Diener und Gutzwiller müssen um ihre Sitze zittern

Im Kampf um den Ständerat wird laut Politikwissenschaftler Peter Moser wohl keiner der Zürcher Kandidaten auf Anhieb gewählt. Damit steigen im zweiten Wahlgang Christoph Blochers Chancen.

Bild: TA-Grafik ib/Quelle: Peter Moser

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So viel ist sicher: Die beiden Zürcher Ständeräte, Felix Gutzwiller (FDP) und Verena Diener (GLP), können am 23. Oktober nicht im Schlafwagen ins Stöckli nach Bern rollen. «Es wird wohl ein zweiter Wahlgang notwendig – und zwar wahrscheinlich für beide Sitze», sagt Peter Moser. Der Zürcher Politikwissenschaftler hat auf Anfrage des TA drei Szenarien zum Wahlausgang entwickelt. Diese stützen sich auf Erfahrungswerte aus vergangenen Majorzwahlen und die jüngsten Kantonsratswahlen, deren Resultat den Ausgang der nationalen Wahlen für gewöhnlich in groben Zügen vorwegnimmt.

Spannung verspricht die Ausmarchung, weil um die zwei Sitze sieben Kandidaten buhlen, die Polarisierung in der Politik ungebremst fortschreitet und die Zürcher Parteienlandschaft zersplitterter ist denn je. Moser betont, es handle sich nicht um eine Wahlprognose, sondern um spielerische Überlegungen mit ideologischen Plausibilitäten. Die drei Szenarien:

  • Szenario 1: Alle gegen alle
Die Parteigänger unterstützen die Kandidatur ihrer Partei. Ihre zweite Stimme geben sie jenem Politiker, der ihnen ideologisch am nächsten steht. Links wählt also links, die Mitte sich selber und ein wenig darüber hinaus. Komplizierter liegt der Fall hingegen bei den Bürgerlichen: Die SVP unterstützt Gutzwiller bekanntermassen nicht, gleich verfährt die FDP mit Blocher. Die SVP-Wähler schreiben deshalb fast nur ihren eigenen Vertreter auf den Zettel – so wie sie es zuletzt bei den Regierungsratswahlen getan haben.

In diesem Szenario verfehlen im ersten Wahlgang alle Kandidaten das absolute Mehr deutlich. Am meisten Stimmen erhält Blocher, weil seine Hausmacht am grössten ist. Hinter ihm folgt Thomas Hardegger als Vertreter der SP, der zweitgrössten Partei. Erst dann kommen Gutzwiller und Diener. Dass dieses Szenario nicht ganz abwegig ist, zeigt ein Blick zurück: 2007 lag Ueli Maurer (SVP) im ersten Wahlgang vor Chantal Galladé (SP) und Diener. Abweichend davon platzierte sich Gutzwiller an der Spitze und schaffte auf Anhieb hauchdünn das absolute Mehr – wohl dank Stimmen von SVP-Wählern, wie Moser sagt. Bleiben ihm diese nun verwehrt, muss Gutzwiller anderswo punkten.

  • Szenario 2: Bürgerblock

SVP und FDP machen doch noch ein Päckli (worauf zurzeit jedoch nichts hindeutet). Davon profitiert vor allem Gutzwiller, weil ihm aus der SVP mehr Stimmen zufallen als Blocher aus dem deutlich kleineren FDP-Lager. Zusätzlich erhält Gutz-willer wie in Szenario 1 Unterstützung aus der Mitte, womit er nun knapp vor Blocher liegt. Das absolute Mehr erreicht er trotzdem nicht, da die SVP-Wähler anders als in Szenario 1 zwei Namen auf ihrem Zettel aufgeschrieben haben, was das absolute Mehr erhöht. Die SVP befindet sich gemäss Moser in der Zwickmühle: Ohne die FDP hat Blocher im ersten Wahlgang keine Chance, mit ihr aber auch nicht, weil der stark polarisierende SVP-Magistrat für das Gros der FDP-Wähler ein rotes Tuch und damit unwählbar ist.

  • Szenario 3: Bisherigen-Bonus

In den vergangenen 50 Jahren haben amtierende Zürcher Ständeräte laut Moser die Wiederwahl immer geschafft. Damit sich diese Tradition fortsetzt, müssen Gutzwiller und Diener viele Wähler aus fremden Lagern für sich gewinnen. Der FDP-Ständerat ist insbesondere auf die Gunst der SVP-Wähler angewiesen, sofern man ausschliesst, dass sich ein erheblicher Teil der Linkswähler für ihn ausspricht. (Wäre dies dennoch der Fall, verlöre Diener entscheidenden Zuspruch aus diesem Lager.) Zusammen mit den Stimmen aus der Mitte könnte es für ihn so ganz knapp reichen. Gleiches gilt für Diener und die Linke, deren Support sie benötigt. Dies bedingt jedoch, dass die Linkswähler ihren zwei Kandidaten – nebst Hardegger Balthasar Glättli – nicht bedingungslos Gefolgschaft leisten. Angewiesen ist Diener letztlich auch auf die FDP-Wähler.

Moser hält es für wenig plausibel, dass es beide Bisherigen auf Anhieb schaffen. Dieses Szenario enthalte zu viele Unwägbarkeiten. Und selbst im besten Fall würden die beiden höchstens knapp gewählt.

Offen ist, wie die Konstellation im 2. Wahlgang aussieht. Moser hat dafür kein Modell entwickelt, weil die Ausgangslage politisch gesteuert ist: Wer zieht sich zurück? Wer macht weiter? Überlegungen lassen sich gleichwohl anstellen. Ist nur noch ein Sitz frei, könnte sich wiederholen, was schon 2007 der Fall war: alle gegen die SVP. Bei zwei offenen Sitzen hingegen steigen Blochers Chancen als Vertreter der grössten Partei, da die Hürde des absoluten Mehrs wegfällt und damit die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen gewählt sind. Die SVP schart mehr Wähler hinter sich (30 Prozent) als GLP und FDP zusammen (23 Prozent).

Wen kennen die Stimmbürger?

Schwierig abzuschätzen ist, wie stark der Bisherigen-Bonus spielen wird. Felix Gutzwiller und Verena Diener haben zumindest nicht negativ von sich reden gemacht. Zudem sind sie bestens bekannt, was in Majorzwahlen wichtig ist, weil die Stimmbürger einen Namen in ihrem aktiven Wortschatz haben müssen. Für Blocher gilt dies jedoch auch. Moser spricht von einer delikaten Ausgangslage: «Ich kann mir durchaus vorstellen, dass einer der beiden Bisherigen nicht mehr gewählt wird.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.08.2011, 23:13 Uhr)

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Verena Diener und Felix Gutzwiller besprechen sich im Ständeratssaal. (Bild: Keystone )

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