Er spricht über die «Personenunfälle»

Jeden zweiten Tag wirft sich in der Schweiz ein Mensch vor den Zug. Aus Angst vor Nachahmungstätern wird das selten thematisiert. Notfallseelsorger Roger Müller macht es anders.

Will Suizide verhindern, indem er darüber spricht, was sie bei den Zeugen auslösen: Seelsorger Roger Müller.

Will Suizide verhindern, indem er darüber spricht, was sie bei den Zeugen auslösen: Seelsorger Roger Müller. Bild: Sabina Bobst

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Es ist Feierabend, und Tausende von Pendlern drängen auf die Bahnhöfe, es herrscht Hektik; alle wollen sie nach Hause. Doch im Bahnhof geht nichts mehr, kein Zug fährt aus, keiner ein. Dann die Durchsage: «Wegen eines Personenunfalls muss mit Verspätungen gerechnet werden.»

So auch am Freitag vor einer Woche. Eine der wichtigsten Pendlerverbindungen im West-Ost-Verkehr der SBB war während mehr als einer Stunde unterbrochen. Zahlreiche Fernverkehrs- und S-Bahn-Züge fielen aus, hatten Verspätung, wurden umgeleitet. Zwischen Winterthur und Effretikon hatte sich ein Mensch das Leben genommen. Beklemmender Alltag für die SBB: «Auf dem 3000 Kilometer langen Schienennetz ereignen sich durchschnittlich 14 bis 15 Suizide pro Monat, selbstverständlich mit Ausreissern nach oben sowie nach unten», sagt Christian Ginsig, Mediensprecher der SBB.

Suizide auf dem Schienennetz sind ein heikles Thema für die SBB. «Nebst dem menschlichen Leid beeinträchtigt ein Personenunfall die Betriebsabwicklung und die Stabilität des dichten Fahrplans je nach Zeitpunkt und Ort zum Teil massiv», sagt Ginsig. Die SBB beschäftigten sich intern intensiv mit diesem Thema, aber wegen der Nachahmungsgefahr und aufgrund der Empfehlungen des Presserats wollen die SBB das Thema nicht weiter forcieren und auf weitere Ausführungen dazu verzichten. Ginsig: «Gemäss Untersuchungen animiert jeder Medienbericht zum Thema suizidgefährdete Personen.»

Belastung für viele Unbeteiligte

Trotzdem muss man über die Suizide auf den Schienen reden, denn sie sind Realität und fordern zu viele Opfer. Das sagt Pfarrer Roger Müller aus Schlatt bei Winterthur. Er ist seit einem Jahr Gesamtleiter der Notfallseelsorge Kanton Zürich. «Der natürliche Tod gehört zum Leben. Ein in der Öffentlichkeit ausgeführter Suizid hingegen belastet nicht nur die Hinterbliebenen, sondern ganz viele Unbeteiligte dazu: Lokführer, Augenzeugen, Polizei, Sanitäter, Betreuende und Mitarbeitende, die den Unfallort aufräumen müssen.» Roger Müller ist einer der 100 Notfallseelsorger im Kanton Zürich, die Menschen nach traumatischen Erlebnissen betreuen, so auch Augenzeugen von Bahnsuiziden.

Geschieht ein Suizid in der Hauptverkehrszeit in einem Bahnhof, brauchen oft mehrere stark traumatisierte Augenzeugen Betreuung. Direkte Zeugen befinden sich meist in einem Schockzustand, weiss Müller. Dabei drücke sich die Belastung sehr verschieden aus. Die einen weinen, andere sind unansprechbar. Körperliche Reaktionen wie schneller Puls, stressbedingte Übelkeit und Schweissausbrüche sind normal. «Das ist wie bei einer körperlichen Verletzung, nur ist es hier die Seele, die reagiert», sagt der Pfarrer. «Die einen belasten die grauenhaften Bilder, andere wiederum belastet der Geruch, den sie am Unfallort wahrgenommen haben.»

So tun, als wäre nichts geschehen

Bei indirekten Augenzeugen, die zum Beispiel an den Bahngleisen auf menschliche Gliedmassen stossen, kommt es vor, dass sie einfach weiter ihrer geplanten Tätigkeit nachgehen, das ganze Geschehen ausblenden, so tun, als wäre nichts geschehen. Später erfahre man dann, dass sie Stunden nach dem Ereignis im Geschäft oder zu Hause zusammengebrochen sind. «Weil man sich in dieser Situation schlecht einschätzen kann, wäre es besser, psychologische Nothilfe in Anspruch zu nehmen», rät Notfallseelsorger Müller.

