Die hässliche Alternative zum Bioabfall-Abo

Manche Stadtzürcher finden, eine gesonderte Abfuhr für Küchenabfälle sei nicht nötig: Man könne sie auch ins WC werfen und spülen. Aber das kann sich rächen.

Wird fleissig als Gratis-Alternative zum Bioabfall-Abo genutzt: Die heimische WC-Schüssel.

Wird fleissig als Gratis-Alternative zum Bioabfall-Abo genutzt: Die heimische WC-Schüssel. Bild: Valérie Chételat

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Küchenreste sind in der Stadt Zürich für die einen ein echtes Problem: Vor dem Haus steht bei ihnen kein Bioabfall-Container, und im Abfalleimer sind verderbliche Waren ekelhaft. «So what?», denken sich jene anderen, die sich an den USA orientieren. Dort ist in vielen Küchen ein Gerät in den Abfluss integriert. Was beim Kochen übrig bleibt, wird damit zerkleinert, damit es gut Richtung Kläranlage flutscht. Der Fachbegriff lautet: Speiseabfallzerkleinerer.

Solche Geräte sind laut der Stadtzürcher Kanalisationsverordnung zwar verboten, aber es gibt einen Zugang zur Kanalisation, der gross genug ist, um Speisereste unzerkleinert zu schlucken: das WC. Dieses wird fleissig als Gratis-Alternative zum Bioabfall-Abo genutzt. Einmal drücken und weg ist das Problem. Was kann es schon für eine Rolle spielen, ob Lebensmittel durch einen Verdauungstrakt gewandert sind oder nicht, bevor man die Spülung auslöst?

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Statt sie brav im grünen Chübeli zu sammeln, werfen nicht wenige Zürcher Essensreste und Rüstabfälle ins WC. Tun sie es auch?







Eine nicht zu unterschätzende, mahnt Leta Filli von Entsorgung und Recycling Zürich. Gerne würde man gleich zuerst von der Ratte erzählen, die den Weg des Essens rückwärts verfolgt und dann – Überraschung! – in der WC-Schüssel auftaucht. Sie ist aber nicht das grösste Problem. Das grösste Problem ist laut Filli, dass die Abflussrohre verstopfen, direkt im Haus, wo sie am dünnsten sind. Mit unappetitlichen Folgen.

Ölreste verbinden sich zu Mayonnaise

Um ein Rohr zu verstopfen, muss man gar nicht unbedingt die Grenzen ausloten und ein Kotelett samt Knochen oder eine Aubergine runterzuspülen versuchen. Auch kleinteilige Reste erledigen den Job zuverlässig, wenn sie fettig genug sind. Öl lagert sich an den Wänden der Rohre ab und verklebt dort nach und nach mit anderen Stoffen.

Aus ähnlichen Gründen ist es auch keine schlaue Idee, heisses Öl aus der Bratpfanne mit viel Abwaschmittel und heissem Wasser in den Abfluss des Spülbeckens zu giessen. Denn das Öl kann sich mit diesen Stoffen verbinden in einer chemischen Reaktion, deren Ergebnis an Mayonnaise erinnert. Filli empfiehlt deshalb, die Pfanne mit einem Papiertuch auszureiben und das Tuch in den Eimer zu werfen.

Der Christbaum im WC

Bei allen, die das nicht machen, sind früher oder später die Reinigungsexperten der Firma Rohrmax gefragt. Geschäftsführerin Eve Schmidt weiss, wie verbreitet diese Unsitte ist. Ein grosser Teil ihrer Einsätze sei darauf zurückführen. Und wo Gemeinden neue Abfallgebühren erheben, haben ihre Leute in der Folge deutlich mehr Notfälle zu bearbeiten. «In der Stadt Zürich hat einer sogar mal einen ganzen Christbaum runtergespült, in kleine Stücke zerschnitten», erzählt sie. «Wenigstens war das eine Verstopfung, die sehr gut roch.» Solche Rohrreinigungen kosten schnell hunderte Franken – Wasserschäden noch nicht eingerechnet.

Der zweite Grund, weshalb das WC nicht als Biomüllschlucker zweckentfremdet werden sollte, liegt am anderen Ende der Kanalisation: im Klärwerk Werdhölzli. Dort kommen pro Sekunde zwischen 3000 und 6000 Liter Abwasser an, das sind im Schnitt 30 Badewannen voll brauner Brühe. Bei diesen enormen Mengen reichen ein paar Küchenabfälle zwar nicht, um das System aus dem Gleichgewicht zu bringen. Aber die groben Stücke müssen mit einem Rechen herausgefiltert und dann in die Kehrichtverbrennung gefahren werden. Dorthin also, wo sie auch via Abfallsack und Müllabfuhr gelandet wären. Mit anderen Worten: Man delegiert die eigene Drecksarbeit und den eigenen Ekel an andere. Was einfach unanständig ist.

Ein gefundenes Fressen

Das dritte und letzte Problem schliesslich sind Ratten und Kakerlaken. Laut Filli nisten die sich dort ein, wo sie etwas zum Fressen finden. Wer also alte Spaghetti im WC verschwinden lässt, züchtet Ungeziefer im Untergrund.

Ausgehängte Rippen: So kommt die Ratte in die WC-Schüssel. Quelle: National Geographic

Von Ratten wird kolportiert, dass sie der Spur des Futters manchmal bis zur Quelle folgen, mit dem bereits erwähnten Überraschungseffekt. Der Biologe Jean-Martin Fierz, technischer Leiter bei der Schädlingsbekämpfungsfirma Rentokil Initial, hält das jedoch für wenig plausibel. «Das ist kein verbreitetes Problem, auf das wir unsere Kunden hinweisen müssen.»

Rein physisch und anatomisch wäre eine Ratte zwar dazu in der Lage, das haben Versuche gezeigt. Sie ist eine exzellente Schwimmerin, kann bis zu drei Minuten tauchen und zudem ihre Rippen aushängen, um sich durch engste Passagen zu quetschen. Es gibt deshalb sogar mechanische Siphon-Blocker gegen tierische Eindringlinge. Wenn eine Ratte aber tatsächlich einmal im WC auftaucht, ist das laut Fierz wohl eher Zufall als zielgerichteter Forscherdrang.

Die schöne Abortfliege

Anders verhält es sich mit Abortfliegen. Die Larven dieses kleinen Insekts mögen laut Fierz organische Ablagerungen in den Abflussrohren der Toiletten. Wer sie zusätzlich mit Esswaren versorgt, tut ihnen einen Gefallen – und muss sich nicht wundern, wenn sie im WC auftauchen. Das mag irritierend sein, aber als Vertreter der Familie der Schmetterlingsmücken sind sie wenigstens – nomen est omen – recht hübsch. Und stechen tun sie auch nicht. Auch wenn die Leute von Entsorgung und Recycling Zürich das den Abfallsündern insgeheim vermutlich wünschen.

Mag organische Abagerungen: Die Abortfliege. Bild: Wikipedia (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.05.2017, 13:26 Uhr

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