Zürich
«Ein Zwitter zu sein hat mit sexueller Orientierung nichts zu tun»
Interview Felix Schindler. Aktualisiert am 27.10.2009
Ich hätte mir das Recht auf körperliche Unversehrtheit gewünscht: Daniela Truffer.
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Heute wurde zum ersten Mal in der Schweiz ein Vorstoss zu Gunsten von zwischengeschlechtlichen Menschen eingereicht. Als Präsidentin des Vereins Zwischengeschlecht.org sprechen Sie von einem historischen Tag. Haben Sie gefeiert?
Dieser Tag ist tatsächlich etwas Besonderes. Zumal heute auch der Intersex Awareness Day ist. Heute vor 13 Jahren sind zum ersten Mal Zwitter auf die Strasse gegangen und haben auf das Unrecht aufmerksam gemacht, das ihnen angetan wurde. Doch gefeiert haben wir nicht, wir haben bis spät nachts Pressemitteilungen verfasst. Aber wir freuen uns darüber, dass die kosmetischen Zwangsoperationen endlich auch in der Politik ein Thema geworden sind.
Was fordern Sie?
Wenn ein Kind mit einem Geschlechtsmerkmal auf die Welt kommt, das für eine Klitoris zu gross und für einen Penis zu klein ist, schneidet man es ab und legt eine Scheide an. Meist noch vor dem zweiten Lebensjahr, dann ist das Gewebe nachgiebig und das Kind wird sich nicht an den Eingriff erinnern. Viele haben dann nie mehr sexuellen Empfindungen, dafür müssen sie ein Leben lang Hormone nehmen und haben Schmerzen. Rund ein Drittel der Betroffenen bringt sich um. Wir kämpfen für ein Verbot dieser kosmetischen Zwangsoperationen, die eigentlich gemäss Bundesverfassung ohne Zustimmung der Betroffenen sowieso nicht erlaubt wären.
Die Zustände, die Sie beschreiben, sind schockierend. Warum ist so lange nichts passiert?
Dass es Menschen gibt, die ohne eindeutiges Geschlecht zur Welt kommen, ist ein Tabu. Nur die wenigsten Zwitter sind selbst im Stande, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.
Sie bezeichnen sich selbst als Zwitter. Der Begriff ist eigentlich ein Schimpfwort. Ist es korrekt, jemanden ohne eindeutiges Geschlecht so zu bezeichnen?
Für mich stimmt der Begriff, er ist am ehrlichsten. Aber viele Betroffene finden den Begriff schrecklich. Politisch korrekter ist vielleicht der englische Begriff «intersex». Aber auf Deutsch reiht sich «Intersexuell» ein in homosexuell, bisexuell, transsexuell und heterosexuell. Dann haben viele Leute das Eindruck, es gehe um sexuelle Orientierung. Ein Zwitter zu sein hat mit sexueller Orientierung aber nichts zu tun. Am besten gefällt mir eigentlich der Begriff Zwischengeschlecht, aber der ist meist zu lang.
Was erwarten Sie nun von diesem Vorstoss, den nun die Zürcher Regierung beschäftigen wird?
Es ist mal ein Anfang. Doch die Erfahrung lehrt uns, dass wir nicht zu viel erwarten dürfen. Bei ähnlichen Vorstössen in Deutschland spielte die Regierung das Thema herunter, behauptete, Zwangsoperationen würden nicht durchgeführt. Oder schwärmt von neuen Operationsmethoden. Schliesslich müsse ein Kind ja wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.
Ist da im Grundsatz nicht auch etwas Wahres dran?
Das stimmt vor allem für Erwachsene, Kinder können viel besser damit umgehen. Zwar müssen auch zwischengeschlechtliche Kinder im Kindergarten wissen, wohin sie gehen, wenn es heisst: Buben hierhin und Mädchen dorthin, und auf welches Klo sie gehen. Bis die Betroffenen selbst entscheiden können, welches Geschlecht eher zu ihnen passt und ob sie operativen Eingriffe vornehmen wollen oder nicht, kann man im Pass einfach «Junge» oder «Mädchen» ankreuzen. Das kann man rückgängig machen, eine Operation im Kindesalter nicht.
Ist diese Entscheidung auch das, was Sie für sich selbst gewünscht hätten?
Was ich mir für mich gewünscht hätte, wäre das Recht auf körperliche Unversehrtheit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.10.2009, 10:24 Uhr


