«Du kriegst lebenslänglich»

Im Nachgang zum Fall Jegge meldeten sich bei einer Zürcher Beratungsstelle weitere Opfer von sexuellen Übergriffen. Darunter auch Joana A. Die Geschichte mit ihrem Lehrer beeinflusste ihr ganzes Leben.

Der Lehrer schenkt der Schülerin besondere Beachtung, von Gleichaltrigen ist sie zunehmend isoliert. Illustration: Robert Honegger

Der Lehrer schenkt der Schülerin besondere Beachtung, von Gleichaltrigen ist sie zunehmend isoliert. Illustration: Robert Honegger

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Ihren ersten Zungenkuss hat Joana A. mit 12. Auf der Treppe packt ihr Klassenlehrer, 38, ihren Kopf und drückt seine Lippen auf ihre. Es dauert bloss Sekunden. Danach rennt Joana wortlos die Stufen hinauf in den Mädchenschlag. Sie weiss weder, wo oben, noch, wo unten ist. Sie weiss allein, dass sie das, was gerade passiert ist, niemandem erzählen kann. Die Zungenküsse im Klassenlager sind der Beginn einer Geschichte mit ihrem Lehrer, die Joanas Leben für immer verändern sollte.

Heute ist Joana 40, schlank, von jungenhafter Schönheit, mit vollen Lippen. In ihren grossen, dunklen Augen flattert eine Scheu. Sie bleiben ernst, auch wenn Joana lacht. Vor zwei Wochen hat sie Anzeige erstattet. Fast dreissig Jahre nach ihrem ersten Zungenkuss bäumt sie sich gegen den Lehrer auf, der zu einer Zeit, als sie gerade erst Frau wurde, ihr ganzes Leben und ihre Entwicklung zu bestimmen begann.

«Boom» bei Meldungen

Joana erkannte sich im Fall Jürg Jegge wieder. Schon früher las sie von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Damit konnte sie sich aber wenig identifizieren. Dann las sie von Jegges Opfer Markus Zangger. Das war es schon eher.

Damit ist Joana nicht die Einzige. Nach der Berichterstattung über den Fall des Zürcher Pädagogen haben sich Dutzende andere Opfer gemeldet. Psychotherapeutin Regula Schwager von der Zürcher Beratungsstelle Castagna spricht von einem «Boom». An sie haben sich in den drei Wochen, nachdem der Fall des Starpädagogen publik geworden war, dreimal mehr Opfer sexuellen Missbrauchs gewandt als gewöhnlich. Über 60 Fälle waren es, in mindestens der Hälfte davon war der Täter ein Lehrer. Etwa ein Drittel der Taten ist bereits verjährt, schätzt Schwager.

Als Joana 1989 ins Internat kommt, ist ihr Klassenlehrer der angesehenste der Schule. Er hat das Schulsystem reformiert, das selbst organisierte Lernen durchgesetzt, Klassenstunden eingeführt, in denen alle über ihre Gefühle sprachen, und er folgt der Philosophie, seinen Schülern und Schülerinnen auf Augenhöhe zu begegnen. Er ist der erste Anwärter auf die Direktorenstelle. Und er fragt Joana, als vielleicht erster Erwachsener überhaupt, wie es ihr gehe. Ihr ganz persönlich.

«Ich war unterernährt an Aufmerksamkeit», sagt Joana heute. Ihre Mutter war alleinerziehend, ihre Schwester drogensüchtig. Die Aufmerksamkeit ihres Lehrers schmeichelt ihr. Trotzdem ist das Mädchen, das im Sommer zuvor noch mit Stofftieren gespielt hat, froh, dass die Zungenküsse nach dem ersten Klassenlager zunächst wieder aufhören. Dafür beginnt der Aufbau des «ideologischen Überbaus», wie Joana es nennt.

«Ich war unterernährt an Aufmerksamkeit.» Joana A.

Der Lehrer schenkt ihr besondere Beachtung, drückt sanft ihre Schultern, wenn er sich im Klassenzimmer über ihr Blatt beugt, und beschliesst bald, dass sie Einzel-Nachhilfe in Mathematik brauche. In seinem Büro erklärt er dem Mädchen, dass sie etwas Besseres sei als die anderen. Intelligenter, schöner, begabter. Er gibt der 13-Jährigen Platon zu lesen, Nietzsche, erzählt ihr von den Epikureern und ihrer Philosophie des Genusses. Er thematisiert seine Gefühle ihr gegenüber und fordert sie auf, ihre sexuelle Unerfahrenheit zu beenden.

