Zürich

Pia Wertheimer
Stv. Ressortleiterin Zürich


Diesem Mann winken die hübschen Frauen

Aktualisiert am 05.12.2012 18 Kommentare

Der Bolivianer Octavio Ramiro Rivera Rocabalo spielt seit 23 Jahren Panflöte am Flughafen Zürich. Er hat das Grounding vertont – und zieht die Blicke der Frauen auf sich. Teil zwei der Flughafenserie.

Seit 23 Jahren musiziert er am Flughafen Zürich: Octavio Ramiro Rivera Rocabalo.

Seit 23 Jahren musiziert er am Flughafen Zürich: Octavio Ramiro Rivera Rocabalo.
Bild: Pia Wertheimer

Octavio Ramiro Rivera Rocabalo bestreitet mit seiner Panflöte am Flughafen seinen Lebensunterhalt. (Bild: Pia Wertheimer)

Die Flughafen-Serie

In einer Serie wirft Tagesanzeiger.ch/Newsnet Schlaglichter auf den Flughafen Zürich. Die Beiträge beleuchten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Klotener Pisten. Sie geben Menschen das Wort, welche die Wandlung des Flughafens miterlebt haben.

Bereits erschienen:
1900 Notrufe pro Stunde und 20'000 Retter: Am Flughafen nehmen Disponenten neuerdings die Notrufe aus den Kantonen Zürich, Schaffhausen und Schwyz entgegen. Sie schicken von dort Sanitäter und Feuerwehrleute an die Einsatzorte.

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Die Menschen hasten über die Passerelle zum Terminal – vertieft in Gespräche oder Gedanken. Eine Flughafenangestellte hat eben ihren Dienst beendet. Die hübsche Frau in Uniform blickt konzentriert auf das Handy in ihrer Hand. Nur kurz hebt sie die Augen und grüsst Octavio Ramiro Rivera Rocabalo mit einer diskreten Handbewegung. Der Bolivianer hebt die Augenbrauen und entlässt die junge Frau mit dem Latino-Ohrwurm «Besame mucho» in den Feierabend.

Sein Arbeitstag hat um 6 Uhr begonnen und wird erst um 20.30 Uhr enden. «Nur mit kleinen Pausen zum Essen», wie er sagt. Die Töne seiner Flöte erklangen 1990 erstmals am Flughafen. Damals pendelte er bereits an die zehn Jahre zwischen seinem Heimatland und der Westschweiz, wo er zu Hochzeiten, Geburtstagsfeiern und Apéros aufspielte. Alle drei Monate durchquerte er auch die Hallen des Zürcher Flughafens. Ein Gitarrist verlieh mit seiner Musik zu dieser Zeit dem «eher kahlen Gebäude ein bisschen Wärme». Octavio Rivera, wie er sich einfachheitshalber nennt, beschloss, es ihm gleichzutun und schloss mit dem Flughafen einen Vertrag ab. Dieser regelt, an welchen Orten der Bolivianer spielen darf.

«Ein kleines Universum»

Auch wenn er oft in der Passerelle sitzt, haben nicht nur Umbauten und Jahre seinen Arbeitsplatz verändert. «Die Menschen haben sich gewandelt.» Mit dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs hätten viel mehr Kulturen den Weg in die Schweiz gefunden. «Plötzlich waren Sprachen wie Russisch in den Gängen zu hören», erinnert sich der 54-Jährige. «Der Flughafen ist seither ein wahres Kulturmuseum.»

Die Zeit habe nicht nur positive Spuren hinterlassen, findet Octavio Rivera: Die Menschen seien heute gestresster und weniger lebenslustig. Das stellt er vor allem an Werktagen fest: Dann hasten Menschenströme zwischen Terminal und Bahnhof hin und her.

Ganz anders an Wochenenden und Feiertagen. «Der Flughafen gleicht dann einem kleinen Universum.» Mit all den Geschäften, Post und Banken mit langen Öffnungszeiten – auch am Wochenende – sei er zu einem «Ort geworden, wo sich viele Alltagspflichten erledigen lassen». Er sei aber auch zu einem Ausflugsziel geworden. Mit den hohen Zugfrequenzen in verschiedene Städte und der Anbindung ans Zürcher Tramnetz kämen immer häufiger Senioren zu einem Tapetenwechsel her. «Hier können sie Inder mit Turbanen bestaunen und herausgeputzte Spanier bewundern, ohne lange Flugreisen auf sich nehmen zu müssen.»

Eine Grounding-Melodie

Nicht nur der Flughafen und seine Klientel haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Auch die Musik des Bolivianers hat sich seiner Wahlheimat angepasst. So folgt auf Ravels Bolero das Berner Kinderlied «Es Buurebüebli», und seit vergangenem Sonntag gehören auch die hiesigen Weihnachtslieder wieder ins Repertoire des Flötenspielers.

Octavio Rivera spielt aber auch Eigenkompositionen, dazu gehört etwa Anna Catarina de Adliswil. Er bildet in seiner Musik aber auch das Leben am Flughafen ab: Eines seiner Stücke hat er zum Grounding der Swissair komponiert. Der Anfang der sanften Melodie ist leicht und heiter. Immer schwerer wirken die Tonfolgen, und sie enden in einem Hauch Wehmut. «Genauso war diese Zeit», erinnert sich der Musiker. Die Themen Konkurs und Flugreise passen für ihn hervorragend zusammen. Der Start sei oft energievoll und von Zuversicht geprägt. Irgendwann erreiche jede Firma und Reise ihren Höhenpunkt – und danach gehe es nur noch bergab.

Der Bolivianer unterbricht sein Spiel. «Holà!» ruft er einer hübschen Putzfrau entgegen, die lächelnd an ihm vorbeigeht und ihre Schicht beginnt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.12.2012, 11:26 Uhr

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18 Kommentare

Dario Brenner

03.12.2012, 12:50 Uhr
Melden 121 Empfehlung 11

@ Stoffel: Geschmack liegt bekanntlich im Auge des Betrachters bzw. im Ohr des Hörenden - ist also per se subjektiv. Wissen Sie, worauf Subjektivität aber definitiv nicht zutrifft? Auf Orthographie...!! Antworten


Joel widmer

03.12.2012, 11:41 Uhr
Melden 62 Empfehlung 8

Hab auch mal am Flughafen gearbeitet. Den Typen kennt einfach jeder. Wusste gar nicht, dass der einen Vertrag mit dem Flughafen hat. Antworten



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