Jeder Mensch verarbeitet ein solches Trauma anders. Es gebe keine «abnormalen Reaktionen». Jede Reaktion sei eine normale, man brauche sich für nichts zu schämen. Man dürfe auch wütend sein. «Diese Wut ist verständlich, darf aber nicht zum Dauerzustand werden», sagt Müller. «Ein Suizident kann das Leben eines anderen ganz massiv verändern. Die Folgen sind enorm, nicht nur aus finanzieller, sondern auch seelisch-psychischer Sicht.»

Kindern verschlägts die Sprache

Für alle Beteiligten am schlimmsten ist es, wenn Kinder Zeugen eines Suizids oder eines aussergewöhnlichen Todesfalls werden. Selbst Betreuer kommen dann an ihre Grenzen. «Bei Kindern geht es mir immer viel näher», sagt Notfallseelsorger Müller. Meistens verschlägt es den Kindern und Jugendlichen die Sprache, und sie ziehen sich zurück. Kinder fänden mit diesen Traumata einen anderen Umgang als Erwachsene, sagt Müller. Erwachsene brauchen länger, bis sie das Trauma verarbeitet haben. Bei Kindern kann es plötzlich zu einem Bruch kommen, wo sie wieder lachen können. Diese guten Phasen können sich aber jederzeit wieder ins Negative verkehren.

Bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) sind die «Personenunfälle» ein grosses Thema. Kommunikationschef Peter Moor: «Bei einem Bahnsuizid gibt es vor allem ein Opfer, und das ist der Lokführer.» Jeder Suizid mache einen von ihnen zum Mittäter und habe häufig gravierende Auswirkungen auf dessen Leben.

«Die einen belasten die grauenhaften Bilder – andere wiederum der Geruch am Unfallort.»,
so Müllers Erfahrung.

In seiner Mitglieder-Zeitung lässt der Verband betroffene Kollegen zu Wort kommen. «Man ist auf einen Suizid zwar vorbereitet, doch wenn es passiert, funktioniert es anders», stellt ein Lokführer fest. Ein anderer sagte vor drei Jahren der «Aargauer Zeitung»: «Diese Bilder vergisst man nicht. Häufig schauen einen die Personen noch an. Und dann das dumpfe Geräusch beim Aufprall. Wenn möglich sollte man deshalb beim Bremsen Augen und Ohren zuhalten.»

Bei der Verarbeitung des Suizids kann es helfen, zu wissen, dass er nur das Werkzeug für einen gewollten Tod gewesen sei. Wichtig sei zudem, seine Gefühle nicht zu unterdrücken und über das Trauma zu sprechen – gerade auch im Kollegenkreis. Was aber fast immer irgendwann komme, seien Selbstvorwürfe, wissen die Experten.

Selbstverständlich würden die Lokführer bei der Reintegration von den SBB unterstützt, sagt Pressesprecher Christian Ginsig. Das geschehe in der Regel durch ihren direkten Vorgesetzten und Berufskollegen. Bei Bedarf auch durch Psychologen. «Und weil rein statistisch gesehen die Möglichkeit besteht, dass jeder Lokführer mindestens einmal mit einem Personenunfall konfrontiert wird, hat das Thema bereits in der Ausbildung seinen festen Platz», so Ginsig.

Auf Blumen verzichten

Manchmal wünschen Hinterbliebene, mit dem Lokführer Kontakt aufzunehmen. Davon rät Roger Müller ab, da dies den gebeutelten Lokführer noch mehr belasten könne. Auch auf Blumen am Unfallort sollte verzichtet werden, denn jeder Lokführer wird beim Passieren der Unfallstelle so oder so an den Suizid erinnert. Wenn dann noch Leute dort trauern, muss er Angst haben, es springe wieder einer. «Es ist wichtig, darüber zu sprechen, was Suizide auf den Schienen auslösen», sagt Müller. «Vielleicht kann das helfen, einige Menschen davon abzuhalten, sich das Leben zu nehmen.»


Beratung:
Dargebotene Hand, Tel. 143, (www.143.ch);
Kirchen (www.seelsorge.net);

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (www.nebelmeer.net);
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (www.verein-refugium.ch);
Verein Regenbogen Schweiz (www.verein-regenbogen.ch).

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.03.2014, 13:37 Uhr)

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