Die furchtlose Staatsanwältin

Silvia Steiner ist für die CVP die Hoffnungsträgerin, um den 2011 an die Grünen verlorenen Sitz zurückzuholen. Als Jägerin von Zuhältern und Dealern ist sie Spitze, als Politikerin aber bloss biederer Durchschnitt.

Von ihrem Werdegang her die ideale Justiz- oder Polizeidirektorin: Silvia Steiner in den Räumen der Staatsanwaltschaft 2 an der Zürcher Selnaustrasse. Foto: Doris Fanconi

Von ihrem Werdegang her die ideale Justiz- oder Polizeidirektorin: Silvia Steiner in den Räumen der Staatsanwaltschaft 2 an der Zürcher Selnaustrasse. Foto: Doris Fanconi

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Silvia Steiner hat zwei seltene Titel: Doktorin der Kriminologie und Vize-Schweizermeisterin im Handball. Den zweiten erlangte sie in den 80er-Jahren als grosse, athletische Spielerin des Damenhandballclubs Zürich. «Wenn sie Anlauf nahm, dann hats rätsch gemacht», erinnert sich ihr Trainer Marcel Lenggenhager. Er kämpft heute gegen seine damalige Spielerin – als Kandidat der BDP. Durchsetzungskräftig ist Steiner noch immer. Die Spielfreude aber ist ihr etwas abhandengekommen – nach 30 Berufsjahren im Umgang mit den brutalsten Kerlen unserer Gesellschaft.

Von ihrem Werdegang her wäre Silvia Steiner eine ideale Justiz- oder Polizei­direktorin. Welcher aktive Politiker hat schon als Chef einer grossen Kriminalpolizei Verbrecher gejagt oder sie später als Staatsanwalt zur Anklage gebracht? Keiner! Das hat auch die CVP gemerkt. Als Justizdirektor Martin Graf im Fall Carlos schwächelte, wurde Profijuristin Steiner ins Rennen geschickt, um den langjährigen CVP-Sitz zurückholen.

Der Charme eines Gerichtssaals

Taktisch war das goldrichtig. Doch die CVP ist in Zürich zur Kleinpartei geworden. Und Steiner versprüht im Wahlkampf den Charme eines Gerichtssaals und eine Ausstrahlung, wie sie Staatsanwältinnen im Film zeigen. Sie selber liest und schaut zwar kaum Krimis, weil die Protagonisten derart unprofessionell vorgingen, dass sie sich nerve. Aber sie weiss: «Staatsanwälte werden nicht als Diener des Staates wahrgenommen, sondern als die Bösen aus dem Film.»

Der Weg von der quirligen Handballspielerin zur fadengeraden Verbrecherjägerin wäre selber filmreif. Silvia Steiner entstammt einer Gewerblerfamilie, als junge Frau erledigte sie im Radio- und TV-Geschäft ihres Vaters bis nach dem Studium die Lohnbuchhaltung. Noch heute wohnt sie in Zürich-Nord in einem Dreigenerationenhaushalt – das ist vorgelebte Sozial- und Familienpolitik. Ihre Mutter sei ihre wichtigste Kritikerin, sagt sie. Auch ihr pflegebedürftiger Vater lebt unter gleichem Dach – wie auch ihr 23-jähriger Sohn, der Banking und Financing studiert, sowie die 26-jährige Tochter, ausgebildete Juristin und angehende Berufsoffizierin der Armee.

Bis zur Kandidatur hatten die Medien über Steiner nur im Zusammenhang mit scheusslichsten Gerichtsfällen berichtet. «Menschenhandel, Prostitution, Messerattacken, Sadismus, ungeschützter Sex, Fusstritte in den Bauch, Aborte»: All das steht in einer einzigen Anklageschrift von ihr zu einem Roma-Zuhälter-Prozess. Drogenfälle gehören für sie zu den leichteren Jobs – wenn sie nicht gerade ein Verfahren gegen einen der berüchtigten Berisha-Brüder führt. Der Fall endete mit einer erstinstanzlichen Verurteilung zu achteinhalb Jahren. Ihre Mutter hat Angst, wenn sie diese Berichte liest. «Ich selber darf keine Angst haben», sagt Steiner, «sonst kann ich nicht arbeiten.» Als ehemalige Polizeioffizierin bewegt sie sich aber nie ohne den berühmten Blick nach hinten. Schlafen kann sie ruhig: «Ich darf keine Opferbilder im Kopf haben, sonst verliere ich den Abstand.»

Vor Gericht hatte Steiner lange den Ruf, sie werfe den Knebel bei den Strafmassen immer etwas hoch. Im berühmtesten Prozess gegen vier Roma-Zuhälter vom Sihlquai forderte sie 16 und bekam vom Obergericht immerhin 14 Jahre. Sie sieht es differenziert: «Ich werfe den Knebel nicht zu hoch, aber ab und zu bewusst zu scharf.» Grund: Beim Menschenhandel habe es früher keine einheitliche Rechtsprechung gegeben. «Wir mussten alles ausprobieren, um herauszufinden, wann die Gerichte annehmen, dass eine Frau unter Zwang stand.»

Wenn Silvia Steiner heute den früheren Drogenstrich am Sihlquai entlangfährt, denkt sie: «Wahnsinn!» Der Rambazamba ist vorbei. Doch stolz ist sie kein bisschen. «Ich kann mir doch nicht auf die Schultern klopfen, weil wir die Ärmsten der Ärmsten vertrieben haben.» Das Verdienst gehöre – wenn schon – der Stadtpolizei.

