Zürich
«Er fragte weinend, was soll ich nur tun?»
Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 30.09.2011 13 Kommentare
Bekommen immer noch einen kalten Schauder, wenn sie ans Grounding denken: RAV-Leiterinnen Leonie Moroder und Marie-Helene Birchler Balbuena (v.l.) (Bild: Jvo Cukas)
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Zehn Jahre ist es nun her, als alle Flugzeuge der Swissair auf dem Boden blieben. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn sie zurückdenken?
Leonie Moroder: Ich fahre noch heute jeden Tag am Balsberg vorbei, wo ich damals in Arbeitsmarktzentrum von RAV und Swissair arbeitete. Da kommen immer noch Gedanken hoch. Ich erinnere mich, wie ich damals zur Swissair fuhr. Alle Flugzeuge waren am Boden. Noch heute läuft es mir kalt den Rücken hinab, wenn ich daran denke. Auch all die Leute, die auf der Strasse waren. Ich war zuvor nie an einer Demonstration gewesen. Von einem Tag auf den anderen war plötzlich alles anders.
Marie-Helene Birchler Balbuena: Als ich gestern davon hörte, dass gerade jetzt wieder Stellen bei SR-Technics abgebaut werden, kam auch bei mir alles wieder hoch. Und die stehenden Flugzeuge damals. Das werde ich nie vergessen. Wohl die ganze Schweiz nicht.
Wie hatten Sie damals vom Grounding erfahren?
M: Ich hörte davon aus der Presse. Kurz darauf wurde ich zusammen mit meinem Vorgesetzten zu unserem Chef gerufen. Es wurde uns gesagt, dass per sofort ein spezielles Arbeitsmarktzentrum (AMZ) im Balsberg eingerichtet werde und ich nun dort arbeiten würde. Ich wurde sozusagen ins kalte Wasser geworfen. Plötzlich musste ich der Presse Interviews geben und war mit einer völlig neuen Situation konfrontiert.
B: Man hatte ja schon im September vor dem Grounding von einer möglichen Insolvenz der Swissair gehört. Wir stellten uns schon damals die Frage, wie wir das bewältigen können und stellten uns organisatorisch darauf ein. Was dann kam, hätten wir nicht erwartet.
Plötzlich mussten sich um die 10'000 Menschen mit einem möglichen Stellenverlust auseinandersetzen. Wurden sie nicht überrannt?
M: Nein, zum Glück nicht. Man muss hier allen Beteiligten ein Kränzchen binden. Sofort machten wir in allen Abteilungen der Swissair Informationsveranstaltungen. Innerhalb einer Woche hatten wir am Balsberg in Rekordzeit das AMZ eingerichtet. Sämtliche RAVs des Kantons stellten uns Mitarbeiter zur Verfügung. Auch aus anderen Kantonen erhielten wir umgehend Unterstützung. Die Swissair stellte eine ganze Etage zur Verfügung. Lange Schlangen gab es glücklicherweise nicht.
Das erstaunt. Waren die Menschen nicht ausser sich vor Angst?
M: Die meisten wurden ja nicht sofort entlassen, sondern hatten Zeit bis Februar oder März des folgenden Jahres. Manche hatten Panik und wollten so schnell wie möglich etwas Neues finden. Andere warteten ab. Erstaunlich war aber, wie sehr sich alle Mitarbeiter mit der Airline identifizierten. Viele konnten sich nicht vorstellen, einen anderen Arbeitgeber zu haben. So etwas habe ich in dem Ausmass nie mehr erlebt.
B: Bei uns in Opfikon hielten wir immer Berater frei, die Swissair-Mitarbeiter spontan beraten konnten. Meist waren wir anfangs mehr da, um ihre Sorgen abzuhören. Die Swissair war immer ein Top-Arbeitgeber gewesen. Vielen ging es relativ gut, sie hatten Häuser, Kinder, Verpflichtungen. Sie hatten sich darauf eingestellt bis zur Pension bei der Swissair zu bleiben. Nun hatten sie Angst um ihre Pensionen oder andere existentielle Ängste.
Gab es ein Schicksal, das sie besonders berührte?
B: Ich hatte einen jungen Mann, der in der Ausbildung zum Piloten steckte. Er hatte sich dafür verschuldet. Nun konnte er plötzlich seine Ausbildung nicht beenden. Er sass weinend vor mir und fragte mich: «Was soll ich nur tun?» Das ging mir sehr nahe.
Was macht der Mann heute?
B: Er fliegt wieder. Zwar im Ausland, aber er hat seinen Traum verwirklichen können.
Gab es positive Erlebnisse in der schwierigen Zeit?
B: Fast unglaublich war die Solidarität von anderen Firmen. Innert kürzester Zeit kamen über 1000 Stellenangebote für Top-Leute herein, die explizit jemanden von der Swissair haben wollten. Wir kamen erst gar nicht nach mit der Erfassung sämtlicher Angebote.
M: Zu dieser Zeit arbeiteten Lehrabgänger der Swissair im AMZ, die aus der ganzen Welt zurück nach Zürich kommen mussten und bei uns temporär eingestellt wurden. Die erfassten tagelang nur Stellenangebote. Was aber dabei etwas vergessen ging, waren all die flugnahen Betriebe, die ebenfalls Stellen abbauten. Denen fehlte der Swissair-Bonus und sie gingen etwas unter. Viele wurden aber später wieder übernommen.
B: Auch ganz persönlich habe ich etwas Positives erlebt. Meine jetzige Assistentin kam damals ebenfalls von der Swissair mit einem Temporärvertrag. Sie konnte sich nicht vorstellen auf einem Amt zu arbeiten und die Fluggesellschaft zu verlassen. Nun arbeitet sie immer noch für mich und wird bald pensioniert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.09.2011, 16:17 Uhr
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13 Kommentare
wunderschoen wie die Euro-Turbos dem EWR Entscheid durch das muendige Schweizervolk gerne alle moeglichen Unbillen zuschieben koennen. Ueberschwemmungen, Hagelwetter, Bankueberfall etc sind alles eindeutige Folgen der EWR Ablehnung. Haette die Swissair 2.1 Milliarden erhalten, wuerde heute die Swissair noch fliegen und eine Schweizer Airline sein. Ospel, Leuenberger (Moritz) & Cie sei's gedankt. Antworten
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