Die eiserne Lady von der Goldküste

Ursula Gut hat in der BVK-Affäre den Braten zu spät gerochen, obwohl sie ein Kontrollfreak ist. Ihr Problem: Im entscheidenden Moment duldete sie keinen Widerspruch.

Tritt oft mit farbenfrohen Anzüge und schweren Aktentaschen auf: Finanzdirektorin Ursula Gut (FDP). (Bild: TA/Sophie Stieger)

Tritt oft mit farbenfrohen Anzüge und schweren Aktentaschen auf: Finanzdirektorin Ursula Gut (FDP). (Bild: TA/Sophie Stieger)

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Wer ist diese Frau mit den farbenfrohen Kleidern und der bleichen Maske? Die Spurensuche ergibt zwei völlig verschiedene Personen.

Da ist das quirlige, fröhliche Seemädchen, das gerne singt und lacht. Die charmant und lustig ist, aus bester Familie kommt, Dr. iur. wird, standesgemäss im Goldküstenfreisinn heiratet und als Gemeindepräsidentin brillant durch Versammlungen führt.

«Ich singe nie falsch»

Da ist aber auch die hartherzige Karrieristin, die nach Jahren auf dem beruflichen Abstellgleis vor den Medien mit unbewegtem Gesicht peinlich genau ein vorgeschriebenes Manuskript herunterrattert, ihre Direktion mit starker Hand führt, Chefbeamte auswechselt und bei den Sozialpartnern einen schlechten Ruf hat.

Eine harmlose Frage und eine locker hingeworfene Antwort sagen viel über Ursula Gut aus. Ob es auch mal falsch tönen dürfe, wenn sie zu Hause singe und von ihrem Mann Ulrich E. Gut am Klavier begleitet werde? «Ich singe nie falsch», sagt sie – und ist davon überzeugt. Wahrscheinlich sogar zu Recht.

«Ursle» Gut-Winterberger wuchs in Erlenbach am Zürichsee auf. Ihr Vater ist Gerhard Winterberger, ein klassischer Neoliberaler, der als Direktor des Vororts (heute: Economiesuisse) quasi der achte Bundesrat war. Sie studierte und promovierte mit ihrem Mann an der Uni in Rechtswissenschaften. Ulrich E. Gut stammt aus der Verlegerfamilie Gut, die die «Zürichsee-Zeitung» herausgab.

Ulrich Gut galt als Wunderkind, in der Bundesverwaltung in Bern brachte er es in kurzer Zeit bis zum persönlichen Mitarbeiter von Bundesrat Leon Schlumpf (SVP). Dann entschied er sich für den heimischen Verlag, wurde Verleger und Chefredaktor. Schon sein Grossvater Theodor war Verleger und Chef­redaktor gewesen – und als FDP-Nationalrat ein politisches Schwergewicht.

«Temperatur sank um ein paar Grad»

1998 endete der Höhenflug der Gut-Winterbergers vorläufig. Die Familie entzog Ulrich Gut die verlegerische Verantwortung, er legte darauf – konsequent – auch das Amt des Chefredaktors nieder. 1999 gab er auch das Amt als FDP-Kantonsrat auf, nachdem er sich in der Fraktion isoliert hatte, weil er immer konsequent gegen die SVP und im Sozialen oft als einziger FDPler für die SP stimmte.

Von Bedeutung ist das Jahr 1998 für das Ehepaar, weil damals die Balance kippte. Ursula dümpelte bisher – immerhin im Vizedirektorenstatus – karrieremässig in den FDP-Firmen Credit Suisse und Swiss Life als Stabsmitarbeiterin dahin, während ihr begabter Mann auf allen Kanälen präsent war. Auch bei den Nationalratswahlen sprangen ihr immer wieder andere – Noser, Hutter, Leuten­egger – vor die Nase. Jetzt wurde Ursula Gut in Küsnacht Gemeindepräsidentin – und ihr Mann verschwand in der Versenkung. Bis zur Erfindung von Facebook: Heute bedient Ulrich Gut seine 966 Facebook-Freunde täglich mit Posts zum Liberalismus, für Eveline Widmer-Schlumpf – und vor allem gegen die SVP.

