Zürich
«‹Eifach en riese Tubel›: Das ist doch wahre Sprachkompetenz»
Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 19.01.2012 96 Kommentare
Umfrage
Sollen Schüler der Sek B und C ab dem 8. Schuljahr den Französischunterricht abwählen dürfen?
Ja, schlechte Noten in Französisch helfen niemandem.
Nein, die Schweiz hat mehrere Landessprachen. Zwei davon muss man können.
Nein, dies schmälert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
3371 Stimmen
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Drei Kantonsräte, zwei davon selbst Lehrer, fordern in einem Postulat, dass Schüler der Sek B und C das Fach Französisch abwählen dürfen. Was halten Sie von der Idee?
Es gibt zwei Seiten: Einerseits leben wir in einem viersprachigen Land. Sie wissen nie, ob Sie mal im Militär in einer französischsprachigen Kompanie landen. Vielleicht gibt es spannende Stellenangebote, die es voraussetzen. Insofern ist es immer ein riesiger Vorteil, wenn man wenigstens grundsätzliche Kenntnisse hat. Andererseits gibt es Einwandererkinder, bei denen schon das Deutsch eine Herausforderung ist. Dennoch glaube ich, dass man dort individuelle Lösungen suchen kann. Zum Beispiel könnte der Unterricht besucht werden, ohne die Lernziele zu hoch zu stecken.
Die beiden Kantonsräte argumentieren damit, dass die Schüler mehr Zeit hätten, sich um Deutsch oder Englisch zu kümmern. Stimmt denn dieser Schluss: Wer in Sprachen schlecht ist, wird besser, wenn er nicht so viele unter einen Hut bringen muss?
Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Bei Sprachen geht es immer um Wortschatz, Grammatik und Sprachgebrauch. Wenn man mit verschiedenen Sprachen arbeitet, schärft dies das Sprachgefühl. Wenn man nur in seiner Muttersprache spricht, passiert dies nicht.
Als weiteres Argument sehen die Initianten des Postulats, dass die Schüler motivierter seien, wenn sie nicht ständig mit dem Frust konfrontiert sind, keinen Erfolg zu haben.
Ich sehe das zwiespältig. Im Leben kommt man ja immer wieder in Situationen, in denen man mit Misserfolgen konfrontiert ist. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, wenn man den Schülern diese Erfahrung aufspart, bis sie aus der Schule raus sind. Sinnvoller ist es, wenn man auch mit Misserfolgen umzugehen lernt. Das geht nicht, wenn man es einfach abwählen kann. Zudem: Wenn Sie 13 Jahre alt sind und ihnen Französisch sowieso stinkt, dann wählen Sie es vielleicht auch ab, weil es Ihnen einfach zu mühsam ist. Wirklich abschätzen, was es Ihnen in Zukunft brächte, können Sie dann noch nicht.
Wenn Sie aber lernschwach sind, mit Sprachen so oder so Probleme haben, lernen Sie ja dennoch mit Misserfolgen umzugehen. Sie haben einfach einen Misserfolg weniger.
Ich bin gegenüber dem Begriff «lernschwach» sehr kritisch eingestellt. Ich habe einige Schulversuche begleitet, auch an Berufsschulen mit Malern, Gipsern und Velomonteueren. Die gehören offiziell bestimmt nicht zu den Lernstarken. Dennoch kann eine erstaunliche Kreativität frei werden, wenn man richtig auf sie zugeht. Einer hatte dort eine Anlehre gemacht und sich schliesslich bis zum Lebensmittelingenieur weitergebildet. Ich finde wirklich Lernschwache findet man seltener als man denkt.
Was wäre also die Alternative?
Es geht darum, individuell auf die Bedürfnisse einzugehen. Oft fehlt es den Schülern heute schon an ganz einfachen Lerntechniken, egal ob sie Schweizer oder Ausländer sind. Ein Beispiel: Ich besuchte einmal eine Sek C-Klasse, die gerade ein Gedicht durchnahm. Die Schüler waren motiviert und sagten alle, sie hätten es gelernt. Aber keiner konnte auswendig vortragen. Der Lehrer hat daraufhin das Gedicht auf einen Stuhl in den Gang gestellt und jeder Schüler ging hin und merkte sich ein paar Wörter, die er danach an die Wandtafel schrieb. So brachten schliesslich alle das Gedicht zusammen und merkten gleichzeitig, wie man etwas schrittweise lernt. Man muss bezüglich der Unterrichtsmethoden ideenreich und unkonventionell sein. Viele Lehrer sind das.
Hier kommt einfach die Frage auf, ab wann die Lehrer selbst überlastet sind.
Natürlich. Herausfordernde Lehrpläne, grosse Klassen. Die Lehrer klagen berechtigterweise. Aber einfach ein Fach zur Abwahl freigeben ist nur eine Flickerei am System. Die Probleme werden dadurch nicht gelöst. Wenn sie wirklich angegangen werden sollen, liegt der Schlüssel in der Individualisierung des Unterrichts. So könnte ein Schüler mit Migrationshintergrund auch einmal einen Monat lang nur in Deutsch unterrichtet werden.
Aber nochmals: Gibt es da bei den Sprachen nicht Grenzen, gerade wenn Sie aus einer Familie mit Migrationshintergrund kommen?
Vielleicht bin ich ein grenzenloser Optimist. Aber ich glaube nein. Kürzlich sass ich im Zug. Eine junge Frau sagte etwas zu einer Kollegin. Den Satz begann sie in ihrer Muttersprache und schloss ihn mit ‹...eifach en riese Tubel›. Ich fragte sie, weshalb sie den Satz in Zürideutsch beendet hatte. Sie meinte nur, das klinge auf Schweizerdeutsch besser als in ihrer Sprache. Das ist doch wahre Sprachkompetenz. Ein Lehrer, der sich dafür interessiert, findet auch Anknüpfungspunkte. Einfach etwas abwählen zu können, weil es mühsam ist, kann keine Lösung sein. Sonst könnte man noch ganz anderes zur Abwahl freigeben. Im Grunde finden viele Jugendliche ja die ganze Schule mühsam. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.01.2012, 16:33 Uhr
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96 Kommentare
Der ganze Französisch-Zwang ist ein alter Zopf. "Vielleicht kann mans ja mal brauchen" ist definitiv kein Argument, sonst könnte man auch das Chinesisch-Obligatorium einführen. Sicher ist es falsch, ein Fach zu streichen, einfach weil es etwas mühsam ist, aber es ist genau so falsch, ein Fach zur heiligen Kuh zu erklären, einfach weil es politisch opportun ist. Antworten
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