Ein Schweizer, der keiner ist
Einbürgerungsgeschichten: TA-Serie vor der Abstimmung
Am 11. März stimmt der Kanton Zürich darüber ab, ob er das Bürgerrechtsgesetz verschärfen soll. Der «Tages-Anzeiger» hat Menschen getroffen, die in unser Land eingewandert waren und dann Schweizer werden wollten. Sie erzählen, was sie dabei erlebt haben, was sie an ihrer neuen Heimat schätzen und was weniger. Ihre Einbürgerungsgeschichten erscheinen diese Woche täglich im Zürich-Bund. (sch)
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«Im Grunde genommen bin ich ein Schweizer.» Der 86-jährige italienische Staatsangehörige Louis Cozzio sagt dies in seiner bescheidenen, liebenswürdigen Art, ohne jeden Groll. Es ist das Fazit eines Gesprächs über sein Leben, das in Herisau begann und zur Hauptsache in Winterthur spielt.
Zweimal hat Louis Cozzio einen Anlauf zur Einbürgerung genommen, zweimal waren ihm die Hürden zu hoch. In Winterthur ist er ein bekannter Geschäftsmann. «Messer Cozzio» gibt es seit 55 Jahren, und bis vor kurzem bediente der Senior noch häufig im Laden an der Marktgasse, der Einkaufsstrasse Nummer 1. Dass er Ausländer ist, wissen die Leute nicht. «Wenn ich es sage, glauben sie es nicht.»
Ein Zufall der Geschichte
Das erstaunt wenig, war doch bereits sein Vater in der Schweiz geboren. Louis Cozzio ist ein Italiener der dritten Generation. Er könnte ebenso gut auch Österreicher sein. Sein Grossvater Vittorio war ein Südtiroler, von Beruf Messerschmied; in den Achtzigerjahren des vorletzten Jahrhunderts emigrierte er mit seiner Frau Cölestina in die Schweiz. Louis’ Vater Olimpio wurde 1914 von den Österreichern eingezogen und kämpfte mit den Kaiserjägern gegen Italien. Er hatte das seltene Glück, nach vier Kriegsjahren unversehrt zurückzukehren, heim ins Appenzellerland. 1919 heiratete er die in Wien geborene Rosa Paolini. Die Familie war nun italienisch, da das Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugeschlagen wurde.
Olimpio, der gelernte Dessinateur, sah in der Stickereiindustrie keine Zukunft und wurde wie sein Vater Messerschmied. In Herisau hatte er einen Laden mit Werkstatt. Mitte der Dreissigerjahre zügelten die Cozzios nach Winterthur, um etwas Neues aufzubauen. Doch der Vater bekam von der Stadt keine Bewilligung, die Messer bei den Kunden einzusammeln – weil er Ausländer war. Ohne Hausieren war damals kein Geschäft zu machen. So zog die Familie weiter nach Arth, wo es diese Einschränkung nicht gab.
Luigi, Alois, Louis
Im Kanton Schwyz wurde der kleine Luigi zum Alois. Ihm gefielen beide Namen nicht. «Da habe ich mich selber auf Louis umgetauft.» Italienisch spricht er nur gebrochen, und für Italien hege er «keine besonderen Gefühle», sagt Louis Cozzio. «Ich habe nur meinen Heimatort dort.» Dieser heisst Mortaso und liegt in den Dolomiten, unweit von Madonna di Campiglio. Louis Cozzio reiste einige Male hin, weil seine Tante ein Hotel in dem Wintersportort hatte.
Nach dem Willen seiner Eltern sollte Louis Missionar werden. Sie schickten ihn aufs Gymnasium des Missionshauses Bethlehem. Louis war ein Bettelstudent. Mit einem Schreiben der Schule musste er in den Ferien von Haus zu Haus gehen, um Geld zu sammeln. Das gefiel ihm gar nicht, und so gab er die Schule auf und setzte die Familientradition fort. In Langenthal fand er eine Lehrstelle als Messerschmied. Die Arbeit bei Meister Hans Bühler war hart, 10 Stunden täglich in Dreck und Lärm, 59 Stunden in der Woche.
