Die ETH kehrt zum Atomstrom zurück – Studenten sind empört

Die Hochschule bezieht seit Anfang Jahr aus finanziellen Gründen keinen Ökostrom mehr. Sie will das gesparte Geld in die Erforschung alternativer Energien stecken.

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Die ETH macht einen Rückzieher. Erst vor vier Jahren hat sie beschlossen, einen Teil des Stroms aus ökologischen Quellen zu beziehen. Damals war das der Hochschule eine grosse Mitteilung in der internen Zeitung «ETH Life» wert. Von einer ganzheitlichen, nachhaltigen Umweltpolitik war die Rede. Inzwischen hat der Wind gedreht. Auf Anfang dieses Jahres kündigte die ETH unter dem neuen Präsidenten Ralph Eichler das Ökostrom-Abo. Klammheimlich, wie Studenten sagen: kein Wort davon in der internen Zeitung. Ausschlaggebend für die Kündigung waren offenbar finanzielle Gründe. Der Ökostrom kostete die ETH rund 800'000 Franken mehr als konventionell produzierte Energie. Dieses Geld will das Rektorat nach eigenen Angaben lieber in die Erforschung alternativer Energien stecken.

Bei vielen Studenten vor allem aus dem Bereich Umweltnaturwissenschaften löst das Kopfschütteln aus. «Man kann doch einen solchen Entscheid nicht nur aus betriebswirtschaftlicher Sicht fällen», sagt Studentin Nicole Seitz. «Damit zieht man der Forschung in diesem Bereich den Boden unter den Füssen weg.» Das sei auch ein Widerspruch zur Forderung von ETH-Forschern nach einem Atomausstieg.

Professoren bangen um Geld

Nun hat Seitz zusammen mit Sophia Rudin, Claudio Beretta und anderen eine Protestbewegung auf die Beine gestellt. Die Studenten verlangen die Rückkehr zum Ökostrom. Sie haben die Facebook-Gruppe «ETH zurück zum Ökostrom» gegründet. Und letzte Woche haben sie Ralph Eichler einen Brief mit knapp 250 Unterschriften geschickt. In ihrem Brief schreiben die Studenten, der Entscheid, aus dem Ökostrom auszusteigen, «passt nicht ins Leitbild der ETH und ist ausserdem nicht im Sinne der aktuellen Schweizer Energiepolitik».

Anfang nächster Woche geht der Brief an alle Fachvereine mit der Aufforderung, diesen via Facebook zu unterstützen. Zudem wollen die Studenten eine Petition an die Behörden lancieren. Unterstützung bekommen die Studenten von Professoren – allerdings meist nicht offen. Denn offenbar haben gerade die Befürworter eines raschen Atomausstiegs «in diesem Punkt ein delikates Verhältnis zu Ralph Eichler», wie ein Professor sagt, der seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen will. Er befürchtet, dass offene Kritik seitens der Professoren kontraproduktiv sein könnte: «Es gibt Anzeichen, dass künftig massiv mehr Geld in die Energieforschung gesteckt wird. Das dürfen wir nicht gefährden.»

Eichler: Kein grüner Vordenker

Tatsächlich hat Ralph Eichler nicht den Ruf eines grünen Vordenkers, im Gegenteil. Von Haus aus ist er Atomphysiker, und er macht keinen Hehl aus seiner Skepsis bezüglich Energiewende und Atomausstieg. «Andere Energieformen haben auch ihre Risiken, nicht nur Atomstrom», sagt er. «Der Bau von Gaskombikraftwerken oder der Bezug von Kohlestrom sind wohl kaum eine viel bessere Lösung.»

In einem E-Mail an Sophia Rudin hat Eichler das Ideal einer 2000-Watt-Gesellschaft auch schon als «nicht vertretbar» bezeichnet; in einem anderen Mail nennt er den Ökostrom «nicht marktfähig». Für die Studentengruppe ist das bezeichnend. «Die ETH beansprucht eine Vorbildfunktion für sich, aber sobald es ans Geld geht oder kompliziert wird, hört das Engagement auf», sagt Sophia Rudin.

«Lieber konkret als symbolisch»

Eichler sieht das ganz anders. Dass die ETH das Ökostrom-Abo gekündigt hat, sei kein Widerspruch zum Umweltleitbild. Er glaubt auch nicht, dass das dem Image der Hochschule schaden könnte. Die ETH habe in den letzten Jahren fünf Millionen Franken pro Jahr zusätzlich in die Energieforschung investiert. «Aber es braucht noch grosse Forschungsanstrengungen, um den Atomausstieg zu schaffen. Dafür machen wir lieber etwas Konkretes, also gezielte Forschung, als etwas Symbolisches, wie grünen Strom zu kaufen.»

Zudem subventioniere sich die ETH gewissermassen selbst, wenn sie Ökostrom beziehe, denn im Preis dafür sei ein Beitrag an die Forschung inbegriffen. «Und wer macht diese Forschung? Die ETH», sagt Eichler. «Da können wir das Geld auch gleich direkt investieren.» Im Gegensatz dazu stehe anderen Betrieben und Privatpersonen nur der Umweg über die Stromkonzerne offen, wenn sie in erneuerbare Energien investieren wollten. Eichler will nun die Studenten zu einem Gespräch einladen. «Ich finde es gut, dass sie idealistisch denken, und lobenswert, dass sie sich engagieren», sagt er. «Aber die Wirklichkeit ist etwas komplizierter.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.11.2011, 06:41 Uhr)

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