Ein Rauchverbot, das keines ist

Von René Staubli. Aktualisiert am 28.04.2010 70 Kommentare

Am Samstag tritt im Kanton Zürich das Rauchverbot in Gaststätten in Kraft. In Deutschland gilt es schon zwei Jahre. Die dortigen Erfahrungen wecken den Verdacht, dass die Zürcher Regelungen zu lasch sind.

Bild: Widmer

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Martina Pötschke-Langer (59) ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Es wurde ihr vor zwei Jahren für herausragende Leistungen um die Krebsvorsorge verliehen. Die Wissenschaftlerin am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg gilt als Top-Expertin, was Fragen zum Rauchverbot in Europas Gaststätten betrifft. Selbst ein Sachverständiger wie Thomas Lampert vom Robert-Koch-Institut in Berlin, der das Feld selber seit Jahren intensiv erforscht, verweist den TA an die Kollegin aus Hessen: «Zu diesem Thema weiss sie alles.»

Was empfiehlt Pötschke-Langer der Schweiz aufgrund ihrer gesammelten Erfahrungen? «Lassen Sie keine Ausnahmen von einem umfassenden Rauchverbot in Gaststätten zu», sagt sie. «Machen Sie es so konsequent wie die Italiener, Iren, Franzosen und Skandinavier: Keine Nebenräume einrichten, wo das Rauchen gestattet ist, keine Ausnahmen für kleine Betriebe zulassen – und das Verbot funktioniert wunderbar.»

«Beschäftigte zweiter Klasse»

Die Empfehlungen kommen zu spät, denn im Kanton Zürich sind Ausnahmen die Regel. Die Wirte können abgetrennte Fumoirs einrichten; dazu kommt eine gesetzliche Bestimmung, die Pötschke-Langer empört: Die Gäste in den Fumoirs dürfen bedient werden, sofern sich das Personal schriftlich dazu bereit erklärt, in der «Giftkammer» zu servieren, wie die deutsche Expertin das Fumoir nennt.

Damit schaffe man «Beschäftigte zweiter Klasse, die ihre Gesundheit aus wirtschaftlichen Gründen riskieren», kritisiert die Expertin. Eine ähnliche Regelung in der chemischen Industrie würde nicht akzeptiert: «Stellen Sie sich vor, man würde dort alle Schutzmassnahmen ignorieren und die Beschäftigten unterschreiben lassen, dass sie willens sind, Gifte einzuatmen – das wäre doch absurd.»

Das Verbot wird ausgehöhlt

Immerhin erlaubt der Kanton Zürich nicht, dass in kleinen Gastrobetrieben mit weniger als 80 Quadratmeter Fläche weiterhin geraucht werden darf. In sieben deutschen Bundesländern stehen in solchen «getränkegeprägten Einraumgaststätten» unter 75 Quadratmetern die Aschenbecher weiterhin auf den Tischen, so auch in Berlin.

Die «Berliner Zeitung» konstatierte kürzlich, das Rauchverbot werde in Kneipen, Klubs und Bars «systematisch unterlaufen – insbesondere in Kneipenvierteln wie Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Nord-Neukölln». Die vielen Ausnahmen, die das Gesetz erlaube, führten dazu, dass es weder durchsetzbar noch kontrollierbar sei.

Die Kritik erfolge zu recht, sagt Plötschke-Langer. Die Ausnahmen hätten in allen betroffenen Bundesländern zu Marktverzerrungen geführt. Gastwirte liessen sich die Ungleichbehandlung nicht gefallen und täten alles, um für die Raucher attraktiv zu bleiben.

Keine wesentlichen Umsatzrückgänge

Laut den Untersuchungen des Deutschen Krebsforschungszentrums haben die umfassenden Rauchverbote in Irland, Italien, Norwegen, Schweden, Finnland und Frankreich zu keinen spürbaren Umsatzrückgängen geführt. «Es gab leichte Marktverschiebungen, aber keine dramatischen Einbrüche», sagt die Expertin. So seien Spelunken geschlossen und als Cafés oder Bistros wiedereröffnet worden.

