Ernüchternde Testverkäufe: Kinder erhalten problemlos Alkohol

Neue Zahlen zeigen: Jeder vierte Betrieb im Kanton Zürich verkauft Bier und Schnaps an Minderjährige.

Bier zu kaufen, um zu feiern, ist auch für unter 16-Jährige vielerorts ohne Schwierigkeiten möglich (Bild: Botellón auf der Blatterwiese 2008).

Bier zu kaufen, um zu feiern, ist auch für unter 16-Jährige vielerorts ohne Schwierigkeiten möglich (Bild: Botellón auf der Blatterwiese 2008). Bild: Keystone

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Wo Kontrollen fehlen, ist die Versuchung am grössten. Das gilt für den Raser im Strassenverkehr genauso wie für den Teenager im Schnapsladen. Zu diesem Schluss kommt ein gestern vom Blauen Kreuz veröffentlichter Bericht. Demzufolge verkaufte im vergangenen Jahr jeder vierte getestete Betrieb im Kanton Zürich Alkohol an Jugendliche unter 16 Jahren. Am schlechtesten schlossen jene Gemeinden ab, in denen erstmals unangekündigte Testkäufe durchgeführt wurden. Die «Erfolgsquote» der Jugendlichen lag dort zum Teil bei über 60 Prozent. Besonders ernüchternd: Seit 2007 bleibt der Anteil jener Betriebe, die illegal Alkohol verkaufen, unverändert hoch.

Zum schlechten Ergebnis trugen heuer am meisten Festanbieter, Kleinläden und Take-aways bei. Grosse Betriebe scheinen sensibler zu sein im Umgang mit der Thematik und deren Folgen für Jugendliche und Angestellte.

Tankstellenshops vorbildlich

Am vorbildlichsten verhielten sich die Angestellten von Tankstellenshops. Sie verkauften bei von den Gemeinden in Auftrag gegebenen Testkäufen nur in 11 Prozent aller Fälle Alkoholhaltiges an minderjährige Kundschaft. Bei weiteren 445 von der Erdöl-Vereinigung finanzierten Testkäufen in Tankstellenshops wurde 72-mal (16 Prozent) Alkohol an unter 16-Jährige verkauft. «Die Entwicklung bei den Tankstellenshops ist mustergültig», sagt Stephan Kunz, der Geschäftsführer des Blauen Kreuzes Zürich. Sie zeige, dass man dem Problem nicht einfach ausgeliefert sei. «Das einstige Sorgenkind ist heute Branchenbester.» Erreicht werden konnte dies laut Kunz mit gezielter Schulung des Personals und regelmässigen Testkäufen. Diese führen nicht nur laut dem Blauen Kreuz zu einem «klaren Rückgang der illegalen Verkäufe». Eine Auswertung der Testkäufe durch den Bund kam 2009 zum gleichen Schluss. Die Verdoppelung der Tests gegenüber dem Vorjahr führte zu einem Rückgang der Alkoholverkaufsrate an Minderjährige um 3 Prozent. Regelmässige Kontrollen würden deshalb zum Jugendschutz beitragen.

Umso mehr stört es das Blaue Kreuz, dass im vergangenen Jahr lediglich 39 von 171 Gemeinden im Kanton Zürich Testkäufe koordiniert durchgeführt haben. Wenn Gemeinden auf eigene Faust Schulklassen in die Läden schickten, führe das zu «wilden Testkäufen». Mit negativen Folgen für das Personal in den getesteten Betrieben und für die Jugendlichen. Über einen kürzlich erschienenen Leitfaden für Alkoholtestkäufe des Bundes ist Stephan Kunz deswegen gar nicht glücklich. Zum Schutz der Testpersonen und um die Akzeptanz beim Gewerbe zu erhöhen, fordert das Blaue Kreuz standardisierte, rechtlich abgestützte Testkäufe. Ob seine Organisation oder eine andere die Hoheit über diese Tests haben soll, lässt Kunz offen.

Ausweispflicht für alle

Eine weitere Massnahme, um das Problem in den Griff zu bekommen, wäre die Einführung einer Ausweispflicht für alle bei Alkoholkäufen, wie sie zum Teil das Ausland kennt. «Diese Forderung halten wir hoch», sagt Stephan Kunz. Und er erhält Unterstützung aus der Politik. Etwa von der EVP-Kantonsrätin Ruth Kleiber, Mitglied der Kommission Soziale Sicherheit und Gesundheit: «Wenn es machbar ist, bin ich dafür.» Schliesslich müssten Pensionäre am Skilift auch ihren Ausweis zeigen, um an eine vergünstigte Tageskarte zu kommen.

Ebenfalls spricht sich Kleiber dafür aus, die Gemeinden zu Testkäufen zu «verknurren», da diese offenbar Wirkung zeigten. Nicht zuletzt müsse man die Jugendlichen jedoch zu mehr Selbstverantwortung anhalten. Es dürfe nicht sein, dass ein urteilsfähiger Teenager die Gesetze nicht ernst nehme. Wie dies erreicht werden soll, wisse sie nicht.

Dezidiert gegen Testkäufe ist Kleibers Kantonsratskollegin Esther Guyer (Grüne). Es sei schlechter Stil, wenn man Jugendliche in Betriebe schicken würde, um dort die gestressten Verkäuferinnen «zu leimen». «Die Erwachsenen sollen sich wenn schon vor den Laden stellen und Ausweiskontrollen machen.» Überhaupt würde ein Jugendlicher einfach den älteren Bruder einspannen, wenn er denn unbedingt an Alkohol kommen wolle.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2010, 22:25 Uhr

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