Die Rache der Verlierer

Die harte Debatte um die getöteten Kinder im Fall Flaach zeigt: Empörung ist das Gefühl, das im 21. Jahrhundert die steilste Karriere gemacht hat.

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Die wirklichen Gruselgeschichten spielen bei Tag. Etwa folgende: Zwei Kinder starben am Neujahrstag. Und überall im Land erwachten die ­Vampire.

Noch wusste niemand Genaues. Die Täterin, die Mutter, wurde noch verhört. Doch schon stand die Schuldige fest: die Behörde Kesb, die die Kinder der Mutter weggenommen hatte. Der Grossvater der Kinder sagte: «Am Ende war Nathalie die Einzige, die ihre Versprechungen gehalten hat. Die Kinder mussten nie mehr ins Heim.» Und Hunderte von Leuten stimmten zu. Sie schrieben: «Die Kesb tötet.» Oder: «Jeder, der mir einen Kopf der Kesb bringt, wird belohnt!»

Das Gespenstische am Ganzen war: wie normal das wirkte. Das, was einst das Lieblingskind der Aufklärung war, die demokratische Öffentlichkeit, hat sich längst in ein Wesen verwandelt, das regelmässig tobt, droht und Köpfe fordert. Kein Gefühl hat im 21. Jahrhundert derart Karriere gemacht wie die Empörung.

Verblüffende Wut

Nur: Woher die Wut? Wie kommen Hunderte im Leben verankerte Leute dazu, ohne zu zögern Schuldsprüche zu fällen? Wie passiert es, dass Mitgefühl ansatzlos in Bosheit kippt?

Der harmloseste Grund ist sicher, dass das Netz das perfekte Medium für Rohheiten ist. Hier schreiben Nichtprofis. Und diese greifen instinktiv zu den grellsten Farben. Und das nicht ohne Grund. In einer Flut von Meinungen garantiert Grellheit zwar nicht Verständnis. Aber wenigstens Gehör.

Trotzdem ist die Wut, die sich regelmässig im Netz entleert, verblüffend. Die Schweiz ist ein wohlhabendes, gut verwaltetes Land. Doch zufriedene Leute schreiben nicht ohne Rücksicht auf Verluste. Das Misstrauen, der Verdacht, übers Ohr gehauen zu werden, ist der Ton der Ohnmacht. So reden nur Verlierer.

In der Tat hat sich öffentliche Kritik seit dem Kalten Krieg fundamental gewandelt: von links nach rechts und von kompliziert zu spontan. Davor war Kritik meist Anti-Common-Sense: Nicht das allgemein Geglaubte, sondern das Gegenteil war wahr. Die Möglichkeit, alles zu kaufen, war Konsumterror, Liebe Besitzdenken, die Freiheit nur die Freiheit der Konformisten. Diese Sorte Anklage ist längst passé. Im Internet läuft der Common Sense selbst Amok: Fehler dürfen nicht passieren. Schuldige müssen weg. Strafen sofort!

Der Kitsch der Härte

Nicht selten betonen die Ankläger dabei ihren Realismus. Sie wissen, wer betrügt, wer sich drückt, wer abzockt: Behörden, Politiker, Flüchtlinge, Manager. Gerade die Schwärze dieses Blicks gilt dabei als Beweis seiner Wahrheit. Andere verschliessen die Augen. Wir nicht!

Das Problem dabei ist, dass Kitsch nicht notwendig rosa Kitsch ist. Kitsch ist ein Gratisgefühl. Und auch Illusionslosigkeit ist ein Gefühl, das sich gratis beziehen lässt, ohne einen Preis zu zahlen, etwa durch Nachdenken. Betrogenwerden ist zwar ein kaltes Vergnügen, aber doch eines. Nicht nur Katzenbilder florieren. Sondern auch der Kitsch der Härte: stets das Schlimmste zu beschwören, an Lagen, Motiven, Massnahmen.

Die Schwärze der Sicht ist nicht zuletzt das Werk der Politik: Seit 30 Jahren arbeitet die SVP daran, Schmarotzer zu finden: Politiker, Sozialhilfeempfänger, Beamte. Der Ton hat Karriere gemacht. Auch die Linke spielt dasselbe Spiel: nur mit Managern. Und die Presse auch: Die meistverbreiteten Geschichten drehen sich um Leute, die bei etwas erwischt wurden: ein Griff in die Kasse, Nacktbilder oder das Rauchen im Rauchverbot.

Nicht umsonst ist der Lieblingsvorwurf an Ertappte dann Heuchelei. Dabei ist Heuchelei eine sehr bürgerliche Sache: Die Anerkennung der allgemeinen Norm trotz privat anderer Absichten. Wie Dostojewski sagte: Heuchelei ist die Verneigung des Lasters vor der Tugend.

Scheitern ist Scheitern

Dass Regelbruch so hart verfolgt wird, zeigt, dass die Bürgerlichkeit an Boden verliert. Das Vertrauen in den gesellschaftlichen Kitt ist weg. Der Einzelne trägt die Verantwortung: für sein Glück, sein Unglück, seine Fehler. Die eigene Optimierung ist Pflicht wie Privatsache: von Praktika und Weiterbildung über Partnerschaft und Seelenheil bis zur Schönheitskorrektur.

Es ist eine Welt, die auf allen Ebenen verliererfeindlich ist. Die Globalisierung hat die einfachen Jobs gekillt. Und das Verschwinden von allgemeinen Dogmen (ob als Staatsbürger oder in der Religion) lässt es nicht mehr zu, ein respektierter Mensch zu sein, weil man Patriot oder Gläubiger ist. Gewissheiten werden geschleift, Verstecke geschlossen. Scheitern ist nicht Schicksal, sondern Scheitern.

Kein Wunder, ist die Welt voller Verlierer. Die so erfolglos wie hart auf die Einhaltung von Regeln pochen, weil ihnen das Vertrauen fehlt. Darauf, das Richtige zu tun. Und dass das Richtige getan wird, oder zumindest versucht. Sie können eine Kindstötung nicht als todtraurige Geschichte sehen. Sondern nur als Anlass, Schuldige zu finden.

Das Problem ist, dass Misstrauen sich die eigene Berechtigung schafft. Je grösser es ist, desto stärker sind die Abwehrmassnahmen. Politik, Behörden, Firmen werden durch einen wachsenden Wall an PR-Leuten geschützt. Die alle das Gleiche behaupten: dass ihre Auftraggeber tadellos, superclever und souverän sind. Nur ist das niemand. Schon gar nicht in leitender Position, wo die Umstände mehr bewegen als man selbst.

Kein Wunder, fürchten die Verantwortlichen die Verantwortung. Sobald etwas passiert, stehen sie als Lügner im Wind. Kein Wunder, steigt sowohl das Misstrauen gegen die tatsächlich und vorgeblich Mächtigen wie auch die Abschottung dagegen. Genau das ist das Gespenstische an der Konjunktur der Empörung. Sie schafft keine Verbesserungen. Sondern nur Angst. Und Bürokratie.

Was also tun? Fürchte dich nicht. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.01.2015, 20:01 Uhr)

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