«Er hatte mehr von einem Teddybären als von Godzilla»

Ein Freund des am Samstag getöteten Brasilianers widerspricht den Berichterstattungen, wonach Luis C.* ein «richtiges Monster» gewesen sei. Er sei vielmehr ein Menschenfreund gewesen – mit einer Schwäche für Frauen.

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M. G.* ist traurig und zugleich wütend. «Das Bild, das einige Medien von Luis zeichnen, ist falsch und respektlos.» Der Brasilianer Luis C.* erlag am vergangenen Samstagabend in seiner 3,5-Zimmer-Wohnung in Affoltern seinen Schussverletzungen. Eine 31-jährige Schweizerin hat inzwischen gestanden, auf ihn gefeuert zu haben (siehe Box). Laut Polizeimitteilung ging den Schüssen eine heftige verbale Auseinandersetzung voraus.

Luis C. war Kampfsportler und trug den Spitznamen «Godzilla». Ein 190 cm grosses, dunkelhäutiges Muskelpaket. Er arbeitete bei einer Sicherheitsfirma. Diese Attribute passen zur Schilderung eines FCB-Fans gegenüber dem «Blick»: Obwohl es in der Fussballszene nicht zimperlich zu und her gehe, habe der Verstorbene dort als Security-Mitarbeiter als besonders aggressiv gegolten. Er habe immer als einer der Ersten zugepackt. «Ein richtiges Monster», lässt sich der Fussballfan zitieren.

Die Hauswartin der Liegenschaft auf dem Cece-Areal an der Wehntalerstrasse doppelt in der Pendlerzeitung «20 Minuten» nach: Luis C. habe mit blossen Fäusten mehrere Dellen in die Wand geschlagen und eine Türe demoliert. Gegenüber dem «Blick» nennt sie ihn einen «Hallodri», der «Freundinnen so häufig wechselte, wie das Wetter ändert».

«Bei null angefangen»

«Es ist möglich, dass Luis und die Täterin sich vor den Schüssen heftig gestritten haben», räumt M. G. ein, der mit dem Verstorbenen gearbeitet hat. Was geschehen sei, könne er nicht beurteilen. Der Schweizer mit iranischen Wurzeln habe seinen Freund aber niemals wütend erlebt. Er sei ein Menschenfreund gewesen, der sich stets für andere engagierte. «Viel mehr als für sich selbst.» Es sei seine Stärke gewesen, andere zu motivieren. «Leute, die ihm etwas bedeuteten, waren seine Familie – für sie legte er sich ins Zeug.» Über seine Verwandten in Brasilien habe er hingegen kaum je ein Wort verloren. Um seinen zweijährigen Sohn, von dessen Mutter der Verstorbene getrennt lebte, habe er sich stets gerne gekümmert.

Die Vergangenheit verbindet die beiden Männer. «Wir haben beide bei null angefangen und uns hier eine Existenz aufgebaut», sagt M. G. Luis C. stammt aus den Favelas von Rio de Janeiro und diente in einer Spezialeinheit des Militärs. M. G. wuchs seinerseits im Iran unter ähnlichen Bedingungen auf. Auch er war Mitglied eines Sonderkommandos der Armee. Seit 2000 ist er in der Schweiz, seit neun Jahren verheiratet und Vater von Zwillingen.

Ein Frauenmagnet

Luis sei nach ihm hierhergekommen. Vor sieben Jahren lernten sich die beiden Männer kennen. «Wir bekamen gleichzeitig die erste Aufenthaltsbewilligung, absolvierten zusammen Ausbildungen und trainierten miteinander.» Beim Thema Frauen gingen ihre Meinungen aber auseinander. «Ich bin seit Jahren glücklich verheiratet – er nicht.» Luis habe die Frauen geliebt – und sie ihn. «Luis hatte aber eigentlich viel mehr von einem Teddybären als von Godzilla. Darum war er ein Frauenmagnet.»

Für M. G. grenzt es an Willkür, wenn eine Hauswartin zum Besten gebe, die Dellen und die zerstörte Tür stammten von den Wutanfällen des Brasilianers. «Sein Sport nahm nicht nur in seinem Leben viel Platz ein, sondern auch in seiner Wohnung. Er hat dort trainiert.» Daher diese Spuren. Er habe seinen Job als Personenschützer und Security-Mann sehr ernst genommen. Das habe aber nichts mit Aggressivität zu tun. Vor einem Jahr begann Luis dann, auf dem Bau zu arbeiten. «Er hatte vom Sicherheitsjob genug, wollte eine Ausbildung machen und im Büro arbeiten.»

«Harter Kämpfer mit grossem Herz»

Die beiden Freunde waren im Mai 2011 im Letzigrundstadion, als die FCB-Fans wüteten. «Wir mussten intervenieren, solche Situationen gibt es in unserem Job immer wieder.» Der Brasilianer habe aber nicht provoziert. «Im Gegenteil, er war viel zu gutmütig gewesen. Die Leute zollten ihm Respekt wegen seiner Grösse und seiner Masse.» Er habe sich nicht beweisen müssen, seine Erscheinung sei imposant genug gewesen. «Oft wirkte sein Auftreten deeskalierend.»

Ähnlich tönt ein Nachruf in einem deutschen Kampfsportportal. Es beschreibt den Verstorbenen als «einen gutmütigen und inspirierenden Kämpfer». Luis sei allen bekannt als harter Kämpfer, «mit einem grossen Herz». Den Teddy-Vergleich bemüht auch der Nachbar des Brasilianers, der gegenüber dem «Blick» sagt: «Er war so nett, so sanftmütig. Wie ein grosser Teddybär. Allein wenn ich mir überlege, wie liebevoll er mit seinem kleinen Sohn umging.» Das Facebook-Profil des Verstorbenen ist seit dem vergangenen Wochenende voll von Beileidsbekundungen. Die Einträge stammen mehrheitlich von Frauen, die von einem «gutmütigen und feinfühligen» Mann sprechen.

*Name der Redaktion bekannt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 21.11.2012, 15:38 Uhr)

Todesschützin arbeitete als Security

Die 31-jährige Schweizerin, die geständig ist, den 34-jährigen Brasilianer Luis C.* erschossen zu haben, arbeitete wie er in der Sicherheitsbranche. Dies könnte ein Hinweis sein, wie die Frau zu einer Waffe gekommen ist. Die andere Möglichkeit ist, dass die Waffe dem späteren Opfer gehörte.

Die kleine, blonde und eher unauffällige Frau wohnt in einer Gemeinde im Zürcher Oberland. Laut einem Bekannten wollte sich der Brasilianer von der Freundin trennen, was diese aber nicht akzeptieren konnte. Auch M. G.* bestätigte das. Er habe die beiden vor acht Monaten zum letzten Mal gemeinsam gesehen.

An einer Sportgala sei die Schweizerin aufgetaucht. «Luis forderte sie mehrmals auf, ihn in Ruhe zu lassen und zu gehen.» Die Frau habe diese Aufforderungen ignoriert, was zu Streit geführt habe. Die Stimmung habe sich im Laufe des Abends zwar gebessert. «Er sagte mir aber, dass er sie verlassen werde. Dies aber sanft angehen wolle, aus Angst vor ihrer Reaktion.» Als M .G. vor drei Wochen zum letzten Mal mit seinem Freund Luis sprach, sei sie kein Thema gewesen. (pia/hoh)

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