«Die Männer haben eine Sünde begangen»

Zwei Tunesier haben am vergangenen Samstag einen Schafbock geklaut und geschlachtet. Die Tat hängt wohl mit einem islamischen Feiertag zusammen, wie Autor und Tunesien-Fachmann Amor Ben Hamida erklärt.

«Einfach ein Lamm irgendwo in einem Hinterhof zu schlachten, hat mit dem Opferfest nichts zu tun»: Tunesien-Kenner Amor Ben Hamida, Buchautor und Brückenbauer.

«Einfach ein Lamm irgendwo in einem Hinterhof zu schlachten, hat mit dem Opferfest nichts zu tun»: Tunesien-Kenner Amor Ben Hamida, Buchautor und Brückenbauer. Bild: PD

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Am vergangenen Samstag wurden zwei tunesische Asylbewerber verhaftet. Sie hatten kurz zuvor einen Lammbock geklaut und das Tier geschlachtet. Wollten die beiden Männer einfach Fleisch essen?
Das ist möglich, obwohl ich dies stark bezweifle. Viel einfacher wäre es doch gewesen, Geld zusammenzulegen und in einem Laden ein paar Koteletts zu kaufen. Wahrscheinlich wollten die beiden das islamische Opferfest begehen. In Tunesien ist dieses am vergangenen Freitag gefeiert worden.

Worum geht es bei diesem Opferfest?
Es ist einer der wichtigsten Feiertage überhaupt in der islamischen Welt. Er geht zurück auf die alttestamentarische Geschichte von Abraham, der seinen eigenen Sohn Gott opfern wollte, um seinen Glauben unter Beweis zu stellen. Gott hielt ihn schliesslich davon ab und forderte nur die Schlachtung eines Lamms. Da Abraham in der islamischen Welt als erster monotheistischer Prophet gilt, wird im Gedenken daran zum Opferfest noch heute traditionell in den meisten Familien ein Lamm geschächtet. Dieses lebt zuvor zumindest einige Tage bei der Familie, wird gefüttert, respektvoll behandelt und schliesslich unter Gebeten von einem Profi traditionell geschlachtet. Die Hälfte des Fleisches behält die Familie selbst, der Rest wird den Armen gespendet.

Hatten die Männer, sofern sie strenggläubig waren, also keine andere Wahl, als ein Lamm zu stehlen?
Ihr Verhalten hat mit dem islamischen Glauben überhaupt nichts zu tun. Erstens ist klar geregelt, dass man nur dann ein Opferlamm schlachten soll, wenn man sich dieses auch leisten kann. Schon Schulden zu machen, um ein Tier zum Opferfest kaufen zu können, widerspricht den islamischen Regeln. Ganz zu schweigen vom Klauen: Hier ist ganz klar, dass die Männer eine Sünde begangen haben. Zweitens ist auch deutlich festgelegt, dass das Tier mit Respekt behandelt werden muss. Gebete und ein Profi, der die Schlachtung durchführt, sind wichtige Voraussetzungen. Einfach ein Lamm irgendwo in einem Hinterhof zu schlachten, hat mit dem Opferfest nichts zu tun. Wahrscheinlich wollten sich die Männer einfach ein Stück Heimat in die Schweiz holen. Sie haben sich aber auch nach islamischen Regeln völlig falsch verhalten.

Wie hätten sie das Fest hier denn begehen können?
Grundsätzlich muss man sagen, dass sie in einer Ausnahmesituation sind: Flucht ins Ausland, andere Gesetze und andere Regeln als in der Heimat. Unter diesen Umständen ist es ganz klar erlaubt, auf das Opferfest zu verzichten. Oder es in einer Form zu feiern, die den Gesetzen der neuen Heimat entsprechen. Zum Beispiel mit dem Kauf von ein paar Koteletts. Das Vorgehen der Männer in diesem Fall macht mich aber wütend.

Weshalb wütend?
Sollten sie ihr Verhalten damit erklären, dass sie das Opferfest begehen wollten, ärgert mich das aus folgendem Grund: Es geht einfach nicht, die Gesetze eines Asyllandes nicht zu beachten. Manchmal hört man die Rechtfertigung, dass Schweizer Metzger, also Christen, die Tiere nicht nach der traditionellen islamischen Art und Weise schlachten und man sie deshalb nicht zum Opferfest nutzen könne. Das ist aber völlig inkonsequent. Dann dürften sie nämlich auch nie ein Sandwich von hier essen und könnten gleich wieder zurück in ihr Heimatland fahren. Hier sollte man doch konsequent sein und sich an die geltenden Regeln halten. Man muss aber auch sagen: Der Fall mit dem geklauten und geschlachteten Lamm ist die absolute Ausnahme. Zwei Männer aus Tunesien haben dies nun gemacht. In die Schweiz sind seit der Revolution aber bestimmt mehrere Tausend eingewandert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.11.2012, 15:58 Uhr)

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