«Es sollte abgewartet werden, bis das Kind mitentscheiden kann»

Das Zürcher Kinderspital hat das Moratorium für Knabenbeschneidungen aufgehoben. Nichtsdestotrotz hat der ärztliche Direktor, Felix Sennhauser, eine klare Meinung dazu.

Stellt in Abrede, vor religiösen Kreisen eingeknickt zu sein: Spitaldirektor Felix Sennhauser.

Stellt in Abrede, vor religiösen Kreisen eingeknickt zu sein: Spitaldirektor Felix Sennhauser. Bild: Sabina Bobst

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Herr Sennhauser, sind Sie vor der Kritik aus religiösen Kreisen eingeknickt?
In keinster Weise. Derartige Abklärungen, die ethische Fragen betreffen, stellen sich immer wieder. Gerade wenn man wie wir in der Kinderpflege oft mit urteilsunfähigen Individuen zu tun haben. Den Anstoss gaben unsere Kinderchirurgen, die verunsichert waren durch ein Gerichtsurteil in Deutschland.

Ihr Beschneidungsmoratorium hat zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Haben Sie den Entscheid tatsächlich ohne Einfluss von aussen gefällt?
Wir haben uns nicht unter Druck gefühlt. Interessanterweise waren die Reaktionen sogar innerhalb der Kulturen und Religionen kontrovers. Das hat uns gezeigt, dass wir mit unserer Denkpause eine brisante Frage aufgeworfen haben, die in der Gesellschaft noch nicht abschliessend diskutiert worden ist.

In Ihrer Medienmitteilung spielt der leitende Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich, Andreas Brunner, eine grosse Rolle.
Wir hatten das Glück, dass Herr Brunner bereits zu einem früheren Zeitpunkt Abklärungen in dieser brisanten Frage getroffen hat und deshalb als kompetenter Ansprechpartner in Frage kam. Zudem wurde kürzlich eine juristische Abhandlung zu dieser Thematik publiziert. Von diesen fundierten Vorarbeiten haben wir profitiert.

Welcher ist denn der juristische Befund?
Jeder Eingriff in den Körper stört diesen in seiner Unversehrtheit. Damit ist jede Operation zweifelsfrei als Körperverletzung zu qualifizieren. Die juristische Gewichtung einer Körperverletzung ist sehr unterschiedlich. Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kinderspitals.

Was ist Ihre persönliche Meinung zur nicht medizinisch verordneten Knabenbeschneidung?
Es sollte wo möglich abgewartet werden, bis das Kind mitentscheiden kann. Nur so kann man dem Kindswohl, der obersten Ägide in unserem medizinischen Alltag, optimal gerecht werden.

Sie stellen die Ethik also über die Religion?
Ich möchte es anders formulieren. Ich muss gewichten zwischen dem Kindswohl, also der Körperverletzung, und dem soziokulturellen und familiären Umfeld, das wiederum ebenfalls auf das Kindwohl einen Einfluss nimmt. Deshalb möchten wir dies künftig in jedem einzelnen Fall genauestens und situativ abklären.

Ist anderseits eine Beschneidung nicht schon aus hygienischen Gründen angezeigt? In den USA ist diese Auffassung weit verbreitet.
Die Hygienefrage wird in der Medizin äusserst kontrovers diskutiert. Ich gebe zu Bedenken: Die Natur und damit die Entwicklung der normalen Vorhaut macht keine Fehler resp. Führt nicht zu Nachteilen. Hygienische Gründe allein rechtfertigen eine Beschneidung nicht.

Was sind die Risiken einer Beschneidung?
Es geht um den Ausschluss üblicher Operations-Risiken, zum Beispiel erhöhte Blutungsneigung. Einen Bluter würde ich nur im Notfall operieren, da Nachblutungen sogar lebensbedrohend sein können. Allgemein sind die Risiken des Eingriffs einer Beschneidung gering. Wir machen ihn unter Vollnarkose, um dem Kind in der Schmerzbehandlung und der Wahrnehmung optimal gerecht zu werden.

Die meisten Beschneidungen werden ja nicht bei Ihnen im Spital durchgeführt, sondern von religiösen Würdenträgern, die speziell ausgebildet wurden. Diese machen keine Vollnarkose. Halten Sie das für die Knabenpsyche für fragwürdig?
Es steht mir nicht zu, dazu Stellung zu nehmen. Ich sehe die Schmerzfreiheit als oberste Maxime. Und dazu gibt es unterschiedliche Methoden. Wir wählen die Vollnarkose.

Haben Beschneidungen Auswirkungen auf die Sexualität?
Wie bei der Hygiene sind sich in dieser Frage die Mediziner nicht einig.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Beschneidung und Aids-Prävention?
In dieser Frage bin ich nicht kompetent, so dass ich lieber keine Antwort gebe. Offenbar gibt es aber entsprechende Hinweise, dass eine Vorhaut schützen könnte.

Sollte nun der Bundesgesetzgeber aktiv werden, um Klarheit zu schaffen?
Es liegt nicht an uns, dies zu entscheiden. Wir stellen fest: Der Nationalrat hat bei der Diskussion über die Mädchenbeschneidung keinen Regelungsbedarf bei der Knabenbeschneidung gesehen. Die Debatte nach unserem Moratoriumsentscheid hat allerdings gezeigt, dass es weiteren Diskussionsbedarf gibt. Diesen Ball müssen aber allenfalls die Politiker aufgreifen.

Nehmen Sie für sich in Anspruch, die Diskussion in der Schweiz lanciert zu haben?
Das war nie die Idee von uns. Wir wollten einfach Klarheit für den chirurgischen internen Alltag.

Befürchten Sie nicht, dass gerade aufgrund der Diskussion Beschneidungsgegner auf den Plan gerufen werden und – wie jüngst schon geschehen – Klage gegen Ihre Chirurgen erheben könnten?
Kinder können nicht klagen, und die Eltern wollen den Eingriff ja. Andere haben kein persönliches Interesse daran. Daher befürchte ich keine Klage – auch weil wir nun jeden einzelnen Fall sehr sorgfältig abklären. Wir dürfen mit Fug und Recht nach gemachter Einzelfallabklärung weiterhin Beschneidungen durchführen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2012, 17:44 Uhr

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