Joana versucht, so gut wie möglich in den anspruchsvollen Gesprächen mitzuhalten, ihre Kindlichkeit zu überspielen. Sie fühlt sich geehrt. Nie hat ihr jemand gesagt, sie sei etwas Besonderes. Also folgt sie den Anweisungen ihres Lehrers und lässt sich mit 14 von einem Dorfjungen entjungfern.

Video – Ein Buch belastet den Musterpädagogen Jürg Jegge:

Nach dem Weihnachtskonzert der Schüler, zwei Jahre später, setzt der Lehrer sich mit seiner inzwischen 16-jährigen Schülerin ab. Sie spazieren durch den Wald, er presst sie an einen Baum, umarmt sie, küsst sie auf den Mund, auf den Hals. Dann bricht er abrupt ab. Es dürfe nicht sein, es sei verboten, er würde es gerne tun, doch er würde seinen Job verlieren.

Als der Lehrer im Sommer darauf, bei einer Rast auf einer Wanderung, sein T-Shirt auszieht, sich auf sie legt und ihr in die Hose fasst, verlässt Joana das erste Mal ihren Körper. Sie zieht sich in ihren «inneren Raum» zurück. Erst fühlt sich dieser Raum an wie ein wohlig-warmes Erdloch. Mit den Jahren richtet sie sich ihn ein, mit einer bequemen Liege, viel Licht, in roten Farben. Noch Jahre später zieht sie sich immer wieder dahin zurück, wenn ihr der Sex unangenehm wird, auch wenn sie ihn wollte. Dass Sexualität gegenseitig ist und sie einen aktiven Part darin übernehmen könnte, wusste sie bis spät in ihre 20er nicht. Zu lange hatte ihr Lehrer ihren Körper und jegliche seiner Regungen kontrolliert.

Das «Lehrer-Schätzli»

Das Phänomen, das Joana beschreibt, nennt sich in der Psychologie Dissoziation und ist verbreitet unter Menschen, die Traumatisches erleben. Traumata werden durch als lebensbedrohlich wahrgenommene Ereignisse ausgelöst, welche die Bewältigungsmöglichkeiten der Betroffenen übersteigen. Wenn weder Kampf noch Flucht möglich sind, sich weder Körper noch Seele der Situation entziehen können, schaltet der menschliche Organismus auf eine Überlebensstrategie um. Die Betroffenen erstarren, sie dissoziieren.

Joana wurde zur 6er-Schülerin. Sogar in Mathematik, wo sie nie Talent hatte. Sie gilt als «Lehrer-Schätzli», «Streberin», einige Mitschüler sind eifersüchtig, alle tuscheln. Doch Joana ist inzwischen überzeugt von der Beziehung mit ihrem Lehrer. Ihrer misstrauisch gewordenen Mutter schreibt der Lehrer beschwichtigend: «In der Frage des guten Verhältnisses, Umgangs zwischen Erwachsenen und Jugendlichen gehen unsere Auffassungen vermutlich stark auseinander.» Erotik sei keine im Spiel, Zärtlichkeit schon. Joana, mitten in der Pubertät, wischt die Zweifel der Mutter beiseite, rebelliert gegen sie. Die anderen Lehrer der Schule müssen die Gerüchte gehört haben. Sie schweigen. Auch der Schulpsychologe sagt nichts. Der weiss ohnehin schon länger Bescheid.

Bildstrecke – Jegge, der Musterpädagoge:

Die Ehefrau des Lehrers nimmt die Beziehung hin, Joana übernachtet und isst bei der Familie. Bloss die Tochter rastet einmal aus. Am Tag, nachdem der Lehrer mit ihr, Joana und einem weiteren Schüler aus der Klasse auf dem Bett gekuschelt hatte. Alle massierten sich gegenseitig, berührten sich, Joanas Hand lag auf seinem Penis.

