Zürich
Die Taktiererin
Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 01.03.2011 2 Kommentare
Neun private Fragen Regine Aeppli (SP)
Was ist Ihr Lieblingszitat?
«I brauch a Gedankn» (Gerhart Polt aus:«Die Rede»).
Welche Motorfahrzeuge stehen in Ihrer Garage?
Ein Hybrid aus Japan.
Welches ist Ihre liebste TV-Unterhaltungssendung?
Giacobbo/Müller (die einzige, die ich regelmässig schaue).
Letzte Feriendestination?
Engadin.
Was kochen Sie, wenn Sie selber am Herd stehen?
Nach Rezepten von Jamie Oliver, Peter Brunner und Regine Aeppli.
Wie viel Geld haben Sie im Portemonnaie?
161.30 Franken und 35 Euro.
Politisches Vorbild?
Aung San Suu Kyi (Burma), Barack Obama.
Ihr letztes Geschenk an Ehemann Thomas?
Ein Geburtstagsüberraschungsapéro.
Ihr schlimmster politischer Fettnapf?
Den gibt es sicher, ich habe ihn aber erfolgreich verdrängt.
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«Nicht die Verbreitung von Wahrheiten hatte mich in die Politik geführt, sondern das Bedürfnis, etwas mit Kreativität zu verändern.» So beschreibt Regine Aeppli auf ihrer Homepage ihre Lust am Regieren. In der Tat hat die sozialdemokratische Bildungsdirektorin kein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein: Ihre Auftritte sind unspektakulär, wirken übervorsichtig: «Ich muss eben jedes Wort auf die Goldwaage legen» sagt sie. Regine Aeppli ist nicht Emilie Lieberherr, die gerne die Ärmel hochkrempelte und sich am liebsten mit Pauken und Trompeten vor den Massen produzierte. Aeppli fühlt sich vor Kameras unwohl, und von ihrem Veränderungswillen ist selten etwas zu spüren. Am ehesten bei der ausserfamiliären Kinderbetreuung. Als berufstätige Mutter mit zwei erwachsenen Kindern sind ihr Krippen und Horte ein Herzensanliegen. Sie hat erlebt, wie schwierig es ist, Erziehungspflichten und Beruf miteinander zu vereinbaren. 1999 hatte sie wegen ihrer Kinder gar auf eine Regierungsratskandidatur verzichtet.
Und noch ein Thema hat Aeppli in den letzten Jahren aus der Reserve gelockt. Die Finanzen. In der deutschen «Zeit» hatte sie ungewohnt kämpferisch den Steuerwettbewerb verurteilt und vom «Raubbau» am Staat gewarnt. Das hat zwar ein Murren im bürgerlichen Regierungrat ausgelöst. Doch am Ende lohnte sich das Ritzen des Kollegialprinzips. Die Volksschule kam bei den jüngsten Sparbeschlüssen fast ungeschoren davon.
«Jede Reform hat Fehler»
Kein Wunder, fühlt sich die Zürcher Lehrerschaft von Aeppli gut vertreten, auch aus dem Gewerbe ist kaum Negatives zu hören. In den Hochschulen ist man nach einer zwischenzeitlichen Hörsaalbesetzung mehr oder weniger zufrieden. Offene Kritik gegen Aeppli gibt es nur von der SVP. Sie prangert das Chaos in den Schulen an. Aber es ist allzu offensichtlich, dass es sich dabei um Wahlkampf-Trommelfeuer gegen die SP-Regierungsrätin handelt. Es gibt zwar in den Schulen Probleme, aber von Chaos kann keine Rede sein. Regine Aeppli hat in den letzten vier Jahren das Volksschulgesetz umgesetzt. Schulleitungen, professionelle Aufsicht, Elternarbeit und vor allem die Integration von schwachen und auffälligen Schülern in die Regelklassen.
Doch all diese Schulreformen laufen schon lange und sind nicht von Aeppli angestossen worden. Die 58-jährige Sozialdemokratin vollendet sie nur. Dabei leistet sie aber solide Arbeit. Das attestieren ihr selbst politische Gegner. Solid ist die Arbeit vor allem, weil Aeppli zu Korrekturen bereit ist. Sie hat nämlich gemerkt, dass nicht alles, was auf Papier gut tönt, auch praktikabel ist. «Jede Reform bringt Fehler mit sich», sagt sie selbstkritisch. Hauptproblem war in den letzten Jahren die steigende Belastung der Lehrpersonen. Aepplis Verdienst ist, dass sie deren Klagen nicht als Gejammer abgetan hat. Ihr Vorgänger hatte der Lehrerschaft zwar auch Entlastung und bessere Löhne versprochen. Eingelöst hat dieses Versprechen aber erst Regine Aeppli.
