Zürich
«Die Frage ist per se schon eine Beleidigung»
Interview: Peter Bühler. Aktualisiert am 01.09.2011 94 Kommentare
Artikel zum Thema
- TV-Kritik: Hooligans führen 1 zu 0
- «Wir sind auf Massenfestnahmen spezialisiert»
- So wüteten die FCB-Hooligans in Zürich
- 49 Zürcher in München festgenommen
- Kampf gegen Hooligans
- Fünf Hooligans innert 24 Stunden identifiziert, fünf weitere verhaftet
Stichworte
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an
4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Ancillo Canepa, wie gravierend ist das Problem des Schweizer Fussballs mit gewaltbereiten Fans?
Die Liga führt pro Jahr 180 Spiele durch. Nennenswerte Ausschreitungen mit gewaltbereiten Fans sind allen Unkenrufen zum Trotz eher selten – auch wenn gewisse Politiker und Beamte via Medien das Gegenteil behaupten. Die Statistik der Fedpol bestätigt übrigens diese Aussage, nur will das niemand wahrhaben. Auch weil die Pyro-Thematik telquel mit dem Gewaltthema vermischt wird.
Lassen Sie den Vorwurf gelten, dass die Klubs und ihre Präsidenten nicht genug gegen die Gewalt unternehmen?
Entschieden nein. Auch ich bin gegen jede Art von Gewalt und Gewaltbereitschaft. Die teilweise undifferenzierten und populistischen Aussagen und Vorwürfe gewisser Politiker und Beamten zeugen von wenig Sachkenntnis.
Was müsste denn die Politik tun?
Ganz einfach: Alle Beteiligten sollen ihren Job machen. Politik, Justiz und Polizei. Gewalttätige Personen sollen konsequent verhaftet und rasch verurteilt werden. Dazu bräuchte die Polizei aber auch die entsprechenden Kompetenzen und Rahmenbedingungen. Hier ist die Politik mit Taten gefragt.
Welche Massnahmen trifft der FCZ, um Ausschreitungen im Letzigrund wie am 11. Mai beim Match Zürich gegen Basel zu verhindern?
Der FCZ gibt pro Jahr über zwei Millionen Franken für die Sicherheit aus. Wir betreiben intensive Präventivarbeit, wir sprechen Stadionverbote aus, wir klagen Täter ein, wir erheben Schadenersatzklagen, wir übermitteln der Polizei Bildmaterial, wir begleiten unsere Fans zu den Auswärtsspielen, wir stellen Bilder ins Internet und intervenieren bei der Justiz, wenn Verfahren unserer Meinung nach nur schleppend vorankommen. Was wir noch nicht gemacht haben, ist der Aufbau einer Privatarmee, aber vielleicht erwartet man das auch noch.
Sind Sie dafür, dass bei Ausschreitungen im Stadion auch in der Schweiz die Polizei eingreifen kann, wie etwa in Deutschland?
Gemäss eigenen Aussagen ist unsere Polizei dazu weder ausgebildet noch ausgerüstet. Also überlässt man diese Aufgabe den privaten Sicherheitsfirmen beziehungsweise den Vereinen.
Im Letzigrund kommt es in der Südkurve immer wieder zu Pyro- Exzessen. Wie hoch sind die Bussengelder, die der FCZ zu bezahlen hat?
Für Sicherheit und Zutrittskontrollen im Letzigrund ist das Stadion-Management der Stadt Zürich zuständig. Wir zahlen lediglich die Rechnungen – und auch die Bussen im sechsstelligen Bereich.
Der FCZ wehrte sich kürzlich gegen Pyro-Aktionen, indem er Bilder eines Petardenwerfers ins Internet stellte. Dies wurde von Datenschutz-Spezialisten kritisiert. Was hat Sie zur Massnahme bewogen?
Für mich mahlen die Mühlen der Justiz, wenn überhaupt, zu langsam. Wir haben die Bilder schon vor Monaten den zuständigen Behörden ausgehändigt. Wir konnten die Täter innert zwei Stunden identifizieren. Bereits haben wir aber eine Warnung des eidgenössischen Datenschützers erhalten. Auch so ein Thema. Der Datenschutz wird oft als Täterschutz missbraucht. Auch in anderen Fällen wären viele Verfahren ohne unsere Intervention im Sand verlaufen.
