Die Stadt verordnet Eptinger

In den Zürcher Alterszentren kommt als Mineralwasser Eptinger auf den Tisch – ob das den Bewohnern schmeckt oder nicht. Auch bei anderen Lebensmitteln gibt es Einheitskost.

«Eine gute Gewohnheit», hiess einst der Werbeslogan des Wassers.


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Die Bewohnerin fühlt sich eigentlich gut aufgehoben im Stadtzürcher Altersheim Kalchbühl. Etwas aber passt ihr nicht. Das Gratis-Mineralwasser, das zum Essen aufgetischt wird, stammt aus dem Baselbiet und schmeckt ihr nicht. Als sie nachfragte, ob man nicht ein anderes Mineralwasser bestellen könnte, winkte man ab, erzählt sie. Das liege nicht in ihrer Hand, das werde in der Stadt oben entschieden. Und dort hat man festgelegt: In den 25 Alterszentren, zehn Pflegezentren, den beiden Stadtspitälern und den städtischen Sozialen Einrichtungen und Betrieben kommt Eptinger auf den Tisch.

«Es ist tatsächlich so, dass Eptinger die Submission des Mineralwassers gewonnen hat», bestätigt Vera Schädler, Pressesprecherin beim Gesundheits- und Umweltdepartement der Stadt Zürich. «Es gibt aber auch anderes zu trinken – mit oder ohne Zucker. Zum Beispiel haben wir Tee im Angebot.» Und natürlich Züri-Wasser aus dem Hahnen.

Weshalb aber dieses Einheits-Blötterliwasser? Weshalb kann man im «Kalchbühl» nicht Henniez und im «Sidefädeli» Valser-Wasser einkaufen? Das nennt sich koordinierte Beschaffung. Die Stadt ist gesetzlich verpflichtet, Artikel ab einem bestimmten Schwellenwert öffentlich auszuschreiben und zwar nach der kantonalen Submissionsverordnung. Das betrifft im übrigen nicht nur das Mineralwasser, sondern die meisten Lebensmittel und auch Non-Food-Artikel wie Toilettenpapier.

Es geht nicht nur ums Sparen

«Dadurch dass wir die Beschaffung bündeln, werden wir automatisch zum Grossabnehmer», sagt Schädler. Beim Mineralwasser beispielsweise geht es um 1,2 Millionen Flaschen pro Jahr. Und das wirkt sich natürlich positiv auf den Preis aus. Doch gehe es nicht nur ums Sparen. «Die Produkte müssen auch den ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Anforderungen der Stadt entsprechen», sagt Schädler. Bei der Vergabe des Mineralwasser-Auftrags sei zudem eine Ernährungsberaterin hinzugezogen worden, um festzulegen, welche Kriterien das Wasser erfüllen muss. Dabei ging es in erster Linie um den Gehalt an Calcium und Magnesium. Das Verfahren läuft so ab: Die Mitarbeiterinnen der koordinierten Beschaffung erarbeiten mit einem Fachgremium die Submissionsgrundlagen. Dann können die Firmen offerieren. Die Vergaben laufen für eine gewisse Zeit, danach werden die Aufträge neu ausgeschrieben.

Welches Bier trinkt die Stadt?

Wird hier nicht eine gewaltige Bürokratie aufgebaut? Wäre es nicht viel einfacher und näher beim Kunden, wenn der jeweilige Küchenchef autonom einkaufen könnte? Anfänglich habe es schon Diskussionen gegeben, sagt die Mitarbeiterin eines Altersheims. Vor allem die Küchenteams taten sich teilweise schwer mit der Bevormundung. Doch habe sich das System unterdessen eingespielt. Er bestelle jetzt einfach auf dem von der Stadt erstellten Tool statt beim Lieferanten selbst, sagt der Küchenchef eines Pflegezentrums. Und die Lieferanten liefern ihm dann direkt frei Haus.

Anfänglich hatte er sich hin und wieder geärgert, weil er gerne mehr Bioprodukte eingekauft hätte als auf dem von der Stadt ausgearbeiteten «Poschtizettel» aufgeführt waren. Das Angebot sei in der Hinsicht aber viel besser geworden. Auch sind gewisse Saisonprodukte wie Erdbeeren nicht von diesem Submissionsverfahren betroffen. Und wenn er für seinen Lehrling einen Hummer braucht, weil die Zubereitung von Krustentieren zur Ausbildung gehört, muss er dafür nicht zur Stadt rennen.

Die Bewohnerin des Kalchbühls muss sich also damit abfinden, dass sie mindestens bis zur nächsten Vergabe-Runde Eptinger trinken muss. Oder Züri-Wasser aus dem Hahnen. Oder sie steigt auf Bier um. Das muss sie zwar bezahlen und auch dort sind die Marken von der Stadt verordnet. Doch ist die Auswahl beachtlich, gibt es doch von fast jeder Sorte eins: helles, trübes, dunkles, grosse und kleine Flasche. Alle fein säuberlich submissioniert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.02.2016, 11:34 Uhr)

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