Zürich
Eltern beklagen viele Stundenausfälle an Gymnasien
Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 03.11.2009 25 Kommentare
Immer mehr wollen studieren
Die Zahl der Studierenden an den Zürcher Hochschulen und Fachhochschulen steigt steil an. Dies ist der neusten Taschenstatistik der Bildungsdirektion zu entnehmen. Vor allem an den Fachhochschulen ist das Wachstum enorm. Seit 2005 beträgt es fast 24 Prozent. Derzeit lassen sich rund 14'300 Studentinnen und Studenten an einer der drei Teilschulen der Zürcher Fachhochschule ausbilden. Hauptgrund für das starke Wachstum ist die grosse Attraktivität der Berufsmaturität, die das Eintrittsbillett für diese Hochschulen ist. An der Universität Zürich waren 2008 knapp 24'800 Studierende eingeschrieben, knapp 1000 mehr als 2005.
Maturaquote stabil
Mehr oder weniger konstant geblieben ist in den letzten zehn Jahren die Mittelschülerquote. Sie liegt bei etwa 23 Prozent. Bei den Mädchen beträgt sie sogar 28 Prozent, bei den Knaben hingegen nur 18 Prozent. Die Quoten sind allerdings regional sehr unterschiedlich. Während sie am Zürichsee teilweise über 50 Prozent liegen, sind sie in ländlichen Gebieten unter 10 Prozent. Ein beträchtlicher Teil der Mittelschüler bricht aber die Schule vor der Matur ab, sodass am Schluss nur noch 19 Prozent aller Jugendlichen die Matura bestehen. Auch diese Quote ist stabil. (sch)
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Erste Schulstunde am frühen Morgen. Es hat bereits geläutet. Die Gymischüler sitzen noch etwas verschlafen in ihren Bänken und harren der Dinge, die da kommen. Doch es geschieht nichts. Dann erscheint die Sekretärin des Rektors: Die Doppelstunde Englisch falle heute aus, der Lehrer habe sich krankgemeldet.
Was nun? Vielleicht liess der Lehrer ausrichten, die Schüler sollten einen Aufsatz zu einem bestimmten Thema schreiben. Oder ganz anders: Der Lehrer wusste schon am Vorabend von seiner Absenz und konnte kurzfristig den Mathelehrer der Klasse aufbieten und ihn bitten, die Doppelstunde zu übernehmen. Oder nochmals anders: Die Schüler konsultierten am Vorabend die Online-Stundentafel, stellten fest, dass die Doppellektion ausfallen würde – und konnten ausschlafen.
Jede sechste Lektion fiel aus
Fallen Stunden ersatzlos aus, freuen sich Schüler und ärgern sich Eltern. Statistiken über die Anzahl gestrichener Stunden sind von keiner Schule erhältlich. Doch ein Zürcher Vater, der mit Rücksicht auf seinen Sohn seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, führt seit diesem Frühjahr akribisch Buch. Der 15-jährige Sohn besucht die Kantonsschule Hohe Promenade. Das erstaunliche Resultat der privaten Statistik: In den 18 Schulwochen des Sommersemesters fielen in dieser Klasse des Untergymnasiums 46 Stunden aus – was der Lektionenzahl von rund eineinhalb Schulwochen entspricht. In den ersten sechs Wochen des laufenden Wintersemesters dasselbe Bild: 31 Stunden oder rund ein Sechstel aller Lektionen fanden nicht statt. Der Vater weiss aufgrund von Kontakten zu Eltern von Schülern an andern Zürcher Gymnasien, dass dies kein Einzelfall ist. Und was ihn besonders ärgert: «Begründungen für ausgefallene Stunden gibt es selten.» Lektionenabtausch unter Lehrern gebe es im Fall seines Sohnes «absolut nie». Für ausgefallene Stunden würden auch kaum Aufträge erteilt: «Die Knaben gehen stattdessen zum Discounter und testen hinterher, wer in 60 Minuten mehr Red Bull hinunterleeren kann.» Aufsichtspflicht sei an den Gymnasien offensichtlich ein Fremdwort.
Bei der Vereinigung der Elternorganisationen des Kantons Zürich ist das Phänomen «als Dauerärgernis» wohlbekannt, wie Präsident Rolf Wolfensberger bestätigt. Würden ausgefallene Lektionen nicht nachgeholt oder mit selbstständigem Arbeiten überbrückt, werde der Bildungsauftrag der Mittelschulen geritzt. Leidtragende seien die Schüler: «Der Schulstoff wird einfach komprimiert oder im Schnellzugtempo unterrichtet, und bei den Prüfungen müssen die Schüler dann doch alles können.» Im Nachteil seien zudem jüngere Schüler aus bildungsfernen Schichten, «deren Eltern beim Stopfen der Stofflücken nicht helfen können».
