Eine schrecklich teure Familie

Eine Familie stürzt ein Zürcher Dorf in Finanznöte. Am Anfang der Misere stand eine gute Tat.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dies ist eine Geschichte, die offiziell niemand erzählen darf und über die doch das halbe Dorf mehr oder weniger Bescheid weiss. Eine, in der viel gut gemeint war und doch keiner glücklich ist.

Im Schulhaus einer Zürcher Landgemeinde, die aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht genannt werden darf, hängt ein Zeitungsartikel aus der «NZZ am Sonntag» prominent an der Pinnwand im Lehrerzimmer: Wegen einer einzigen Problemfamilie sei eine kleine Gemeinde finanziell in Schieflage ge­raten, steht da. Es ist ein Souvenir an den Zustand der Überforderung, der hier bis vor kurzem herrschte. Aber ausgestanden ist die Geschichte nicht.

Daran wird man unten auf dem Spielplatz erinnert, wo einer der Protagonisten mit seinen Klassenkameraden he­rum­albert: ein Junge von etwa 10 Jahren, mit feinen Gesichtszügen und kaffeebrauner Haut. Er ist der letzte seiner Familie, der noch hier zur Schule gehen darf. Vier Geschwister sind kürzlich in Heimen untergebracht worden, zum Teil in anderen Kantonen.

Das kostet gegen eine halbe Million Franken pro Jahr – ein Fünftel des gesamten Steueraufkommens der Gemeinde. Anders gesagt: Jeder Einwohner beteiligt sich im Schnitt mit 400 Franken. Hinzu kommen Ausgaben für sozialpädagogische Familienbegleitung, Nebenkosten und wirtschaftliche Hilfe. Es ist absehbar, dass das an der Gemeindeversammlung im Dezember zu reden geben wird.

Absehbar sind auch die Antworten: Es werden dieselben sein wie im Vorjahr. Damals gaben die kantonalen Behörden dem SVP-Gemeindepräsidenten klare Anweisungen, wie er auf kritische Fragen zum Umgang mit der Familie reagieren müsse: Er solle zehnmal wiederholen, dass die Gemeinde in diesem Fall nur «Zahlstelle» sei. Die Versammlung dürfe das Schicksal der Familie nicht disku­tieren – «auch wenn es noch so viele Personen beschäftigt».

Am Anfang stand eine gute Tat

Dabei hat alles mit einer guten Tat begonnen. Eine Zeitung berichtete damals, vor zweieinhalb Jahren, vom Schicksal der Grossfamilie M.* aus Eritrea. Acht anerkannte Flüchtlinge, von der Sozialhilfe abhängig, die in einem Durchgangszentrum ausharren mussten, weil sie vergeblich eine Wohnung suchten. Ein sozial engagierter Verein, der in der kleinen Landgemeinde mehrere Häuser besitzt, beschloss zu helfen. «Wir dachten, wir könnten diese Leute im Dorf integrieren», sagt ein Vereinsmitglied. «Wir waren etwas blauäugig.»

Frau M., eine gebürtige Äthiopierin, zog mit ihren sechs Kindern aufs Land, in ein Idyll aus Riegelhäusern und Blumengärten und plätschernden Brunnen, das man zu Fuss in wenigen Minuten durchmessen hat. Der Vater kam nicht mit, er lebt seither in Winterthur.

Was die zuständige Betreuungs­organisation dem Verein verschwieg: Die Familie hatte dort zuvor schon eine Wohnung gefunden, musste diese aber wieder verlassen, weil sie sich nicht an die Regeln des Zusammenlebens gehalten hatte. Die Vereinsmitglieder machten ähnlich ernüchternde Erfahrungen. Bei einem ersten gemeinsamen Essen sei es zu einer Diskussion um religiöse Speisegebote gekommen. Danach sei Frau M. nie mehr aufgetaucht. Sie zeige bis heute keinerlei Interesse, sich zu integrieren. Egal, wen man fragt: Kaum jemand kennt die Frau. Sie sei nur selten draussen zu sehen – im Unterschied zu einer später angekommenen Eritreerin, die Anerkennung erntet, weil sie sich umgehend einem Dorfverein anschloss.

Während sich die Mutter ins Haus zurückzog, wo sie sich bald um ein Neugeborenes kümmerte – ihr siebtes Kind –, tollten die anderen vollkommen unbeaufsichtigt auf der Strasse herum. Nachbarn erzählen, sie hätten oft erzieherisch eingreifen müssen, weil die ­Grösseren die Kleineren geplagt hätten. Die Älteste sei «sackfrech» gewesen. Zudem hätten die Kinder das Konzept von «Mein und Dein» nicht respektiert. Sie hätten sich bei Bedarf Velos von Kindern aus der Nachbarschaft geholt. Irgendwann ging eine Gefährdungsmeldung bei der Vormundschaftsbehörde ein, die Kinder bekamen einen Beistand.

