutschen leiden unter mangelndem Selbstvertrauen?
Wenn man immer wieder negative Erfahrungen macht, dann stellt man sich irgendwann selbst infrage. Viele Gruppenmitglieder sagen, sie hätten sich deshalb sogar isoliert. In der Gruppe schöpfen sie wieder Mut und bauen zudem ein soziales Netz auf. Sie haben in den Sitzungen die Möglichkeit, ihren Kummer loszuwerden. Die Deutschen wollen nicht wieder aus der Schweiz weggehen, sondern nach Lösungen suchen, um mit einer schwierigen Situation umzugehen oder ein Problem aus der Welt zu schaffen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.11.2012, 11:33 Uhr)

«Deutsche verwenden weniger Floskeln»: Gruppenbetreuerin Désirée Kellner. (Bild: ZVG)

Désirée Kellner

Désirée Kellner ist diplomierte Sozialpädagogin HFS und im Selbsthilfecenter.ch Zürich als Fachberaterin für Selbsthilfegruppen tätig.

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