Die arme Braut, die sich traut

Fisibach will zum Kanton Zürich wechseln. Hauptargumente sind für die Aargauer Kleingemeinde die Zürcher Schulen und eine geplante Grossfusion.

Die schmucke Gemeinde Fisibach im Bachsertal. Einheimische Bauern und Zürcher Zuzüger wohnen im Grünen, zwischen Aargau und Zürcher Unterland. Foto: Urs Jaudas

Die schmucke Gemeinde Fisibach im Bachsertal. Einheimische Bauern und Zürcher Zuzüger wohnen im Grünen, zwischen Aargau und Zürcher Unterland. Foto: Urs Jaudas

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Vor dem schmucken Gasthof Bären sind auffallend viele Zürcher Autos parkiert. Wirt Pierre Arn hat Bachsertaler Biorauchforelle, die aus dem Fisibach gezogen wurde, an Safran-Butter-Sauce auf der Karte. Er hört von den Gästen heute Abend den immer gleichen Spruch: «Häsch d ZH-Schilder a dim Charre scho montiert?» Arn findet diese Sprüche mässig lustig. Er ist Bern-Jurassier und hat von Kantonswechseln genug.

Gemeindeammann Marcel Baldinger kommt mit Schulpflegepräsidentin Irene Ritter in die Beiz. Als Landwirt ist Baldinger zwar schön braun, aber so richtig frisch wirkt er nicht. Seine Gemeinde hat ihm eine Woche vor Ostern ein Ei gelegt. Und statt im lockeren Nebenamt muss er das 460-Seelen-Dorf nun fast im Vollamt managen. Eben war das welsche Fernsehen da. «Was wollen bloss all die Medien von uns?» Mit Ausnahme des Jura und des Laufentals wäre Fisibach die erste Gemeinde, die in der Schweiz den Kanton wechselt.

Fisibach möche zürcherisch werden
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Im nördlichen Aargau hatten vor zwei Wochen zehn Gemeinden über die vertiefte Prüfung eines Zusammenschlusses von Zurzibieter Gemeinden abgestimmt. Sie heissen unter anderem Baldingen, Mellikon, Böbikon, Rümikon oder eben Fisibach. Sie gehören alle zu den kleinsten Gemeinden im Aargau – schöne Dörfchen mit Riegelhäusern und viel Wald. Das Städtchen Kaiserstuhl ist mit 0,32 Quadratkilometern die flächenmässig kleinste Gemeinde der Schweiz. Neun Gemeinden haben sehr deutlich Ja gesagt zu einer Prüfung, der Bezirksort Bad Zurzach gar mit 113:1.

Ein Hobby für Profis

Bloss die Gemeinde von Ammann Baldinger machte auf unbeugsame Gallier – mit 58 Nein zu 30 Ja. Schlimmer noch für Baldinger, welcher der Fusionsprüfung positiv gegenüberstand: Ein Spontan-­Antrag zur Prüfung eines Wechsels von Fisibach vom Aargau zum Kanton Zürich fand bei den 88 Gemeindeversammlungs-Teilnehmern 52 Ja-Stimmen. Marcel Baldinger wurde urplötzlich vom Bauern und Hobbypolitiker zur Schlüsselperson eines Prozederes, das rund um den Jura seit Jahrzehnten eine ganze Reihe von Rechtsgelehrten und Profipolitikern überfordert.

Treffen im Gasthof Bären: Gemeindeammann Marcel Baldinger und Schulpflegepräsidentin Irene Ritter am Stammtisch.

Baldinger seufzt, wenn er ans weitere Vorgehen denkt. Eben hatte der Aargauer Innenminister – SP-Regierungsrat Urs Hofmann – den langen Weg von ­Aarau nach Fisibach unter die Räder genommen mit einer Bundesverfassung in der Aktentasche. Artikel 53 regelt «Änderungen im Bestand der Kantone». Seither ist Ammann Baldinger etwas schlauer. «Zehn Jahre wird ein solcher Wechsel wohl schon dauern», glaubt er.

Über das Ergebnis des ersten Kontaktes haben Hofmann und Baldinger Stillschweigen vereinbart. «Begeistert war Hofmann über unsere Idee wohl nicht», sagt der Fisibacher Ammann. Aber ein «bluttes Nein» zum Wechsel erwartet man in Fisibach ebenso wenig. In den nächsten zwei Wochen will der Gemeinderat eine «Voranfrage» an den Aargauer Regierungsrat schicken. Baldinger betont am Stammtisch im Bären energisch: «Nur eine Voranfrage, kein Wechsel­gesuch!» Dann muss der Aargauer Regierungsrat erst mal entscheiden, ob er ­bereit ist, erste Schritte einzuleiten.

Das weitere Prozedere kurz zusammengefasst: Zustimmen müssten die betroffene Bevölkerung, die Kantone Aargau und Zürich sowie die Bundesversammlung, und es gäbe die Möglichkeit eines fakultativen Referendums in der ganzen Schweiz. In beiden Kantonen gibt es keine ausdrücklichen Rechtsgrundlagen für den Kantonswechsel einer Gemeinde. Die Regierungen müssten wohl zuerst einen Staatsvertrag ausarbeiten, der von beiden Kantonsparlamenten genehmigt und einer Volksabstimmung unterstellt werden müsste. Doch bevor die grosse gesetzgeberische Mühle angeworfen wird, muss Fisibach seinen Spontan-Antrag demokratisch richtig abstützen.