Auf einer Reise vergewaltigt

Von Gleichaltrigen ist Joana isoliert. «Wir gegen alle», schwören sich Joana und der Lehrer, träumen von Haus und Kind, fürchten sich vor der baldigen Matura, der Trennung. Über Mittag schlafen sie in seinem Büro miteinander. Joanas Sexualität ist inzwischen komplett entgrenzt, ihre Beziehungsfähigkeit gestört. Bei einer Reise mit der Jugendgruppe nach Israel wird sie von einem Rekruten vergewaltigt. Joana zieht sich in ihren inneren Raum zurück.

Nach der Matura schreibt sie sich an der Universität für Philosophie ein und prostituiert sich für kurze Zeit in einem Sex-Salon. «Ich wollte gerettet werden», sagt sie. Doch der Lehrer findet den Nebenjob «besonders frei», ihre Studienfreundin beneidet sie um das gute Geld, ihre Mutter weiss gar nicht mehr, was sie sagen soll. Im Studium merkt Joana, dass sie gar nicht viel spezieller ist als die anderen. Mit 20 versucht sie das erste Mal, die Beziehung zum Lehrer abzubrechen. Sie ertrage die Missachtung ihrer Freunde über ihren 46-jährigen Freund nicht mehr, schreibt sie ihm. Der Lehrer wirft ihr vor, «so normal» wie der Rest der Gesellschaft zu werden, schickt ihr Briefe über Macht in Beziehungen.

«Plötzlich galt alles, was bisher galt, nicht mehr. Alles, was mich ausmachte, war von ihm.» Joana A.

Mit 22 verliert Joana dann ihre Persönlichkeit. Ein neuer Freund öffnet ihr die Augen über die Beziehung zu ihrem Lehrer. «Und plötzlich galt alles, was bisher galt, nicht mehr», sagt Joana. «Alles, was mich ausmachte, war von ihm. Ich hatte das Gefühl, bei null anfangen zu müssen.» Joana realisiert, dass das, was sie für Liebe gehalten hat, gar keine war. Sie stürzt ab, ritzt sich die Arme auf, flüchtet sich in Drogen, beginnt Studiengänge, bricht sie wieder ab, versucht, sich das Leben zu nehmen. Mit 27 geht sie ins Ausland. Sie verdrängt das Erlebte. Dafür spürt sie allmählich wieder Boden unter den Füssen.

«Du kriegst lebenslänglich mit so einer Geschichte», sagt Joana heute. «Er erwischte mich in einer Zeit, in der sich meine eigene Persönlichkeit und Sexualität gerade erst entwickelten. Ich musste beides in vielen Jahren mühsam wieder aufbauen.» Und dann rauft sich Joana die Haare, ringt mit den Händen und ruft: «Deswegen ist Sex mit Minderjährigen ja verboten!»

Die Anzeige ist Teil der Therapie

Die Opferhilfe, die sie beim ersten Zusammenbruch mit 22 aufsuchte, erklärte ihr, dass sie für einen Prozess und eine Anzeige nicht in der richtigen Verfassung sei. Man suchte das Gespräch mit der Schule. Joana erhielt später einen Brief, dass man einen halben Tag Weiterbildung in das Thema «Schule und Sexualität» investiert hätte und ein Papier mit Richtlinien erarbeiten würde. Direktor wurde ihr Lehrer nicht. Doch er arbeitete bis zu seiner Pensionierung 2014 weiter an der Schule.

Dass sie ihn jetzt angezeigt hat, ist wichtig für Joana. Obwohl sämtliche Übergriffe bereits verjährt sind. Es ist Teil ihrer Therapie. Sie akzeptiert, dass diese Geschichte für immer ein Teil ihres Lebens sein wird.

«Ich werde in Zukunft überall offen über diesen Fall an Ihrer Schule sprechen, weil alle diese Geschichten ans Tageslicht gehören», schreibt Joana dem neuen Schuldirektor. «Wie die heutigen Richtlinien/Kontrollmechanismen des Gymis sind, betreffs sexueller Übergriffe, weiss ich nicht. Ich hoffe aber sehr, dass sie existieren.»

«Unsere Schule hat sich stark gewandelt», antwortet der Direktor. «Es ist auch eine andere Zeit. Trotzdem stehen wir ethisch und moralisch auch für Vergangenes in der Verantwortung. Gerne würde ich Sie darum zu einem Gespräch einladen.» Joana gedenkt, hinzugehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 08:07 Uhr

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