Ursula Gut wurde 2006 als Nachfolgerin für die gestrauchelte Dorothée Fierz in den Regierungsrat gewählt und 2007 mit dem besten Resultat bestätigt. Endlich war sie jemand, endlich hatten die erblich derart vorbelasteten Gut-Winterbergers wieder den Status ihrer Vor­fahren erreicht. Ursula Gut ist heute, da Kopp, Spoerry und Heberlein abgetreten sind, die letzte Vertreterin des alten Zürcher Freisinns. Und wie eine solche benimmt sie sich auch.

Mal hölzern, mal charmant

Wenn man Kantonsräte befragt, sind die meisten des Lobes voll. Ursula Gut sei immer sehr gut vorbereitet, fleissig, kompetent und angenehm im Umgang. In sachlichen Diskussionen sei sie auch bereit, auf Änderungsanträge einzugehen. Bei offiziellen Anlässen oder Sitzungen jedoch wirkt Gut auch nach sechs Jahren in der Regierung hölzern, kalt und unpersönlich. Unbegreiflich, dass eine Frau mit ihrem Format jedes Referat ablesen muss. Ausserhalb von Protokoll und Ratssaal wiederum ist sie witzig, sympathisch, eloquent und sogar richtig charmant.

Im Umgang unterscheidet Ursula Gut ganz offensichtlich, mit wem sie es zu tun hat. Sie ist klug genug, um sich nicht mit Wählern, Politikern und Journalisten anzulegen. Innerhalb ihrer Direktion und an Sitzungen mit «Untergebenen» kann sie aber ganz schön die Chefin heraushängen. Unter ihren Chefbeamten ist die Fluktuation gross, bereits der dritte Generalsekretär im Amt. Man kann ihr diese forsche und fordernde Art im betulichen Staatsdienst allerdings genauso gut positiv auslegen. Mit der Anstellung des neuen BVK-Chefs Thomas Schönbächler hat sie jedenfalls eine gute Hand bewiesen.

Die unangenehme Seite von Ursula Gut ist aber ebenso dokumentiert. Die PUK erwähnt in ihrem Bericht eine Sitzung der BVK-Verwaltungskommission aus dem Jahr 2008 mit Gut, in der es hitzig zu und her ging. Rahel Bächtold, damals Präsidentin der Vereinigten Personalverbände, erinnert sich: «Frau Gut hat eine aggressiv-konfrontative Stimmung verbreitet.» Arbeitnehmervertreter Markus Schneider sagt: «Wenn sie in den Raum kam, dann sank die Temperatur um ein paar Grad.» Rahel Bächtold, immerhin Rechtsanwältin mit Format und 20 Jahren Berufserfahrung, erzählt: «Sie hat mich regelrecht abgekanzelt.»

Gut hat den Personalvertretern sogar mit Massnahmen gedroht, was im Protokoll dokumentiert ist. Nach dem Verständnis von Gut haben sich die Arbeitnehmervertreter unanständig benommen. Die PUK aber kommt zum Schluss, dass die Diskussion zu 80 Prozent sachlich und zu 20 Prozent persönlich gewesen sei. Bächtold sagt über Gut: «Wenn ihr etwas nicht passt, verlässt sie die sachliche Ebene und wird persönlich.» Gut fehle die Bereitschaft, sich mit der Meinung Andersdenkender auseinanderzusetzen.

Sie ärgert sich wohl am meisten

Ursula Gut gilt in der Finanzdirektion als Chefin, die die Zügel gerne selber in der Hand hält, wenig delegiert und auch mal Angestellte wegen ein paar Schreibfehlern zusammenstaucht. Dass ausgerechnet Kontrollfreak Gut mehr als zwei Jahre brauchte, um das Amigo-System und die Machenschaften von Daniel Gloor zu durchschauen, beschäftigt sie wohl mehr, als sie zugeben mag.

Einer Führungsperson, die offener auf Kritik reagiert als Gut, hätte früher auffallen müssen: Ein Mann, der am Morgen einen roten und am Nachmittag einen hochroten Kopf hat – und auch noch das Temperament einer Handgranate –, darf allein keine 20 Milliarden verwalten.

Immerhin hatte Gut an der Medienkonferenz vom Dienstag die Grösse zu sagen, dass es «vielleicht falsch war», sich vom forschen Ton der Personalvertreter negativ beeinflussen zu lassen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.10.2012, 07:19 Uhr)

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