«Einmal hat er Eier an die Nachbarshauswand geschmissen»

Die Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx, verheiratet mit Frank Baumann, war die Nichte des Fluchthelfers Hans Ulrich Lenzlinger. Im Interview erzählt sie von ihren Ferien als Kind an der Ackersteinstrasse 116. Und von den Raubkatzen, die sie mit der Tante damals ausführte.

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Frau Baumann, TA-Redaktor Stefan Hohler schrieb ein Buch über das Leben des bekannten Fluchthelfers und Lebemanns Hans Ulrich Lenzlinger, der 1979 ermordet wurde. Obwohl schon viel über ihn geschrieben wurde, unbekannt blieb bis heute, dass Sie seine Nichte waren.
Wenn mein Mann das nicht auf einem Blog beiläufig erwähnt hätte, wäre das wohl nie bekannt geworden. Ja, es stimmt, ich bin seine Nichte. Die jüngste Schwester meiner Mutter war mit Hans Lenzlinger verheiratet. Ich war mit meiner Schwester immer wieder mal an der Ackersteinstrasse 116. Wir liebten es, dort Ferien zu machen, und meine Tante nahm alternierend entweder uns Mädchen oder meine beiden Brüder zu sich.

Auch wenn Lenzlingers Tod mehr als 30 Jahre zurückliegt, würde es uns trotzdem interessieren, wie er denn so war. Immerhin ist seine schillernde Geschichte mit der Herausgabe des Buches in der Öffentlichkeit präsent.
Etwas ist mir sehr in Erinnerung geblieben, die liebevolle Art und Weise, mit welcher er sich um seine Mutter gekümmert hat. Sie war eine sehr kleingewachsene Frau mit einer sehr grossen Energie. Sie wohnte im zweiten Stock seines Hauses, im unteren Stock hatte er seine Büros, im obersten Stock wohnten er und meine Tante. Was uns Mädchen imponierte, war der Luxus im ganzen Haus, meine Brüder waren wohl eher von den vielen Garagen beeindruckt und dann waren da natürlich all seine exotischen Tiere.

Reden wir zuerst über die Tiere. Lenzlinger hatte Raubkatzen wie Löwen, Leoparden und einen Gepard im Haus. Das müssen abenteuerliche Ferien gewesen sein.
Einen Löwen? An einen Löwen kann ich mich nicht erinnern. Er hatte die Tiere auch nicht im Haus, sondern in Käfigen draussen. Ich erinnere mich an Servals, Leoparden, deutsche Doggen, Aras, Grünpapageien und Chinchillas. Tatsächlich war es für uns, ich wuchs auf dem Land im Aargau auf, jedes Mal ein Abenteuer, wenn wir in Zürich waren. Wir kamen nicht nur in eine Grossstadt, in welcher sich unsere Tante mit traumwandlerischer Sicherheit auskannte, sondern auch in ein riesiggrosses Haus samt einem kleinen Zoo. Das Beeindruckendste aber war, dass der Gepard zahm war, man konnte mit ihm spazieren gehen.

Das kann man sich heute eigentlich kaum vorstellen. Hatten Sie nie Angst?
Rückblickend gesehen ist es schon ziemlich irr, ja. Aber Angst hatte ich keine, nein. Ausser einmal, als meine Tante uns mit dem Geparden zusammen im Aargau besuchen kam, da sass er mit uns in der Stube, hob seine Pranke und schlug zu. Zum Glück war sein Ziel aber nur das Sofa, das hat dann aber schon einen ziemlichen Kratzer abbekommen. Aber sonst war das Raubtier wie ein Hund, zahm und friedlich. Die Doggen waren eigentlich viel gefährlicher. Wenn meine Tante mit ihnen spazieren ging, musste sie immer höllisch aufpassen, dass sie keine kleinen Hunde rissen.

Warum hatte Lenzlinger so viele Tiere?
Er liebte sie und mochte Menschen nicht so sehr. Tiere waren ihm immer wichtiger. Das zumindest war mein Eindruck.

Wie alt waren Sie, als Sie bei Lenzlinger in den Ferien waren?
Das war, als ich zwischen neun und elf Jahre alt war.

Nach den Ferien konnten Sie bei den Mitschülern jeweils mit aufregenden Geschichten punkten.
Hätte ich rückblickend vielleicht können, ja, aber ich kann mich ehrlich gesagt nicht daran erinnern, dass ich mit solchen Geschichten hausieren gegangen wäre. Ich glaube, ich trennte die beiden Welten sehr strikt.

Ihr Onkel verhalf Menschen in der DDR zur Flucht. Wie dachten Sie darüber?
Ich habe ihn dafür bewundert. Die Leute in der DDR waren – das wusste ich nicht nur aus der Schule – schliesslich in einer Notlage, hatten zum Beispiel Verwandte in der BRD und wollten deshalb weg. Dass er ihnen half, das fand ich gut. Dass er dafür aber sehr viel Geld genommen hat, das hat mich gestört.

War er für Sie ein Held?
Nein. Lenzlinger schmuggelte die Menschen ja nicht selbst. Er liess die gefährliche Arbeit von anderen ausführen. Es waren seine Fluchthelfer, die das Risiko eingingen.

Hatten Sie während Ihrer Aufenthalte viel von seinen Aktionen mitgekriegt?
Nur wenn eine Flucht anstand, da waren wir wach, bis der erlösende Telefonanruf des Fluchthelfers kam, dass er es geschafft hatte.

