Ein halber Zürcher landete den Volltreffer

Gelassenheit und Ruhe braucht es, um am Knabenschiessen Schützenkönig zu werden. Beides bringt Gewinner Janic Mikes mit – in allen Lebenslagen.

Der Schützenkönig beim Abschuss: Knabenschiessen 2008 (Video: Felix Schindler)

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Der Ruhm liegt noch fünf Schüsse entfernt. Hinter den Sturmgewehren kauern zwei Mädchen und ein Knabe. Silja Müller (13) und Janic Mikes (17) haben schon am Samstag und Sonntag das Maximum von 35 Punkten erzielt. Katharina Marthaler (17) hat sich erst am Montagmorgen ins Finale geschossen.

Politiker drängen sich unter den Abschrankungen durch, Fotografen streiten um den besten Platz. Dann heisst es «Feuer frei». Ruhe breitet sich aus, bis es knallt. Silja hat als Erste abgedrückt. Ein Dreier. Auch Katharina schafft nicht das Maximum. Die Mädchen schliessen mit 27 Punkten ab. Janic, der sich unendlich Zeit lässt, hat noch zwei Schüsse. Es werden zwei Fünfer. Das macht 34 Punkte. Janic ist Schützenkönig.

Er lächelt wie ein Medienprofi

Nun beginnen für Janic seine zwei, drei Tage Berühmtheit. Und so ruhig wie seine Finger den Abzug durchdrückten, so ruhig lächelt er ins Blitzlichtgewitter, nimmt Glückwünsche entgegen und spricht in den Strauss aus Radiomikrofonen. «Es ehrt mich, ich freue mich natürlich, nein, gerechnet hab ich nicht mit dem Titel.» Zwei Regierungsräte, die das Geschehen beobachten, staunen, wie gelassen Janic bleibt. Schon nach dem Mittagessen hat er sich an den Medienrummel gewöhnt. «Ach, schon wieder die gleiche Frage.»

Die Frage lautete, ob er sich nicht komisch fühle, als St. Galler bei diesem urzürcherischen Anlass abzuräumen. Janic wohnt nämlich in Rapperswil-Jona. Er winkt ab, er sei sowieso ein halber Zürcher, mache in der Stadt seine Informatiklehre (weshalb er überhaupt teilnehmen durfte) und gehe hier in den Ausgang. Auch die Redner am Galaessen arrangieren sich damit, dass zum ersten Mal in der 109-jährigen Geschichte des Knabenschiessens ein Nichtzürcher den Titel holt. «Rapperswil gehört zum Wirtschaftsraum Zürich», sagt Obmann Michael Bloch. «Das zeigt nur, wie offen wir Zürcher sind», findet Regierungspräsident Markus Notter (SP).

Janic blickt während der Reden ununterbrochen auf sein Handy. Gratulationen füllen seine Inbox. Die Kollegen fänden es eben easy, dass er gewonnen hat. Überhaupt sieht Janic nicht so aus, wie man sich einen Jungschützen vorstellt. Er trägt einen grünen Kapuzenpullover, sein Baseballcap bleibt immer auf dem Kopf. Die Trachtenmädchen, die ihn begleiten, wirken wie aus einer anderen Welt. Immerhin hat der 17-Jährige in diesem Frühling einen Jungschützenkurs absolviert, wo er gleich als Talent auffiel. «Ansonsten habe ich nicht so oft trainiert.» Schiessen gefalle ihm aber, weil man sich konzentrieren müsse. «Das liegt meinem Sohn. Ausserdem war sein Grossvater ein guter Schütze», erklärt die stolze Mutter.

Vielleicht einen Fernseher

Weniger mit der Schiesstradition verbunden fühlen sich Silja und Katharina. Ein Gewehr hielten sie erst zum zweiten Mal in der Hand. In ihrer Freizeit reiten sie lieber oder malen. Auf die Frage, warum sie mitgemacht hätten, sagen sie, es sei halt lustig. Die Männer in Anzug oder Uniform, die im Albisgüetli-Saal ihren Braten verspeisen, freuen sich derweil, dass auch dieses Jahr über 5500 Jugendliche teilgenommen haben. «Die Tradition lebt fort», sagt Obmann Bloch. Der Applaus tost.

Ein erfahrener Schütze weiss auch, warum Neuschützen oft besser treffen als solche, die schon lange üben. «Sie haben etwas Unbeschwertes. Doch schon im Final lag zu viel Druck auf den Mädchen.» Silja und Katharina sind aber nicht enttäuscht, dass es nicht gereicht hat. Silja nimmt ein Velo, Katharina einen Roller mit nach Hause. Etwas ernüchtert gibt sich dagegen die Zürcher Gemeinderatspräsidentin Fiammetta Jahreiss (SP). Sie hat auf den Sieg eines Mädchens gehofft. Aber natürlich gratuliere sie dem Sieger.

Dieser hat noch strenge Stunden in Radiostudios und einen Empfang in Rapperswil vor sich. Dann wird er wieder ein normaler Teenager sein, der im Turnverein mitmacht, Frisbee spielt, keine Freundin hat und Gitarre übt. Nur die 5000 Franken Preisgeld werden bleiben. Wenn sich Janic nicht einen Fernseher kauft, wie er es sich gerade überlegt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2008, 07:31 Uhr

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