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Die Frage nach Ordnung und Disziplin

Interview: Tina Fassbind. Aktualisiert am 10.01.2012 9 Kommentare

Lehrpersonen und Schulen sind verunsichert, welche Kultur in einer Klasse gepflegt werden soll. Laut dem Beratungszentrum der Pädagogischen Hochschule Zürich haben die Lehrer aber nicht nur mit den Schülern ihre Probleme.

Unruhe in der Klasse: Lehrpersonen und Schulen stellen oft die Frage, wie man Disziplin und Ordnung im Klassenzimmer aufrechterhalten und Konflikte lösen kann.

Unruhe in der Klasse: Lehrpersonen und Schulen stellen oft die Frage, wie man Disziplin und Ordnung im Klassenzimmer aufrechterhalten und Konflikte lösen kann.
Bild: Keystone

«Die Ansprüche der Eltern an Lehrpersonen und Schulen sind gestiegen»: Karl Mäder. (Bild: PHZH)

Karl Mäder und die neue Beratungsstelle

Prof. Karl Mäder leitet seit 2001 das Departement Beratung und Schulentwicklung der Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH). Das ZfB-Zentrum für Beratung ist spezialisiert auf die professionelle Beratung von Lehrpersonen, Schulleitungen, Schulbehördenmitgliedern, Teams und Schulen. Das Zentrum bietet Unterstützung zur konkreten Problembewältigung im Schulalltag und zu gewünschten Veränderungsprozessen an. Die Arbeitsweise ist ziel- und lösungsorientiert. Das ZfB ist von Montag bis Freitag zwischen 15.00 und 18.00 Uhr über das Beratungs- und Informationstelefon 043 305 50 50 oder per Mail unter beratungstelefon@phzh.ch erreichbar.

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Herr Mäder, Sie leiten die neue Beratungsstelle der PHZH, die vor einem Jahr gegründet wurde. Wie ist das erste Jahr verlaufen?
Wir haben eine gute Resonanz und konnten rund 376 Beratungsaufträge entgegennehmen. 40 Prozent davon sind Einzelberatungen von Lehrerinnen und Lehrern. Alle übrigen Anfragen sind von Schulleitungen oder Lehrerteams für ganze Schulen oder Teams eingegangen. 135 Beratungen konnten wir bereits innerhalb dieses ersten Jahres abschliessen.

Und wo drückt der Schuh?
Eine allgemeine Aussage lässt sich nicht machen. In der Beratung haben wir es mit jenen zu tun, die bereit sind, sich ein Stück weit auch zu hinterfragen und diese Gruppe ist nicht repräsentativ für die ganze Lehrerschaft. 25 Prozent der Aufträge, die wir in diesem Jahr abschliessen konnten, betrafen die Zusammenarbeit und die Konfliktbewältigung innerhalb der Lehrerschaft, der Schulleitungen oder zwischen einzelnen Lehrpersonen – aber auch mit den Eltern. An zweiter Stelle folgt mit gut 20 Prozent der Bereich Weiterentwicklung im Beruf. Insbesondere einzelne Lehrpersonen suchten Beratung darin, wie sie sich weiterentwickeln und weiterbilden könnten. 13 Prozent machten die Arbeitsbelastung, Burnout-Symptome oder persönliche Krisen im Beruf zum Thema in der Beratung.

Das sind relativ wenige Anfragen angesichts des Umstands, dass die Vermeidung von Burnout-Fällen ein zentrales Ziel der neuen Beratungsstelle ist.
Es ist tatsächlich so, dass kaum jemand zu uns in die Beratung kommt und über Burnout klagt. In sozialen und pädagogischen Berufen ist der Umgang mit den persönlichen Ressourcen aber sehr gegenwärtig. Das Thema Stress und Arbeitsbelastung kommt in den meisten Beratungsgesprächen zum Tragen, selbst wenn es nicht der primäre Anlass der Beratung ist. Auch die schwierige Zusammenarbeit in verschiedenen Berufsbereichen kann belastend sein.