Wie viele FCZ-Fans sind im Moment von einem Rayonverbot betroffen, also vom Verbot sich an einem Matchtag in der Nähe des Letzigrunds aufzuhalten?
Rayonverbote kann nur die Polizei aussprechen. Wir gehen von rund 70 aus.
Warum gibt es in Zürich keine Schnellgerichte wie in St. Gallen?
Schnellgerichte wären auch in Zürich möglich. Doch es fehlt der politische Wille dazu.
Was tut der FCZ dafür, dass sich seine Fans bei Auswärtsspielen anständig benehmen?
Die Frage ist per se schon eine Beleidigung. Die FCZ-Fans verhalten sich bei Auswärtsspielen in der Regel ausgesprochen korrekt. Fragen Sie bei den SBB nach oder bei Lausanne Sport. Wir verloren gegen den Aufsteiger 1:2, unsere Fans akzeptierten die Niederlage. In letzter Zeit habe ich sehr viel positives Feedback erhalten. Nur in Zürich selber will das offenbar niemand wahrhaben.
Die Young Boys haben angekündigt, künftig eigene Fanbegleiter in den SBB-Zügen einzusetzen, um Schäden zu verhindern. Wie arbeitet der FCZ mit den SBB zusammen? Die SBB sind auch so ein leidiges Thema. Dauernd wird behauptet, die Fans hätten letztes Jahr Schäden in der Höhe von drei Millionen Franken verursacht. Völliger Blödsinn. Wir setzen bei Auswärtsspielen schon lange Fanbegleiter ein.
Auch das sogenannte Kombiticket gehört zu den beliebten Vorschlägen: Auswärtsfans erhalten nur ein Matchticket, wenn sie mit dem Zug anreisen. Was halten Sie davon?
Ich kann das nicht in einem Satz beantworten, die Thematik ist zu komplex. Nur so viel: Kombitickets sind eine unrealistische Variante und würden wieder neue Probleme provozieren.
Der Sicherheitsdirektor von Neuenburg will, dass Problemklubs im Vorfeld von Auswärtsspielen eine Kaution von mehreren 10 000 Franken für allfällige Schäden hinterlegen. Wäre der FCZ bereit, eine solche Kaution zu zahlen?
Das ist wieder so ein schwachsinniger Vorschlag. Wir wären unter keinen Umständen bereit, im Voraus zu bezahlen. In der Schweiz gibt es schon lange keine Sippenhaft mehr. Aber das haben offenbar noch nicht alle begriffen.
Eishockeyklubs sind in der Vergangenheit konsequenter gegen Hooligans vorgegangen. Dort gibt es kaum mehr Zoff. Warum ist das im Fussball nicht möglich.
Das stimmt so nicht. Wir können diese Leute ja nicht selber verhaften. Was man von uns erwarten kann, tun wir. Jetzt erwarte ich, dass auch die Behörden ihren Job tun. Politik und Justiz sollen endlich Rahmenbedingungen schaffen, damit die Polizei vernünftig arbeiten kann.
Die Politiker erwarten, dass die Vertreter der Fussballklubs am Donnerstag Massnahmen wie Bewilligungspflicht von Hochrisikospielen, schweizweite Rayonverbote und Meldepflicht von Hooligans zustimmen. Wird es dazu kommen?
Vernünftige und umsetzbare Vorschläge unterstützen wir.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.09.2011, 07:51 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
94 Kommentare
Auch hier wieder: Canepa vom FCZ, wie im übrigen auch die Verantwortlichen vom FCB, distanziert sich letztlich nur halbherzig von der Gewalt. Die vermutlich einzige politische Lösung ist, die Clubs solange zu Geisterspielen zu zwingen, bis sie endlich ihr Gewaltproblem - wie es jede andere Sportart auch geschafft hat - in den Griff kriegen. Dann würde sich plötzlich alles ganz schnell ändern. Antworten
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten
