Zürich
Ein Kongresszentrum am Fluss statt am See
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 16.06.2009 19 Kommentare
Ein Kongresszentrum, wo Sihl und Limmat zusammenfliessen.
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In einer Besprechung mit Vertretern der City-Vereinigung wurde Architekt Walter Wäschle gefragt: «Wo würdest du denn das Kongresszentrum bauen?» Ein interner Workshop in seinem Architekturbüro Atelier WW hat gezeigt: Wenn es nicht im See vor dem alten Kongresshaus realisiert wird, dann gibt es nur einen Standort in der Stadt: den Carparkplatz beim Hauptbahnhof.
Ein Kongresszentrum läge hier absolut zentral und wäre bestens erschlossen – man könnte es gar unterirdisch mit dem Bahnhof verbinden. Praktisch vor der Haustür fliessen Sihl und Limmat zusammen, und dahinter liegt mit dem Platzspitz einer der schönsten Pärke der Stadt. Und: Das Grundstück mit Carparkplatz und Parkhaus ist bereits im Besitz der Stadt und ist fast doppelt so gross wie jenes des heutigen Kongresshauses. Beim Moneo-Projekt haben vor allem der knappe Platz und die komplizierten Besitzverhältnisse zum Scheitern beigetragen.
Eine Stadtreparatur im Kreis 5
Selbst Norbert Bollinger, Direktor des Kongresshauses, zeigte sich von diesem Standort begeistert. Deshalb beliess es Walter Wäschle nicht bei der Idee. Er und sein Atelier WW arbeiteten eine Machbarkeitsstudie aus, die das grosse Potenzial des Grundstücks aufzeigt. Schliesslich, so meint er, trage sein Architekturbüro, das die Stadt seit Jahren mitgestaltet, auch eine gewisse Verantwortung für Zürich.
Bei der Standortevaluation 2002 kam der Carparkplatz noch in die engere Auswahl. Später wurde er aber erstaunlicherweise mit keinem Wort mehr erwähnt – dies obwohl er alle Kriterien fast perfekt erfüllt: die Grösse und Verfügbarkeit des Grundstücks, die Nähe zu Hotels, Sehenswürdigkeiten und Hochschulen sowie die Qualität des Umfelds. Das Kongresszentrum leistet hier auch einen Beitrag zur Stadtentwicklung. «Man würde im wahrsten Sinne des Wortes Stadtreparatur betreiben», meint Walter Wäschle. Das Kongresszentrum schlösse eine seit Jahren brachliegende städtebauliche Lücke und belebte den vorderen Kreis 5. Dieser dämmert seit den Neunzigerjahren, als sich die Drogenszene ausbreitete, vor sich hin.
Und das Kongresshotel?
Auf den Carparkplatz und die Parkplätze müsste die Stadt nicht verzichten. Gemäss Machbarkeitsstudie ist es möglich, den Carparkplatz im hinteren Teil des Kongresszentrums auf Strassenniveau unterzubringen, die Parkplätze im Untergeschoss. So könnte sich die Stadt die Sanierung des Parkhauses Sihlquai sparen, für die sie fünf Millionen Franken gesprochen hat. Sie müsste rasch handeln, denn die Arbeiten sind bereits angelaufen.
Und das Kongresshotel? «Das könnte man auf dem Geviert zwischen Hauptbahnhof und Carparkplatz bauen», sagt Wäschle. Die Liegenschaft mit der Wirtschaft zum Vorbahnhof zum Beispiel gehört der PSP Swiss Property. Dort kann man sich durchaus vorstellen, das nicht denkmalgeschützte Haus durch ein Kongresshotel zu ersetzen. Man müsse das Vorhaben unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten aber genau prüfen, meint Stephan Lüdi, Eigentümervertreter der PSP.
Trockenen Fusses zum Bahnhof
Im Rahmen der Machbarkeitsstudie haben die Architekten auch abgeklärt, ob sich ein Kongresszentrum mit den Plänen eines Stadttunnels vereinbaren liesse, der unter dem Sihlquai erstellt werden könnte. Gemäss kantonalem Tiefbauamt ist es nach wie vor sehr fraglich, ob das Projekt je realisiert wird. Sofern koordiniert geplant und allenfalls auch Vorinvestitionen getätigt würden, sei es möglich, das vorgesehene Teilstück zu überbauen. Nach Einschätzung von Walter Wäschle könnte hier ein Kongresszentrum innert nützlicher Frist verwirklicht werden.
«Für uns ist der Carparkplatz nach dem Standort Kongresshaus die zweitbeste Wahl», sagt Norbert Bollinger, Direktor des Kongresshauses Zürich. Die Chance sei aber klein, dass das Kongresszentrum am «besten Standort» oder auch beim Kasernenareal oder beim Hochschulquartier gebaut werde. Der Standort Carparkplatz scheint ihm ideal; man gelange trockenen Fusses zum Bahnhof, habe im Platzspitz Auslauf und wie am See Wasser vor dem Haus. Einen Nachteil hat er bis heute nicht gefunden. «Der Carparkplatz ist eine grosse Chance», sagt er und appelliert an die Stadt: «Ich hoffe, dass sie vorwärtsmacht und den Standort seriös prüft.»
Bei der Stadt wollte man sich inhaltlich nicht zum Projekt äussern. Das sei anhand einer Projektskizze nicht möglich, sagte Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements. Grundsätzlich sei es aber positiv, dass Architekten ihre Ideen einbrächten. Das Amt für Städtebau prüft neben den Standorten Kasernenareal, Bahnhof Hardbrücke, Hafen Enge und Hochschulquartier auch neu eingehende Vorschläge. Da es der Stadt wichtig ist, alle interessierten und betroffenen Kreise in die Planung einzubeziehen, wird die Realisierung mit Projektwettbewerb, Gestaltungsplan und Bau viel Zeit beanspruchen: So könnte das neue Kongresszentrum frühestens 2017 stehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.06.2009, 22:03 Uhr
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