Nach der Lehre bekamen seine Kollegen das Aufgebot für die RS. Auch Louis Cozzio wollte ins Militär. Er fragte in Arth an, ob er Schweizer werden könne. Das sei kein Problem, beschied man ihm, aber er müsse mit Kosten von rund 4000 Franken rechnen. Diese Summe war für den jungen Mann jenseits aller Möglichkeiten. Sein Stundenlohn betrug damals 1.80 Franken.
«Ich war traurig», sagt Louis Cozzio rückblickend. Nachher habe er die Sache aber vergessen, «ich ging ins Leben hinaus». Bis nach Algier führten ihn seine Wanderjahre, bevor er 1952 in Oerlikon ein eigenes Geschäft eröffnete, einen kleinen Laden mit Werkstatt an der Schwamendingenstrasse.
Louis Cozzio hat Zehntausenden von Tafelmessern einen Wellenschliff verpasst. Am Abend putzte seine spätere Frau Hanni, die damals noch in der KV-Lehre war, die Messer und packte sie ein. 30??Dutzend schaffte der fleissige Handwerker pro Tag, und das wurde mit 115.20 Franken bezahlt. «Damit konnten wir erstmals etwas sparen», erinnert sich Hanni Cozzio.
Die Bahnhofstrasse lockte
Bald wollte Louis Cozzio ein grösseres Geschäft und fand es in Winterthur, am Oberen Graben. 1958 heirateten Hanni und Louis. Hanni musste einen Antrag stellen, um Schweizerin bleiben zu dürfen. 1962 und 1966 wurden die Kinder Remo und Sandra geboren. Über die Jahre wuchs das Familienunternehmen stetig, man handelte mit Rasierapparaten und baute das Sortiment kontinuierlich aus. Der Laden wechselte an den Unteren Graben und schliesslich an die Marktgasse. Fast hätte Messer Cozzio sogar den Sprung an die Zürcher Bahnhofstrasse geschafft: 1970 bekamen Cozzios die Offerte, ein Stahlwarengeschäft zu übernehmen. Der Hausbesitzer wollte aber keinen Ausländer als Mieter. Deshalb beschloss das Ehepaar, das Einbürgerungsverfahren einzuleiten.
Zahlreiche Formulare waren auszufüllen. «Zuerst ging alles gut», erzählt Hanni Cozzio. Bis zu dem Tag, als kurz vor Mittag ein Polizist an der Tür klingelte. «Er wollte sich anschauen, wie wir leben, nahm Bücher aus dem Gestell, um zu sehen, was wir lesen. Wir liessen es über uns ergehen.» Die böse Überraschung kam tags darauf, als die fünfjährige Sandra am Mittagstisch ihrem Bruder eröffnete: «Du, Remo, wir sind Italiener!» Die Mutter fragte, woher sie das habe. «Der Polizist war im Kindergarten und hat es uns gesagt», antwortete die Kleine.
Schnüffelnde Polizisten
Und das war noch nicht alles. Per Zufall stellte Hanni Cozzio fest, dass auch bei der Krankenkasse ein Polizist vorbeigegangen war und Auskünfte über ihre Zahlungen bekommen hatte. «Es war genau wie im Film ‹Die Schweizermacher›», sagt sie, «doch das glaubte uns niemand.» Am Ende des Einbürgerungsverfahrens erhielt Louis Cozzio eine Vorladung vom Stadtschreiber. Der Laden in Zürich war inzwischen weg. Der hohe Beamte sagte ihm, es sei alles bereit, er müsse nur noch zahlen – circa 20'000 Franken. Und fügte an: «Das Geld brauchen Sie doch besser für Ihr Geschäft.» Da verzichtete Louis Cozzio erneut auf den roten Pass.
Die Kinder bekamen wenig später die erleichterte Einbürgerung. Auch der Vater hätte, als er 60 war, leicht Schweizer werden können. Doch da war es für ihn kein Thema mehr. «Ich lebte trotzdem wie ein Schweizer», sagt Louis Cozzio, der sich für alles interessiert, was läuft, auch für Politik. Er diskutiert darüber mit seiner Frau. «Die Abstimmungs- und Wahlzettel füllen wir gemeinsam aus.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.02.2012, 17:39 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