Ausfälle «systembedingt»
Alfred Baumgartner, Rektor des Gymnasiums Hohe Promenade, räumt ein, dass an den Kantonsschulen immer wieder Stunden ausfallen. Das sei systembedingt: «Unsere Lehrkräfte sind immer mehr mit Sonderveranstaltungen und Zusatzaufgaben belastet. Neue Ressourcen stehen uns aber nicht zur Verfügung.» Neben Exkursionen, Arbeitswochen und Weiterbildungskursen seien an seiner Schule viele Lehrer etwa in der Suchtprävention oder im Jahrgangsprojekt «Medien und Gesellschaft» engagiert. Nach Möglichkeit würden aber ausgefallene Lektionen nachgeholt oder abgetauscht. Bei 100 Lehrpersonen und insgesamt 33 Klassen sei dies aber jeweils eine organisatorische Knacknuss. Die «kumulierten Stundenausfälle» im Beispiel der Klasse des 15-jährigen Schülers bezeichnet Baumgartner «eher als Ausnahme».
Jetzt kommt das Thema politisch aufs Tapet. Die beiden grünen Zürcher Kantonsrätinnen Esther Guyer und Claudia Gambacciani wollen mit einem Vorstoss von Bildungsdirektorin Regine Aeppli wissen, wo die Toleranzgrenze für ausgefallene Stunden liegt und mit welchen Massnahmen die Regierung den Leistungsauftrag der Gymnasien sicherstellen will.
Der Slogan von Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) «Schule findet statt» müsse auch für die Mittelschulen gelten, sagt Guyer. Sie und ihre Ratskollegin fordern für die Gymnasialstufe das gleiche Konzept, wie es an der Volksschule gilt: Fällt ein Lehrer aus, «spetten» seine Kollegen – indem sie die Stunde gleich übernehmen oder indem sie der Klasse Arbeitsaufträge erteilen. Die Betreuung der Schüler müsse vor allem im Untergymnasium garantiert sein. Und die Eltern müssten transparent informiert werden.
Zusammenarbeit müsse stattfinden
Das Hauptproblem bestehe darin, dass sich die Fachlehrer an den Mittelschulen generell zu wenig austauschten, sagt Gambacciani, die selber an einer Sekundarschule unterrichtet: «Zusammenarbeit muss aber auch am Gymnasium stattfinden.» Und zumindest im Untergymnasium hätten die Lehrkräfte auch einen erzieherischen Auftrag.
Wie ein Gymnasium betrieblich geführt wird, liegt weitgehend in der Verantwortung der Rektoren. Was vorzukehren sei, wenn ein Lehrer verhindert ist, schreibe der Kanton im Detail nicht vor, sagt Johannes Eichrodt, Chef der Abteilung Mittelschulen in der Bildungsdirektion. Der Grundsatz sei aber klar: «Regulärer Unterricht findet nach Möglichkeit immer statt.» Stundenabtausch sei ein probates Mittel, «und im Idealfall springt ein Lehrer ein, der das gleiche Fach unterrichtet.» Inwieweit das Beispiel Hohe Promenade ein Einzelfall ist, kann Eichrodt nicht beurteilen. Der Kanton führe über ausgefallene Stunden keine Statistik.
Lob für Privatschulen
Für den Vater des 15-jährigen Kantischülers ist klar, «dass der Schlendrian an den staatlichen Gymnasien System hat». Er zieht den Vergleich mit seiner Tochter, die das Privatgymnasium Unterstrass besucht. Dort seien in einem Semester bloss vier Lektionen ausgefallen. Schuldirektor Jürg Schoch bestätigt den Befund. Er erklärt die tiefe Ausfallsquote damit, dass sich die Lehrer mit der Schule stark verbunden fühlten. «Zudem machen zahlende Eltern sehr rasch ihre Ansprüche geltend.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.11.2009, 04:00 Uhr
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25 Kommentare
Seltsam, dass am Gymi zahlreiche Stunden ausfallen. Bei meinen Kindern in der Primarschule in Luzern ist seit Jahren keine Schulstunde ausgefallen. Es scheint also durchaus möglich zu sein, dass die Schule sich organisiert. Oder hat wieder einmal nur Zürich dieses Problem? Antworten
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