Zürich
Ein Grosi, das Pfeife raucht
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Die Fassade verliert langsam den Verputz. Alte Fensterscheiben sind mit schwarzer Folie abgedunkelt, die in der heissen Vormittagssonne glitzert. Blenden zieren den Vorgarten und geben ihm einen futuristischen Hauch. Was sich in diesem kleinen Haus unweit der Endstation Seebach abspielt, offenbart sich erst bei ein paar Schritten rund ums Haus: Auf dem Sitzplatz unterhalten sich junge Frauen, rund ein Dutzend, deren Gespräch durch ein «Bitte Ruhe, wir drehen noch mal!» jäh beendet wird. Ja, hier entsteht ein Film.
«S isch mer alles ei Ding», der erste Kinofilm von Regisseurin Anita Blumer, erzählt die Geschichte von Beziehungen und Konflikten in einer Familien-WG mit vier Schwestern, zwei Enkeln, einem sonderbaren Gast und einem Grosi, gespielt von Stephanie Glaser. Ein Grosi, das trotz seinem Alter durch die Küche tanzt, singt und Pfeife raucht. «Das Pfeiferauchen finde ich grusig, das verbrennt einem die Zunge», kommentiert Stephanie Glaser das Laster ihrer Filmrolle. Die 90-jährige Hauptdarstellerin aus «Die Herbstzeitlosen» fühlt sich sichtlich wohl auf dem Set eines Filmes, der zwar im Dialekt gesprochen wird, durch seine Unabhängigkeit von Produktionsfirmen aber wesentlich kreativer und dynamischer sein will als der typische Schweizer Film.
Frauen fast unter sich
Die Geschichte von Anita Blumer und Co-Autorin Leonie Krähenbühl bricht mit Klischees und hinterfragt Konventionen. Mit einer Mischung aus Melancholie und Komik wird ein Lebensabschnitt einer Familie geschildert, der mit vielen Andeutungen Raum für Interpretationen lässt. In den Hauptrollen neben Stephanie Glaser spielen Jeanne Devos, Anja Schärer, Sophie Hottinger, Anna-Katharina Müller und Stefan Kollmuss als einziger männlicher Darsteller. «Ich bin froh, dass ein junger Mann dabei ist», sagt Glaser mit einem Augenzwinkern. «Ich würde nicht sagen, dass wir miteinander schäkern – aber wir führen auf jeden Fall tiefschürfende Gespräche.» Ein zweites Augenzwinkern folgt. Die Zusammenarbeit mit der sonst jungen Crew – alle sind zwischen 26 und 35 Jahre alt – gefällt der erfahrenen Schauspielerin mit Jahrgang 1920 «trotz Grossmutterinstinkt» sehr, wie sie sagt. Auf die Frage, ob sie am Drehort gut behandelt werde, sagt Glaser schmunzelnd: «Die Frage ist nicht, ob ich gut behandelt werde, sondern vielmehr, ob ich die anderen gut behandle.»
Nur «Wasser mit Blööterli»
64 Jahre jünger und damit jüngstes Mitglied am Set ist Anja Schärer als Nesthäkchen Pascale. «Mit Stephanie zusammenzuarbeiten, ist einfach der Hammer. Sie ist immer sehr gut vorbereitet und weiss genau, was sie macht», sagt die Spielfilm-Debütantin. «Ihre Lebensphilosophie ist extrem motivierend für meine eigene Zukunft. Ich will später auch noch so fit sein wie sie.»
Auch Regisseurin Anita Blumer ist von Stephanie Glaser begeistert. Sie habe noch sehr viel Energie und sage immer, sie sei schliesslich zum Arbeiten da. Ihr einziger Anspruch: «Wasser mit Blööterli.» Und sonst sei die Stimmung sehr familiär und locker. Oder «wie ein Ferienlager mit 16 Stunden Arbeit pro Tag», wie es Produktionsleiter Piet Baumgartner ausdrückt. Man würde der ungewöhnlichen Filmfamilie wirklich abnehmen, auch fernab vom Set eine Familie zu sein.
Am 6. August findet der letzte von insgesamt 25 Drehtagen statt. Der in Zürich und Umgebung entstandene Film kommt im Herbst 2011 in die Kinos. Stephanie Glaser will nach «S isch mer alles ei Ding» noch mindestens zwei weitere Filme drehen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.07.2010, 22:46 Uhr
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