Es darf ruhig ein bisschen teuer sein

8300 Heiratswillige strömten über das Wochenende an die Fest- und Hochzeitsmesse in Zürich. Die Paare sind bereit, für den «schönsten Tag im Leben» viel Geld auszugeben.

An der Hochzeitsmesse hat die Braut die Qual der Wahl – nicht nur bei den Eheringen: 202 Aussteller buhlen um die Gunst der Heiratswilligen.

An der Hochzeitsmesse hat die Braut die Qual der Wahl – nicht nur bei den Eheringen: 202 Aussteller buhlen um die Gunst der Heiratswilligen. Bild: Sophie Stieger

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Der letzte Stuhl ist besetzt, und die Gäste sind kribbelig vor Vorfreude – die grosse Show kann beginnen. Der Duft von «zuckersüssen Tortenträumen» durchzieht die ganze Messehalle. Und die Anwesenden – vom Baby bis zum Grauhaarigen – glänzen glücklich bis komplett verzaubert. Zu den Klängen von Popmusik tänzeln vier junge Frauen in langen weissen Brautkleidern bis knapp an den Bühnenrand. Fein säuberlich choreografiert werfen die schlanken Grazien (ab Kleidergrösse 33) ihre Arme synchron nach rechts in die Höh, dazu vollführen sie eine kokette Drehung nach links, und das Ganze beginnt wieder von vorn.

Zwischen Kitsch und Peinlichkeit

Ihre hübsch geschminkten Lippen bewegen sich auf und zu. Zwei der Models können den Text des Liedes auswendig, die anderen bewegen ihre Lippen nur synchron zum Refrain. Das nächste Vierergrüppchen lässt nicht lange auf sich warten. Diesmal sind die Bräute an der Reihe, die schon einen grossen runden Bauch vor sich hertragen.

An Hochzeiten ist es ein schmaler Grat zwischen romantischem Kitsch und gröberen Peinlichkeiten. Auch die Hochzeitsmesse ist vor solchen Ausrutschern nicht gefeit. Das Publikum wandelt aber so gut gelaunt und voll Vorfreude durch den Saal, dass «Fremdschämen» für einmal ein Fremdwort ist.

Test am lebenden Objekt

Auf einer Fläche von fast 8000 Quadratmetern buhlen 202 Aussteller um die Gunst der Heiratswilligen. Schon der Wagenpark am Eingang lässt nichts zu wünschen übrig: Stretchlimousine und Rolls-Royce fehlen genauso wenig wie die «idealen Reiseziele» für die Flitterwochen: Seychellen, Mauritius, La Réunion, Sri Lanka oder die Malediven werden da vorgeschlagen. Und überall wird am lebenden Objekt vorgeführt, was zu haben ist. Komplizierte Hochsteckfrisuren für die Braut, dazu das passende Make-up. Da ein einsamer Saxofonist, dort eine fetzige Funkband, und mittendrin ein Zauberkünstler. Alle wollen sie die Paare überzeugen, dass genau sie die richtige Wahl für das grosse Fest sind. Sogar Eheringe können selbst geschmiedet werden.

Vorschläge für Dekorationen werden präsentiert, unter deren Last die Tische schier zusammenbrechen. Auslagen mit Apéro-Gebäck und den süssesten Tortenträumen lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. Aber auch Fachreferate fehlen nicht: «Wie wähle ich den passenden Fotografen?» Oder lebensnaher: «Damit die Liebe ewig hält.» Der Vortrag ermutigt das Brautpaar, Beziehungsprobleme nicht zu verdrängen, sondern daran zu reifen. Ob damit genug getan ist, sei dahingestellt. Sicher jedenfalls ist, dass an der Hochzeitsmesse die Frau in der Regel forsch voranschreitet, während der Mann nur hinterherläuft – und nickt.

Heiraten sei wieder beliebt, meldete kürzlich das Statistische Amt der Stadt Zürich. 2009 sollen sich 3385 Paare den Bund fürs Leben geschworen haben – seit 2005 haben nie mehr so viele an die grosse Liebe bis ans Lebensende geglaubt. Leider haben sich aber auch die Scheidungsraten entsprechend erhöht, denn 1780 Verheiratete haben sich im gleichen Jahr scheiden lassen – immerhin eine Zunahme von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Eher eine unromantische Sache

Die Heiratswilligen an der Messe scheinen sich davon nicht gross beirren zu lassen. Die 202 Aussteller sind jedenfalls mit dem Geschäftsgang sehr zufrieden. Wie viel kostet aber so ein Fest? Wedding-Planner Caterina Pelosato Bieg von Wedding-à-la-carte organisiert seit fünf Jahren Hochzeiten für beinahe jedes Budget. Sie weiss, dass das Organisieren einer Hochzeit eher eine unromantische Angelegenheit ist. Da geht es vor allem ums Budget. Bei der Qual der Wahl für das Hochzeitskleid zum Beispiel. Aber auch schon die Entscheidung für die richtige Frisur könne – auch unter Frauen im oberen Kader – durchaus zu Tränen der Verzweiflung führen. «Da kann eine Braut komplett die Nerven verlieren, auch wenn sie im Berufsleben jeden Tag für Millionenbeträge verantwortlich ist.»

Zu Pelosatos Kundschaft gehören vorwiegend Ü-30-Paare. Jüngere Leute würden eher dazu tendieren, ihre Hochzeit selber auszurichten. Doch das habe seine Tücken – Stress sei hier meistens programmiert. Mit einer Planungszeit von rund 250 Stunden müsse schon gerechnet werden. «Viele meinen, mit dem Engagieren eines Fotografen sei das Fest schon organisiert», so die Hochzeitsplanerin. Ältere und auch betuchtere Paare würden vielfach lieber einen Wedding-Planner beiziehen. Denn die Organisation einer Hochzeit ist nicht jedem gegeben. Nach dem Motto: Stellen wir einen Unternehmensberater an, dann wird sicher nichts vergessen und schiefgehen. Pelosatos Kundschaft gibt durchschnittlich für den «schönsten Tag im Leben» zwischen 20'000 und 40'000 Franken aus. Bei den Ringen werde am wenigsten gespart: «Da schiessen die meisten Paare übers Budget hinaus.» Das sei halt ein Wert, der ein Leben lang halte. Darum werden schon mal 7000 Franken hingeblättert.

Recycling ist günstiger

Pelosato verrät aber auch für all diejenigen Tipps und Tricks, die das Fest selber organisieren wollen. Die schlaue Idee einer ihrer Kundinnen will sie gerne weitergeben. Um Geld zu sparen, hatte diese kurzerhand in der Verwandtschaft alles Altgold eingesammelt und zum Goldschmied gebracht. Dieser schmolz das Edelmetall ein – und machte daraus zwei schöne neue Ringe. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.01.2011, 22:50 Uhr)

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