Die Stadtpolizisten waren von 1995 bis 2002 ihre Kollegen, als Kripochefin hatte sie 300 unter sich. Dann folgte der erste Tiefschlag. Sie überwarf sich bei der Reorganisation der Stadtpolizei mit Stadträtin Esther Maurer (SP) und wechselte als Kripochefin nach Zug. Bis zum nächsten Schicksalsschlag: Ihr Mann wurde schwer krank; er verstarb vor ein paar Jahren.

Handbremse wegen «Top 5»

Wer Politiker nach Steiner befragt, bekommt die immergleiche Antwort: gegen aussen etwas farb- und emotionslos, aber stets sehr gut vorbereitet. Als Staatsanwältin hat sie gelernt, nichts Falsches zu sagen. Dass Steiner auch sehr entschlossen reagieren kann, zeigte sie nach der Flugblatt-Schmutzkampagne von Anfang Woche. Sie reichte Strafanzeige gegen Unbekannt ein und sagte an einer Medienkonferenz: «Ein derart feiger und anonymer Angriff schadet unserer politischen Kultur.» Zumindest hat diese Kampagne Steiners Bekanntheit gesteigert, ihr bisher grösstes Manko.

Nur wer Steiner privat kennt, weiss, dass sie gesellig und witzig sein kann. Für ihre Auftritte mit angezogener Handbremse ist auch das bürgerliche Fünferticket verantwortlich. Sie will im Windschatten von SVP und FDP als «Top 5» gewählt werden. Die grüne Kantonsrätin Gabi Petri hat von Steiner dennoch eine hohe Meinung: «dezidiert, schnörkellos, glaubwürdig, starker Realitätsbezug, nie laut und provokativ, sehr angenehm im Umgang». Und vor allem, so Petri: «Für sie zählen Resultate, nicht Showeffekte.»

Diese Zurückhaltung merkt man Steiner an, wenn sie Baudirektor Markus Kägi (SVP) bei Top-5-Auftritten ohne Widerspruch erzählen lässt, es brauche keine Energiewende, wie sie CVP-Bundesrätin Doris Leuthard propagiert. Oder: Steiner stimmte im Rat nicht ab, als es um Mehrausgaben für die Polizei ging. Sie tritt in den Ausstand, wenn es um das Budget von Polizei und Justiz geht. Im Fall Carlos allerdings hatte Steiner die Oberjugendanwaltschaft und Justizdirektor Martin Graf (Grüne) deutlich kritisiert. Diesen «Pfupf» wünscht man sich zurück – sollte Steiner gewählt werden.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.03.2015, 19:28 Uhr)

Silvia Steiner

Staatsanwältin

Silvia Steiner (CVP) hat einen grossen Teil ihres bisherigen Berufslebens in den Dienst von Polizei und Justiz gestellt. Die 57-jährige Juristin aus Zürich war zuerst Gerichtsschreiberin und dann Bezirksanwältin. Nach dem Polizeioffizierskurs wurde sie Chefin der Stadtzürcher Kriminalpolizei und später Kripochefin in Zug. Nach einem Doktorat an der Uni Lausanne zum Thema häusliche Gewalt wechselte sie 2005 zur Zürcher Staatsanwaltschaft, wo sie federführende Staatsanwältin im Bereich Menschenhandel ist. Ihre politische Karriere bei der CVP startete sie 1986 als Bezirksschulpflegerin, seit 2007 ist sie Kantonsrätin. Silvia Steiner ist verwitwet und Mutter einer erwachsenen Tochter und eines erwachsenen Sohnes. Sie wohnt in Zürich-Nord.

Sieben Fragen

Was denken Sie, wenn Sie eine Frau mit Burka sehen?
Nicht viel, ich staune höchstens, wenn sie alleine unterwegs ist. Die meisten strenggläubigen Musliminnen dürfen gar nicht alleine auf die Strasse.

Wann sind Sie geizig?
Nie – höchstens, was meine persönlichen Bedürfnisse angeht. Ich bin generell grosszügig.

Geben Sie einer Bettlerin am Hauptbahnhof Zürich Geld?
Nein, einer Drogenabhängigen würde ich bloss den Drogenkonsum finanzieren, damit hätte ich grösste Mühe. Und wenn sie offensichtlich zu einer organisierten Bande gehört und von dieser ausgebeutet wird, würde ich diese Bande unterstützen. Ich würde einer Bettlerin – oder einem Bettler – aber etwas zu essen kaufen.

Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?
Ja, wenn sie dieselben Voraussetzungen erfüllen wie Heterosexuelle.

Haben Sie eine Ferienwohnung?
Ja, ein selbst renoviertes, bescheidenes Rustico im Tessin, in der Bauzone.

Möchten Sie selbst bestimmen ­können, wann Sie sterben?
Nein, ausser es geht mir so schlecht, dass ich zu einer grossen Last für mein Umfeld werde oder das Leiden für mich unerträglich würde.

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen und weshalb?
Ich lüge nie, ausser um jemanden zu trösten. Zum Beispiel, wenn ich eine Person aufmuntern möchte und ihr sage: «Es kommt schon gut.» Dabei glaube ich selber gar nicht dran.

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