Nicht glücklich in diesem Dorf

Ihre Mutter schüttelt darüber den Kopf. Sie schiebt den Kinderwagen die Dorfstrasse hinauf, eine kleine, korpu­lente Frau, die das Haar zu lustigen Zöpfchen geflochten hat, aber eine unübersehbare Trauer in den Augen trägt. Es habe hier keinen Spielplatz für ihre Kinder, sagt sie, und die Nachbarn würden schnell reklamieren. Zum Beispiel, weil es ihnen zu laut sei oder eines der Kinder Blumen aus einem Garten gepflückt habe. Sie versucht zu lächeln. Dann sagt sie, sie sei nicht glücklich hier im Dorf. Der Verein, der die Familie hierhergeholt hatte, reduzierte seine Integrationsbemühungen nach den anfäng­lichen Misserfolgen aufs Nötigste. Er beschränkte sich auf die Kinder. Eine freiwillige Helferin gab den Kleinen zweimal pro Woche unentgeltliche Nach­hilfe­stunden, in Absprache mit den Sonderpädagogen der Dorfschule. Das sei ein Jahr lang ganz gut gegangen. Dann wurde die Betreuung professionalisiert.

Im Kanton Zürich war inzwischen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eingeführt worden, die die Arbeit der kommunalen Vormundschaftsbehörden übernahm. Die Fachleute beurteilten das handgestrickte Hilfsangebot für die Flüchtlingsfamilie als «unprofessionell», erinnert sich eine Gemeinderätin. Sie organisierten stattdessen eine professionelle Familienbegleitung durch eine Sozialarbeitsfirma.

Seither bekamen die Nachbarn kaum noch mit, was im Haus der Flüchtlingsfamilie lief. Sie sahen verwahrloste Spielsachen im Hof und wunderten sich, wenn drei Leute mit Stundenansätzen von 130 Franken Frau M. beim Einkaufen begleiteten. Und sie stellten Fragen.

Fragen, die niemand beantwortete, weil die Kesb an eine gesetzliche Schweigepflicht gebunden ist und nichts zu konkreten Fällen sagen darf, wie sie auf Anfrage klarstellt. Welche Massnahmen ihr weshalb angebracht scheinen, bleibt geheim. Wer sich für die Lebenssituation der Familie interessiere, müsse sich selbst ein Bild machen, liess die Kesb die Dorfbewohner wissen. Diese kontern, die Organisation sei zu weit weg vom Ort des Geschehens. «Kein Wunder, dass sich manche Leute aufregen, so wie das jetzt läuft», sagt ein Mitglied jenes Vereins, der die Familie ins Dorf geholt hat und deswegen nun in der Kritik steht.

Schutz für Lehrer und Klassen

Diesen Sommer hat sich schliesslich gezeigt, dass die Familienbegleitung nicht fruchtete. Vor allem die Dorfschule geriet zusehend ans Limit. Die Flüchtlingskinder seien zur Belastung geworden, heisst es dort, aus schulischen wie disziplinarischen Gründen. Man habe die Lehrer und die Klassen schützen müssen. Es folgten Abklärungen durch Jugendmediziner, dann wurden vier der Flüchtlingskinder in Heimen untergebracht, auf Kosten der Gemeinde.

Noch nehmen das viele im Dorf relativ gelassen, zum Teil auch aus Unkenntnis. «Wir wissen, dass diese Leute viel kosten», sagt eine Frau in der Dorfbeiz mit einem Schulterzucken. Bleibt die Frage, wie das im Dezember tönt, falls der Gemeinderat wegen der Heimkosten tatsächlich eine Steuererhöhung beantragen muss, wie er angedeutet hat.

Auch die Verantwortlichen bei der Kesb sind mit der Situation unzufrieden. Sie verorten die Misere beim Finanzierungsmodell für Jugendheimplatzierungen. Die Kosten müssten besser auf den Kanton verteilt werden, wie es das neue Jugendheim- und Familienunterstützungsgesetz vorsieht, das in Planung ist.

Frau M. sind solche institutionellen Probleme fremd. Sie zählt in gebrochenem Deutsch die Namen der Orte auf, wo ihre Kinder jetzt leben. «Fischingen, Luzern …» Dann senkt sie den Blick und tastet nach den Latten des Gartenzauns, als suche sie einen Halt. «Ich hätte sie lieber hier bei mir.»

*Name der Redaktion bekannt (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.09.2014, 08:00 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Verantwortung nicht verwässern

Kommentar Gemeinden versuchen immer wieder bedürftige Familien und deren Kosten abzuschieben. Eine neue Idee soll dem Abhilfe schaffen. Mehr...

«Zu viele Gemeinden sind überfordert»

Zürcher Gemeinden schieben einander die teuren Sozialhilfebezüger zu oder geraten aufgrund von Zuzügen in finanzielle Not. Skos-Co-Präsident Felix Wolffers hat eine Lösung für das Problem. Mehr...

Grossherzigkeit liegt im Detail

Kommentar Teure staatliche Unterstützung für Sozialfälle sorgte in letzter Zeit mehrfach für Aufsehen. Wie hoch dürfen diese Ausgaben denn sein? Mehr...

Der Briefkasten der Flüchtlingsfamilie M. Der Vater wohnt in Winterthur, vier der sieben Kinder in Heimen. (Bild: Giorgia Müller)

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Werbung

Schönes Besteckset

Hochwertiges 60-teiliges Markenbesteck von Sola Jetzt bequem im OTTO’S Webshop bestellen!

Die Welt in Bildern

Hart im Nehmen: Ein Schwimmer im chinesischen Shenyang nutzt eine aufgebrochene Stelle in einem zugefrorenen See, um ein paar Längen zu absolvieren. (9. Dezember 2016)
(Bild: Sheng Li) Mehr...