Dass Deutschlands Gastronomie seit 20 Jahren mit leicht rückläufigen Umsätzen kämpfe, hänge nicht mit dem Rauchverbot zusammen, sondern mit andern gesellschaftlichen Entwicklungen. Das Internet, Computerspiele und die vielen sozialen Onlinenetzwerke wie Facebook führten dazu, dass sich die Leute vermehrt zu Hause aufhielten. Der spürbare Rückgang der Kaufkraft trage ebenfalls dazu bei, dass sich viele Leute den Besuch einer Gaststätte aus Kostengründen zweimal überlegten.

Schock in Trinkerkneipen

Gegner des Rauchverbots in Gaststätten fürchten negative soziale Folgen. Das intakte Beziehungsnetz von Angehörigen tieferer Gesellschaftsschichten werde zerrissen, wenn man ihnen den Treffpunkt Stammtisch wegnehme. Für diese These gebe es «keinerlei Belege», sagt Pötschke-Langer – zumindest nicht in Ländern mit absolutem Rauchverbot. «Die Stammtischbesucher kommen weiterhin zusammen», sagt sie. Das wisse man aus mehrjährigen Beobachtungen in Ländern, wo die Pubszene mit Stammtischen stark verbreitet sei, etwa in Irland, wo seit sechs Jahren ein striktes Rauchverbot in allen Gaststätten gilt.

Es könne sein, dass das Rauchverbot in Einzelfällen, «etwa in regelrechten Trinkerkneipen», zu Beginn einen Schock auslöse, räumt Pötschke-Langer ein. «Aber selbst Trinker sind auf die Gemeinschaft angewiesen und kehren nach einem individuellen Protest früher oder später wieder in ihre Gemeinschaft zurück.» Im Übrigen hätten Umfragen in den Bundesländern gezeigt, dass der Anstieg bei der Zustimmung zu Rauchverboten bei den Rauchern am höchsten sei.

An die Lungenkranken denken

Pötschke-Langer kann wenig anfangen mit den Klagen der sich ausgegrenzt fühlenden Raucher. Man sollte eine andere, viel grössere Gesellschaftsgruppe nicht vergessen, sagt sie: «Für Asthmatiker, Lungenkranke, Herz-Kreislauf- und Krebskranke ging bisher der Zutritt zu verrauchten Lokalen mit einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustands einher, sodass sie diese Orte meiden mussten.»

Solche Menschen wagten sich nun wieder in Gaststätten, ebenso Familien mit kleinen Kindern oder generell Nichtraucher. Unter dem Strich ergebe sich dort die positivste Gesamtbilanz, wo das Rauchverbot am striktesten durchgesetzt werde.

Welche Folgen das Rauchverbot im Kanton Zürich haben wird, bleibt vorderhand offen. Der Sozialpsychologe Rainer Hornung von der Uni Zürich sagt, das Ausmass der Akzeptanz werde sich wohl erst im Winter zeigen: «Dann wird man sehen, welche Dynamik entsteht, wenn sich Raucher in der Kälte nach draussen begeben müssen.» ()

Erstellt: 28.04.2010, 07:49 Uhr

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70 Kommentare

Jeremy Goldinger

28.04.2010, 10:25 Uhr
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Die Schweizer sind kein Jammerhaufen, wir sind lediglich ein Volk, dass sich seit jeher mit von oben/aussen auferlegten Gesetzen und Vorschriften schwer getan hat und sich stets dagegen wehrte (Grüsse an die Habsburger, Armagnaken, Karl den Kühnen, EWR, EU).... Schade, dass das jetzt auf einmal vorbei sein sollte... Antworten


Konrad Beizer

28.04.2010, 11:33 Uhr
Melden

@Beat Gerola, ich arbeite seit Jahren in der Gastronomie Zürichs, unsere Gäste sind zu 80% Raucher, die Angestellten ebenfalls. Keiner der Betriebe würde den Verlust der nicht rauchenden Gäste wirklich zu spühren bekommen. Es ist vielleicht eine subjektive Beobachtung, aber Raucher scheinen eher Kneipenbesucher zu sein als Nichtraucher. So viele neue nR Gäste möchte ich erst mal sehen. Antworten



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