Zürich
Erste Hilfe für Schulen im Dauerstress
Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 12.03.2011 8 Kommentare
Essenszulage für Lehrer
100 Franken statt Lunch-Checks
Lehrpersonen sind die einzigen kantonalen Angestellten, die keine Lunch-Checks erhalten. Um diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen, hat der Regierungsrat 10 Millionen Franken bewilligt. Allerdings gibt er den 15 000 Lehrerinnen und Lehrern keine Lunch-Checks ab, sondern zahlt ihnen pro Monat einen Verpflegungsbeitrag von 100 Franken pro Vollpensum. Grund: Nicht überall werden Lunch-Checks akzeptiert. Mit der Verpflegungspauschale könne zudem der Aufwand klein gehalten werden, schreibt der Regierungsrat. Laut Aeppli müssten allein für die Abgabe der Checks sechs Stellen geschaffen werden. Da das Geld noch nicht budgetiert ist, wird es erst ab 2012 ausbezahlt. ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch versteht den Essenszustupf als «Zückerchen». Gute Nachrichten gibt es auch für Heilpädagogen, die sowohl an Primar- wie Sekundarschule unterrichten. Wenn sie nicht mehr als ein Drittel in der Primarschule angestellt sind, wird künftig ihre ganze Arbeit nach den höheren Sek-Ansätzen entlöhnt.(sch)
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Die Hiobsbotschaften aus den Zürcher Schulen wollen nicht abbrechen. Die Bildungsdirektion hat wegen des Lehrermangels den Notstand ausgerufen; die Pädagogische Hochschule rekrutiert Quereinsteiger für den Schuldienst, und weil die Bürokratie immer grösser werde, sieht die Lehrerschaft die «Schule im Sinkflug». Nun hat der Regierungsrat auf die vielfältigen Schulprobleme reagiert. Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) sprach gestern von einem «ersten Massnahmenpaket», dem in den nächsten Monaten noch andere folgen werden.
Drei der vorgeschlagenen Gesetzesänderungen werden im Kantonsrat besonders zu reden geben:
1. Keine Kleinstpensen mehr: In Zukunft werden die Schulen nur noch in Ausnahmefällen Lehrpersonen anstellen dürfen, die weniger als zehn Lektionen pro Woche unterrichten. Gleichzeitig schränkt der Regierungsrat die Zahl der Lehrpersonen ein, die in einer Klasse arbeiten dürfen. Im Kindergarten sind es nicht mehr als zwei, in der Primarschule nicht mehr als drei Lehrerinnen oder Lehrer – die schulischen Heilpädagogen werden noch dazu kommen. Damit will der Regierungsrat erreichen, dass kleine Kinder in der Schule weniger Bezugspersonen und Eltern klare Ansprechpartnerinnen und -partner haben.
2. Nicht-Lehrer zulassen:Um zu verhindern, dass die Schule ausfällt, weil keine Lehrperson gefunden werden kann, will der Regierungsrat auch Nicht-Lehrer zum Unterrichten zulassen. Allerdings sieht der Gesetzestext vor, dass ein absoluter Notfall herrschen muss. Die Bildungsdirektion müsste zuvor einen Lehrermangel festgestellt haben, die Pädagogische Hochschule nicht genügend Quereinsteiger ausbilden und Schulen keine pensionierten Lehrpersonen finden können. Zudem dürften Personen ohne anerkanntes Lehrdiplom nicht länger als ein Jahr Schule geben.
3. Externe Schulleiter: Heute müssen Schulleiter zwingend ein Lehrdiplom haben und dazu auch mindestens vier Lektionen Schule halten. Neu wird diese Verpflichtung aufgehoben. Dazu soll es «in Einzelfällen» möglich sein, Nicht-Lehrer in der Schulleiterausbildung aufzunehmen. Allerdings müsse die Pädagogische Hochschule dazu die Ausbildung anpassen, sagte Aeppli.
