Die Frau, die auf dem Uetliberg zum Rechten schaut

Margrith Gysel wehrt sich als Präsidentin des Vereins Pro Uetliberg seit vier Jahren gegen die illegalen Bauten auf Zürichs Hausberg. Jetzt wird sie als ewige Neinsagerin angeprangert.

Margrith Gysel bei sich zu Hause in Ringlikon.

Margrith Gysel bei sich zu Hause in Ringlikon. Bild: Thomas Burla

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«Ich bin die Hexe vom Uetliberg», begrüsst Margrith Gysel den Gast. Sie sagt es nicht verbittert, aber auch nicht leicht hin, denn sie steckt die Angriffe nicht einfach weg, denen sie ausgesetzt ist, seit Giusep Fry, der Hotelier des Üetlibergs Kulm, sie auf einem Plakat namentlich dafür verantwortlich macht, dass er seinen Kiosk abbrechen muss. «Haben Sie wirklich nichts Besseres zu tun in Ihrem traurigen Leben als für den Abbruch des Kiosk zu sorgen?», schreibt ihr ein Mann in einem Mail. «Hoffentlich werden Sie bald schwer an einer unheilbaren Krankheit erkranken.» Auf einem Web-Blog von rechtsaussen wird unter dem Titel «Margrith Gysel wühlt gern im Dunkeln» ihre Anschrift samt Telefonnummer und Mail-Adresse angegeben, mit der Aufforderung: «Sagen Sie Frau Gysel Ihre Meinung.»

Mit dem Kino am Berg begann alles

Sie könne zwar immer noch gut schlafen, aber diese Rolle habe sie nicht gesucht, sagt die 67-jährige promovierte Romanistin. Sie giesst Kaffee in die Steinguttassen mit Rosenmotiven, stülpt einen Kannenwärmer aus beigem Leinen über den Milchkrug und beginnt zu erzählen, wie alles begann. 2004, mit dem Kino am Berg, das Fry veranstalten wollte und das jene Leute, die den immer grösseren Rummel auf dem Uetliberg mit Sorge erfüllte, dazu brachte, sich zusammenzuraufen. Am 17. September folgte die Gründung des Vereins Pro Uetliberg. Dann realisierten sie beim genaueren Hinschauen, dass auf dem Zürcher Hausberg Gebäude standen, für die nie eine Baubewilligung beantragt worden war und die nach geltendem Recht auch nicht bewilligungsfähig sind.

Nicht gegen Fry – für gleiches Recht

Der Verein ist nicht rekursberechtigt, doch nahm sich der Heimatschutz der Sache an. Mittlerweile hat die Baurekurskommission den Abbruch des Kiosks verfügt und der Baudirektion und der Gemeinde Stallikon Beine gemacht: Sie müssten in Bezug auf die nicht genehmigten Bauten endlich vorwärts machen, befand die Rekursbehörde und sprach von einer Rechtsverzögerung. Dennoch bleibt Gysel für viele die «Hexe vom Uetliberg».

Dass nicht recht sein soll, was Recht ist, macht ihr zu schaffen. Und dass sie als eine lustfeindliche Neinsagerin dasteht, auch. Dabei sei sie doch eigentlich dafür. «Dafür, dass auf dem Uetliberg die Naturlandschaft mit ihrem hohen Erholungswert für eine breite Öffentlichkeit erhalten bleibt.» Dann fügt sie hinzu: «Ich verstehe aber, dass ein Spaziergänger, der auf dem Kulm seine Bratwurst essen will, erst mal findet, was soll das Gemecker.» Doch störe ja nicht die Bratwurst, sondern die Tatsache, dass der Kiosk, in dem die Bratwurst verkauft wird, nicht dort stehen dürfte. «Unser Kampf geht gar nicht in erster Linie gegen Herrn Fry und schon gar nicht gegen einen Kiosk. Pro Uetliberg geht es um rechtliche Gleichbehandlung für alle.» Sonst brauche man für jedes Dachfenster eine Bewilligung.

Margrith Gysel lebt seit 1977 in Uitikon. Sie zog damals mit ihrem Mann und den beiden 8- und 9-jährigen Töchtern in die gerade fertig erstellte Reihensiedlung in Ringlikon. Unverkennbar 70er-Jahre, verschachtelt, kleine Gärten. Im Innern: Bauernschrank, Stiche und Bilder an der Wand, Fotos ihrer vier Enkel auf der Kommode. Ein Cembalo in der Stube, weil das Klavier darin nicht Platz hätte. Nicht gestylt, sondern voller Erinnerungen. Das Ehepaar Gysel liebt Opern und Theater. Margrith Gysel schreibt zudem an einer Familiengeschichte: Über ihre Grosseltern mütterlicherseits, die in den 20er-Jahren mausarm aus Ostdeutschland ins Bernbiet zurückkamen; und über die Vorfahren väterlicherseits, eine kinderrreiche Emmentaler Bauernfamilie, die sich 1929 im Zürcher Oberland ansiedelte. Ihr Vater fand in Winterthur eine Anstellung als Gärtner, doch auf Rosen gebetet war die Familie nicht. Gegen den Willen des Vaters besuchte sie die Mittelschule in Winterthur, verdiente sich dann ihr Romanistikstudium an der Uni Zürich mit Aushilfen und Lehraufträgen. Nach dem Studium zog sie mit ihrem Mann und den Töchtern für fast sieben Jahre nach Kalifornien. Wo es ihr gefiel und doch nicht ganz wohl war: «Die gesellschaftlichen Spannungen zwischen Weissen und Schwarzen waren unterschwellig immer da.»

Wenn andere resignieren, kämpft sie

Unterdessen hat Margrith Gysel diverse Unterlagen zum Uetliberg herbeigeschafft. Darunter eine ellenlange Aufstellung der Korrespondenzen und Entscheide im Zusammenhang mit den Bauten auf dem Kulm. Sind Sie eine streitbare Frau? «Eigentlich hätte ich lieber meine Ruhe, und als Aushängeschild fühle ich mich gar nicht wohl.» Eine Bekannte sagt von ihr: «Andere rufen aus, und damit hat es sich. Sie aber lässt es nicht bei dem bewenden.»

Gysel sorgt sich um die Umwelt und gründete mit Gleichgesinnten 1987 die Grüne Partei Uitikon. Sie unterrichtete am KV Zürich und wurde Präsidentin der Lehrerinnen- und Lehrerkonferenz der Berufsschulen des Kantons Zürich. Sie sass im Verfassungsrat. Sie kümmert sich um einen bosnischen Jugendlichen, dessen Familie ausgewiesen wurde, sie verbringt Stunden und Tage mit dem Händel um den Uetliberg und sehnt sich danach, wieder einmal in aller Ruhe ein Buch zu lesen.

«Auch mir hängt der Uetliberg manchmal zum Hals raus», sagt Margrith Gysel. «Doch bin ich nicht allein. Wir haben einen gut eingespielten Vorstand. «70'000 Franken hat der Verein in den vergangenen vier Jahren für Gutachten und Juristen ausgegeben. Pro Uetliberg hat mittlerweile mehr als 300 Mitglieder und immer mehr Gönnerinnen und Gönner. Dieses Jahr fliessen die Spendengelder reichlicher als zuvor.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2009, 11:34 Uhr

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