Das Zurzibiet stagniert

«Mir gehts vor allem um die Schule», sagt Schulpflegepräsidentin Irene Ritter energisch. Man spürt, dass sie sich vom Kanton Zürich mehr verspricht. Seit einem Jahr besuchen 22 Fisibacher Primarschüler die Schule im zürcherischen Weiach: ein Kilometer mit dem Velo nach Kaiserstuhl und drei Minuten mit dem Bus nach Weiach. «Das hat sich sehr gut angelassen», sagt Ritter. Sieben ältere Schüler würden «noch» an die Oberstufe in Bad Zurzach gehen, das bereits zwölf Kilometer entfernt ist. Ab nächstem Schuljahr werden die Schüler ab der 6. Primarklasse Weiach die 1. Oberstufe im sieben Kilometer entfernten zürcherischen Stadel besuchen. Irene Ritter befürchtet, dass Zurzach die Oberstufe irgendwann aufgeben muss.

Das Zurzibiet stagniert: Ortsschild von Fisibach. Bild: Urs Jaudas

Die Fisibacher spüren: Das Zürcher Unterland boomt, das Zurzibiet stagniert. Die Zürcher Schulen werden ausgebaut, im Aargau drohen Sparübungen. Ammann Baldinger ist überzeugt: «Hauptgrund für die Idee eines Kantonswechsels ist die Angst, dass wir mit der Schule zurückwechseln müssen.» Zürich lockt zudem mit weiteren Vorzügen: Die Pfadi ist in Weiach, der FC in Glattfelden, zum Einkaufen geht man neben Zurzach auch nach Weiach, Bülach, Dielsdorf oder gar Zürich. «In Aarau brauchen wir höchstens das Passamt», ergänzt Irene Ritter. Nur bei der Feuerwehr hapert es mit der Zusammenarbeit. «In Zürich brennt es anders», sagt Marcel Baldinger, «nur schon weil die Aargauer Feuerwehrautos rot sind und die Zürcher gelb.»

Aargauisch, Zürich-orientiert

80 bis 90 Prozent der Zuzüger von ­Fisibach kommen aus dem Kanton Zürich. «Bei uns kostet das Bauland 300 bis 400 Franken, in Bülach 2000 Franken», weiss Baldinger. Das heisst: «Piloten und Vielverdiener ziehen ins steuergünstige Neerach, junge Familien mit Kindern kommen zu uns.» Die Millionäre fehlen, der Steuerfuss ist 118 Prozent, Fisibach bekommt von Aarau 400'000 bis 500'000 Franken Finanzausgleich.

Beim Buhlen um eine Aufnahme im Aargau ist Fisibach eine arme Braut ohne politische Lobby. Zürich wird sich kaum um eine darbende Randgemeinde reissen. Auch prestigemässig würden die 577 Fisibacher Hektaren dem Kanton Zürich nichts bringen; er bliebe flächenmässig der siebtgrösste Schweizer Kanton mit riesigen 300 Quadratkilometern Rückstand auf St. Gallen. Im Gegenzug bliebe der Aargau flächenmässig auf Platz zehn weit vor Uri. Auch bevölkerungsmässig hätte der Aargau nichts zu befürchten, wenn 460 Fisibacher wechseln würden. Auf Rang vier liegt der Aargau mit 663'000 Einwohnern immer noch 160'000 Personen vor St. Gallen.

«Wir sind uns bewusst, dass es uns ohne die Fusion mit Zürcher Gemeinden nicht besser gehen würde», sagt Ammann Baldinger. Er hat mit Weiach und Bachs bereits Kontakt aufgenommen. Resultat: Die Zürcher Nachbarn wären gesprächsbereit. Doch Bachs ist schon fusions­geschädigt, nachdem ein Zusammenschluss mit Stadel im Februar wegen drei Stadler Stimmen gescheitert war.

Gegen Abend füllt sich der Bären immer mehr – auch mit Zürcher Prominenz. Der bekannte PR-Berater und ehemalige FDP-Politiker Urs Lauffer ist Stammgast. Er sagt lakonisch: «Der Bären bleibt einer der besten Landgasthöfe, ob er nun im Aargau oder im Zürcher Unterland liegt.» Ähnlich pragmatisch sieht es Wirtin Béatrice Arn. Sie ist in Bachs mit ZH-Nummernschildern aufgewachsen. «Der Fisibach entspringt in Bachs, und Bachs wurde bis ins 16. Jahrhundert Oberfisibach genannt.» Eine Fusion mit Bachs unter Zürcher Schirmherrschaft wäre ein «back to the roots». Und doch findet die gebürtige Zürcherin: «Fisibach sollte aargauisch bleiben, aber Zürich-­orientiert.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2017, 23:41 Uhr

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