Sie haben Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit den Eltern angesprochen. Was ist damit gemeint?
Die Ansprüche der Eltern an Lehrpersonen und Schulen sind gestiegen. Sie wollen beispielsweise, dass ihre Kinder den Übertritt ins Gymnasium auf jeden Fall schaffen. Auch die mangelnde Elternmitarbeit ist Thema in den Beratungsgesprächen. Hier stellt sich die Frage, was die Schulen tun können, um die Eltern zur Mitarbeit zu bewegen. Dabei ist ein reger und persönlicher Austausch durch Einzelgespräche oder Elternabende enorm wichtig.

Und wie erleben die Lehrerinnen und Lehrer die Schüler?
Der Unterricht ist heute sehr anspruchsvoll. Die Lehrpersonen haben nicht nur einen Bildungsauftrag zu erfüllen, sie sind auch konfrontiert mit Kindern und Jugendlichen, die in einer Gesellschaft aufwachsen, in der viele Normen und Werte in Frage gestellt werden. Das bringt eine Dynamik in die Klassen, die für die Klassenführung und die Unterrichtsgestaltung eine Herausforderung darstellt. Das ist immer wieder auch ein Thema in der Beratung.

Das klingt nach einem Zirkus renitenter Schüler im Klassenzimmer.
Nein, so ist es natürlich nicht. Aber es tauchen schon Fragen auf, wie man Disziplin und Ordnung im Klassenzimmer aufrechterhalten kann und wie man auf gute Art und Weise mit den Jugendlichen kommunizieren und Konflikte lösen kann. Hier spielen die verschiedenen kulturellen Hintergründe der Kinder eine wichtige Rolle.

Wie meinen Sie das?
Es sind heutzutage viele Kulturen in einem Klassenzimmer vertreten, die unterschiedliche Werthaltungen mit sich bringen. Da stellt sich die Frage, welche Kultur in einer Klasse gepflegt werden soll.

Wie lautet Ihr Ratschlag in solchen Fällen?
Im Einzelfall können wir in der Beratungsarbeit beispielsweise einen Klassenbesuch machen und den Unterricht beobachten. Dabei kann man erkennen, wie die Disziplin während der Lektion aussieht und was verändert werden könnte. Auf der Schulebene wird die Kultur meist von einem spezifischen Leitbild vorgegeben. Wo dieses im Konsens zwischen Lehrerschaft und Schulleitung erarbeitet wurde, ist schon viel getan. Es ist wichtig, dass man sich auf gemeinsame Regeln berufen kann und diese dann auch einhält. Diese Regeln und Anweisungen müssen allen ganz klar sein. Sie müssen auch mit den Schülerinnen und Schülern besprochen werden, damit sie von allen nachvollzogen und mitgetragen werden können. Darin liegt das Problem: Oft sind Lehrpersonen nicht deutlich genug in ihren Forderungen.

Was, wenn diese Regeln trotzdem nicht eingehalten werden?
Da wenden Lehrerinnen und Lehrern verschiedene Massnahmen an. Sie arbeiten beispielsweise mit einem Strafpunktesystem, versetzen Schüler an andere Plätze oder schliessen sie vom Unterricht aus. Uns geht es aber in der Beratung nicht darum, mögliche Sanktionen zu vermitteln. Wir wollen vielmehr nach Möglichkeiten suchen, um diese zu verhindern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2012, 10:58 Uhr

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9 Kommentare

Berta Müller

10.01.2012, 11:35 Uhr
Melden 15 Empfehlung

Viele Eltern wollen oder können ihre Kinder nicht erziehen.
Klar, Kinder brauchen einen gewissen Freiraum, aber man muss ihnen auch Grenzen setzen. Leider tun oder wollen viele Eltern dies heute nicht mehr.
Als Beispiel: Kinder die im Bus mit dreckigen Schuhen die Sitze verschmutzen ohne dass die Eltern eingreifen
Und deshalb sollte es die Schule tun, auch wenn das gewissen Parteien nicht passt
Antworten


Diether Pfändler

10.01.2012, 12:10 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Aufhören mit der Kuschelei. Bei uns gab es noch "Tatzen", in die Ecke stellen oder wir wurden nach Hause geschickt. Dort angekommen, segelte zuerst einmal die zwischenzeitlich genauso verpönte Ohrflattere an; abends kam Papi heim und es ging von vorne los. Glauben Sie mir, es gab ganz selten ein zweites Mal und ich finde, man sollte nicht alles von gestern als veraltet über Bord schmeissen. Antworten



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