Wie muss man sich das vorstellen?
Es lag eine nervöse Stimmung in der Luft. Schlafen war nicht möglich. Also spielten wir mit meiner Tante Eile mit Weile. Immer mal wieder erklärte Lenzlinger, was in der DDR jetzt gerade wohl so passiert.

Was, wenn kein Telefon kam?
Dann war Lenzlinger bedrückt. Das hat ihm wirklich zugesetzt. Uns natürlich auch. Wir wussten, dass die Menschen statt dem Glück das Elend gefunden hatten.

Wie war Lenzlinger als Mensch?
Ein vielbeschäftigter Mann, der oft in seinem Büro sass. Er zeigte gerne, wie gut es ihm finanziell ging, was man auch an seinen schönen Autos sah. Er liebte übrigens nicht nur die grossen Tiere, meine Tante hatte zwei Zwergpudel, einen schwarzen und einen blonden, die waren für ihn wie zwei Kinder. Aber, wie war er? Unangepasst und – das ist mir klar in Erinnerung – gewissen Menschen, vor allem Beamten gegenüber, respektlos.

Wie zeigte sich das?
Ich habe ihn zweimal erlebt, als er sauer auf seinen Nachbarn war. Einmal hat er Eier – viele! – an dessen Hauswand geschmissen, das andere Mal hat er dessen Swimmingpool-Abfluss verstopft.

Und Ihre Eltern konnten Sie und Ihre Geschwister ohne schlechtes Gewissen ihm anvertrauen?
Sie haben uns ja nicht ihm, sondern seiner Frau anvertraut. Die Schwester meiner Mutter hatte keine Kinder und liebte uns sehr. Und wir kamen immer gesund und purlimunter wieder zurück.

Ihr Onkel war ja nicht nur als Fluchthelfer bekannt. Er war ja noch in anderen zwielichtigen Geschäften tätig und war wegen dubioser Aktionen immer mal wieder in den Schlagzeilen. Sprach man in der Familie oft über den schrägen Onkel aus Zürich?
Meine Eltern haben sicher oft über ihn gesprochen, aber nicht vor uns. Das hat sich geändert, als meine Tante ihn verliess und die Scheidung einreichte, da waren wir schon grösser und wurden miteinbezogen.

Was bleibt Ihnen bis heute in Erinnerung?
Dass meine Tante genug Geld hatte, in eine einzige Salatsauce eine ganze Tube Mayonnaise reinzudrücken, und es Kirschen gab, egal, wie teuer diese waren. Das hat mich als Kind beeindruckt. Wir mussten zu Hause sehr viel sparsamer mit Geld umgehen. Das waren zwei völlig verschiedene Welten, die zu trennen für uns überhaupt kein Problem war.

Hatten Sie eigentlich einen Kosenamen für Ihren Onkel?
Nein, er war einfach Onkel Hans.

Wie reagierten Sie, als bekannt wurde, dass er ermordet wurde?
Als er getötet wurde, hatte meine Tante keinen Kontakt mehr zu ihm und ich hatte ihn schon seit langem nicht mehr gesehen. Die Art, wie er verstorben ist, machte mich wohl trauriger als die Tatsache, dass er gestorben ist. Er hatte seinen Grabstein übrigens schon zu Lebzeiten gekauft. Er stand an der Treppe, die zum Haus hoch führte. Jeder, der Lenzlinger besuchte, musste daran vorbeigehen.

Nun sind Sie Verlegerin eines bekannten Verlags. Wollten Sie nie ein Buch über ihn herausgeben?
Mehr noch, ich dachte einst sogar daran, ein Buch über ihn zu schreiben. Er war ja wirklich eine unglaublich schillernde und auch spannende Figur. Aber meine Tante fand diese Idee alles andere als gut, also liess ich es bleiben. Interessant ist aber, dass Stefan Hohlers Buch über Hans Lenzlinger in einem Buchhandelsprospekt, der zu Weihnachten verteilt wird, auf exakt derselben Seite beworben wird wie meine aktuellen Bücher. Als ich das Gut zum Druck bekam und das sah, traf mich fast der Schlag, und dann dachte ich – «so trifft man sich wieder» und musste lächeln. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.11.2012, 11:03 Uhr)

Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx. Bild: adi

Zur Person

Gabriella Baumann-von Arx wuchs in Erlinsbach (AG) und Lenzburg auf. Sie arbeitete als Arztgehilfin und Flugbegleiterin, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder begann sie für die «Annabelle» zu schreiben, später für die «SonntagsZeitung» und «Wir Eltern». Ihre Kolumnen, die sie zusammen mit ihrem Mann für die Zeitschrift Schweizer Familie schrieb, erschienen im Jahr 2000 in Buchform. Kurz darauf folgten die Bücher über Nella Martinetti und Evelyne Binsack. Mit dem ersten Buch über Lotti Latrous («Lotti, La Blanche») schaffte sie es auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste. Nachdem der Werd Verlag das Nachfolgebuch ablehnte, gründete Baumann-von Arx den Wörterseh Verlag. Gabriella Baumann-von Arx ist mit Werber und TV-Moderator Frank Baumann verheiratet.

Hans Ulrich Lenzlinger nach seiner Ermordung, gezeichnet von Frank Baumann im Jahre 1979. Baumann war damals als Gerichtszeichner für den «Blick» unterwegs. «Während ich fleissig mit dem Stift am Stillleben kritzelte, konnte ich natürlich nicht ahnen, dass ich eines Tages Lenzlingers Nichte kennenlernen würde», sagt Baumann rückblickend. Er ist heute mit Gabriella Baumann-von Arx verheiratet.
Bild: zvg

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