Den Widersachern entgegengekommen
Sie galt bereits im Nationalrat als unideologische Brückenbauerin und als Fachfrau des gutschweizerischen Kompromisses. Diese Stärke konnte sie in den letzten vier Jahren gut gebrauchen. Aeppli hat eigentlich nichts anders getan als Kompromisse gesucht. Auf dieser Suche war sie gegenüber den Reformgegnern zu weit gehenden Konzessionen bereit. Selbst ihre eigenen Überzeugungen hat sie dem Frieden zuliebe zurückgestellt oder aufgegeben. Die Einführung der Grundstufe hat sie zum wiederholten Mal verschoben, die Sekundarschule wird unverändert unübersichtlich weitergeführt.
Auch bei der Integration ist sie zurückgekrebst und hat die Liste der Ausnahmeregeln verlängert. Wie weit die Bildungsdirektorin ihren Widersachern entgegengekommen ist, zeigte sich an Aepplis Pressekonferenz zur Zukunft der Sekundarschule. Dort durfte der konservative Lehrervertreter Hans-Peter Amstutz eine Umkehr in der Lehrerbildung fordern, obwohl dies überhaupt nicht das Thema war.
Führen an der kurzen Leine
Bildung könne eben nicht per Kommandowirtschaft verordnet werden, sagt Aeppli. Darum habe sie auf den Dialog mit den Lehrpersonen gesetzt. Mindestens bei den Konservativsten unter ihnen hat sie damit gepunktet. Vor kurzem hat Urs Loosli, Präsident des Zürcher Sekundarlehrerverbandes, von einer «neuen Kultur der Zusammenarbeit» gesprochen.
Hinter den Kulissen wurden die Kompromisse allerdings nicht so harmonisch ausgehandelt, wie sie kommuniziert werden. Wenn Aeppli will, kann sie die Tonart auf «ziemlich unangenehm» wechseln, ist aus unterschiedlichen Quellen zu vernehmen. Sie werde zuweilen ungeduldig und könne selbst Parlamentarier in Kommissionssitzungen in den Senkel stellen. Auf Kritik reagiert sie oft gereizt, und auch in der Zentralverwaltung hat sie die Zügel angezogen. Im Unterschied zu früher dürfen den Medien heute höchstens noch handverlesene Mitarbeiter Auskunft geben.
Das Erreichte erhalten
Die häufigen Kontakte mit Andersdenkenden haben Regine Aeppli, die aus freisinnigem Elternhaus stammt, endgültig an den gemässigten Rand der SP rücken lassen. Das neue Parteiprogramm mag sie zwar nicht offen kritisieren, aber unter «Überwindung des Kapitalismus» versteht sie lediglich die «Überwindung des Kasino-Kapitalismus», und statt der Abschaffung der Armee wünscht sie sich einen neuen Auftrag für dieselbe. Ihre Haltungen kommen – mindestens in der Bildungspolitik – dem Status quo ziemlich nahe.
Regine Aeppli ging in die Politik, weil sie kreativ etwas verändern wollte. Als Bildungsdirektorin hat sie sich bisher vor allem für den Erhalt des Erreichten eingesetzt – mit viel Taktieren und manchmal auch kreativ. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.02.2011, 22:26 Uhr
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2 Kommentare
Bei Frau Aeppli hatte ich immer Zweifel und ich konnte NIE verstehen, warum der Kanton oder die Stadt diese Frau derart lange im Amt gehalten hat. Keine Power - kein Vorwärts und ohne Strategie für die Durchführung.
Frisches Blut muss her - eine Person die gouragiert endlich mit Neuem Brauchbarem antritt und dies auch sofort umsetzt. Es geht nämlich wie erlebte Resultate zeigen.
aw
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Frau Regine Aeppli obliegt die Aufsicht auch über das private Bildungswesen.
Seit Monaten melden angebl. ehem. Absolventen einer Handelsschule in einer Facebookgruppe: Erschleichen der LAP + weitere massive Missstände. Andere Schülerinnen äusserten sich im Nov.2010 vor der Kamera von TeleTop mehr als deutlich. Statt auf Verfahren hinzuweisen, ist eine mutige Intervention längst überfällig
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