Lehrer gegen Jekami
Der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) setzt hinter die Massnahmen grosse Fragezeichen. Besonders die Zulassung von Nicht-Lehrern lehnt ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch ab. «Die Schule darf nicht zum Jekami verkommen», sagt sie und befürchtet die Abwertung des Lehrberufs. Mit der Einschränkung des Teilzeitunterrichts ist sie grundsätzlich einverstanden. Allerdings werde das Problem nicht gelöst, wenn man ein Mindestpensum ins Gesetz schreibe. Es sei gar nicht möglich, den Unterricht ohne Kleinstpensen zu organisieren. Es gebe zu wenig Lehrpersonen, die alle Fächer unterrichten könnten. Lätzsch schlägt deshalb vor, die Nachqualifikation in einzelnen Fächern zu erleichtern. Sie sähe diese Weiterbildung gerne in der Arbeitszeit und mit weniger Aufwand. Volksschulamtschef Martin Wendelspiess räumte gestern ein, es werde wohl nicht ohne Ausnahmen gehen. Er schlägt aber vor, Lehrpersonen mit kleinen Pensen in Nebenfächern wie Deutsch für Fremdsprachige oder in Wahlfächern einzusetzen, das bleibe nämlich erlaubt.
«Keine Lehrer ohne Diplom»
Die Grünen äusserten sich gestern kritisch zum Einsatz von Nicht-Pädagogen in der Schule. Auch die CVP kündigte in dieser Frage Widerstand an: «Wir wollen keine Lehrer ohne Diplom.» Der Schulleiterverband spricht von einem Schritt in die richtige Richtung, erwartet aber noch mehr Entlastung und Autonomie für die Schulen.
Das Massnahmenpaket umfasst noch weitere Gesetzesänderungen: So soll eine Probezeit für Lehrpersonen eingeführt, der Kündigungstermin für alle Lehrpersonen auf den 31. März festgelegt und alle Anstellungsverhältnisse kantonalisiert werden. Heute sind Lehrpersonen mit kleinen Pensen von den Gemeinden angestellt. Bereits entschieden ist, dass die ungeliebte Mitarbeiterbeurteilung vereinfacht wird.
Abbau von Stunden noch offen
Bildungsdirektorin Regine Aeppli betonte gestern, sie wolle die Situation in den Schulen so weit wie möglich beruhigen. Dazu brauche es aber weitere Schritte, vor allem die Entlastung des Lehrpersonals. Da das nicht kostenneutral erfolgen kann, soll der Bildungsrat zwei Lektionen aus dem Stundenplan der Volksschüler streichen. Dadurch würden 80 Millionen Franken frei, die voraussichtlich vor allem den Klassenlehrerinnen und -lehrern, aber auch den Schulleitern zugute kämen.
Aeppli rechnet mit politischem Widerstand gegen den Abbau von Schülerlektionen. Der Bildungsrat werde bis im Sommer entscheiden, ob er ihn befürwortet und in welchen Fächern er erfolgen soll. Falls tatsächlich Schulstunden wegfallen, wird das frühestens im Schuljahr 2013/14 möglich sein.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.03.2011, 23:23 Uhr
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8 Kommentare
«Keine Lehrer ohne Diplom» ist keine Qualitätssicherung sondern eine Marktabschottung der mächtigen Lehrerlobby. Es ist nicht einzusehen, wieso z.B. eine Kindergärtnerin zwingend eine Matura haben muss - ohne solche künstlichen Barrieren gäbe es genügend qualifizierte Kandidaten zu vernünftigen Konditionen. Antworten
Wenn volksschulfremde Personen als Schulleiter arbeiten, ist dass so, wie wenn man zur Not einen Passagier mit Computer-Game Erfahrung als Piloten einsetzt. Der Crash ist praktisch vorprogrammiert. In so einem Flugzeug möchte ich lieber nicht sitzen. Im Gegensatz zur Industrie hat die Schule keine Kapazitäten einen cockpitfremde Piloten zu schulen, und kompetente Co-Piloten dazu zu setzen. Antworten
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