«Die Sektenbrüder wurden weggefegt»

Nach dem überdeutlichen Nein zu den Sterbehilfe-Vorlagen hoffen Dignitas-Geschäftsführer Ludwig A. Minelli wie auch EDU-Kantonsrat Hans Peter Häring auf deutliche Signale aus Bundesbern.

Über das deutliche Ergebnis zum Sterbetourismus erfreut: Ludwig A. Minelli, Geschäftsführer der Sterbehilfeorganisation Dignitas. Bild: Doris Fanconi

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Die deutlichsten Ergebnisse des Abstimmungs-Sonntag liefern die beiden Vorlagen zur Sterbehilfe. Die Initiative gegen den Sterbetourismus wurde mit über 78 Prozent, jene gegen die Suizidhilfe gar mit über 84 Prozent abgelehnt. Dignitas-Geschäftsführer Ludwig A. Minelli zeigte sich nach der Bekanntgabe des Ergebnisses gegenüber Tagesanzeiger.ch hocherfreut: «Das zeigt, dass der Souverän die Freiheit jedes Einzelnen sehr achtet und hoch einschätzt.»

Er ist der Meinung, die «Sektenbrüder und Betschwestern» sollten dem Stimmvolk ebenfalls danken, dass sie sich so klar zum Thema Sterbehilfe äusserten. «Nun müssen sie nicht weiter die Regierung mit Anfragen und Initiativen eindecken. Schliesslich hat Regierungsrat Markus Notter bereits 2007 gesagt, die Sterbehilfeorganisationen würden gut arbeiten», sagte Minelli.

«Über Parteigrenzen hinaus mobilisiert»

Zum Vorwurf, ein Sektenbruder zu sein, sagt Initiativen-Befürworter und EDU-Kantonsrat Hans Peter Häring: «lch schätze Herrn Minelli als Bürger, der eine andere Meinung hat. Wenn er auf diese Art und Weise jemanden diskreditieren will, soll er seine Ansichten behalten.» Das sehr klare Nein überrascht Häring nicht. «Bei einer Parteienstärke von sieben bis acht Prozent konnten wir Stimmbürger über die Parteigrenzen hinaus mobilisieren.»

Obwohl man auch etwas enttäuscht sei, dass sich «nicht mehr Zürcher für die Werte der Bibel und Gottes Wort» ausgesprochen hätten, ist Häring der Ansicht, dass es wertvoll war, die Problematik der Sterbehilfe thematisiert zu haben. Im Kanton Zürich sei in dieser Richtung für sie politisch aber nichts mehr zu holen.

Deshalb achte man nun genau darauf, was in Bern zum Thema Sterbehilfe geschehen werde. «Wenn dort eine zu wenig restriktive Regelung ausgearbeitet werden sollte, werden wir Gegensteuer geben.» Auch wenn das Volk die Sterbehilfe wolle, so solle das entsprechende Gesetz «gut gemacht werden», sagt Häring.

Minelli fordert Massnahmen gegen Suizidversuche

Wenn auch aus einer ganz anderen Perspektive, so schaut Minelli ebenfalls kritisch nach Bern: «Die Ergebnisse aus Zürich sind ein starkes Signal, dass der Bundesrat endlich die rechtlichen Widersprüche bei der Sterbehilfe auflöst.» Viel dringlicher hält er jedoch Massnahmen gegen die grosse Zahl von Suizidversuchen.

«Didier Burkhalter und Simonetta Sommaruga sollten das Thema endlich anpacken und sich dazu entschliessen, die über 65'000 Suizidversuche jährlich runterzubringen.» Diese würden rund 2,4 Milliarden Franken kosten und seien damit um ein Vielfaches teurer als die Fälle von Sterbehilfe. «Sie machen weniger als ein Promille der Sterbefälle in der Schweiz aus», sagt Minelli.

«So funktioniert das Stammhirn des primitiven Menschen»

Den Erfolg über die Initianten feiert Minelli im engen Kreis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Etwas überrascht ist er über die deutliche Ablehnung des Initiative gegen den Sterbetourismus. Eine nationale Umfrage hatte gezeigt, dass die Schweizer dagegen sind, dass sich Ausländer in der Schweiz in den Tod begleiten lassen.

Minelli ging laut eigenen Angaben von einem Ja-Anteil von 40 Prozent aus. Dass sich nun über 78 Prozent gegen ein Verbot aussprachen, erklärt er sich mit den aufgeklärten Zürchern. In der schweizweiten Umfrage seien ländliche Kantone, in denen wenig Ausländer lebten, im Vergleich zu Zürich zu stark gewichtet worden: «Je weniger Fremde jemand in seiner Nähe hat, desto eher ist er gegen sie. So funktioniert das Stammhirn des primitiven Menschen.»

Er führt die Entscheide der Stimmbürger auch auf die Geschichte Zürichs zurück, «das seit 1830 eindeutig liberal ist». Ausschlaggebend gewesen sei wohl die Erfahrung vieler Menschen, die aus nächster Nähe miterleben, was es heisst, wenn ein alter Mensch am Sterben ist und lange leiden muss. In einer solchen Situation wolle man die Selbstbestimmung so lange wie möglich behalten. «Deshalb wurden die Sektenbrüder und Betschwestern weggefegt», sagt Minelli.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.05.2011, 18:01 Uhr)

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