Es verschwand mehr als nur Abfall

Urs Pauli und Gottfried Neuhold machten aus dem verlustreichen Abfuhrwesen ein Millionen-Amt – auch dank ungewöhnlicher Buchhaltung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Geschichte von Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) ist die Geschichte von Gottfried Neuhold und Urs Pauli. Vor zwanzig Jahren steht das Abfuhrwesen der Stadt mit 240 Millionen Schulden da und schreibt 70 Millionen Verluste. Die Fernwärme läuft defizitär, bei der damals noch im Tiefbaudepartement angesiedelten Stadtentwässerung sieht es nicht besser aus. Die Vorsteherin des Tiefbauamts Kathrin Martelli (FDP) nimmt sich 1996 der Sanierung an. Dazu holt sie sich keinen Staatsdiener zur Seite, sondern einen Manager: Der Wiener Gottfried Neuhold wechselt aus einer Spitzenposition bei der ABB ins Abfallgeschäft. Was folgt, ist radikal.

Neuhold bezieht der Legende nach im Hagenholz ein Büro ohne Bücher. Nur eine einzige Akte habe er vorgefunden, erzählt er 2004 der NZZ. Er sei gezwungen gewesen, neu anzufangen. Neuhold beginnt sofort, sein Reich zu vergrössern. Auf dem Porträtfoto im hauseigenen EDV-System steht hinter Neuhold eine Napoleon-Statue.

Neuholds Aufräumaktion

1998 fusionieren Abfuhrwesen und Stadtentwässerung zu ERZ, später kommt die Stadtreinigung dazu. Pauli ist seit 1997 Leiter Finanzen bei der Stadtentwässerung und wechselt mit ins ERZ. Mit Neuhold scheint er sich zu verstehen. Dieser holt ihn bald in die ERZ-­Geschäftsleitung, 1999 wird er zum Vizedirektor. Zu Kommissionssitzungen im Gemeinderat kommt bald nur noch Pauli. Neuhold macht kein Geheimnis daraus, dass er nicht viel von Zugriffen der Politik hält: «In vielen Fällen werden die operativ Verantwortlichen von politischen Kräften daran gehindert, optimal zu agieren», sagte er der NZZ.

Später gelangen die Konsequenzen der rigorosen Sparmassnahmen an die Öffentlichkeit: Im März 1999 wendet sich rund ein Dutzend Mitarbeiter der mittleren und oberen Hierarchie an den «Tages-Anzeiger». Die Stimmung im Hagenholz sei schlecht. Neuholds Art wird als schikanös empfunden. Ein Mitarbeiter sei wegen Mobbing in psychologischer Behandlung. Besonders gravierend ist der Vorwurf, Neuhold habe Kaderleute eingestellt, ohne die Stellen vorher auszuschreiben. Martelli stellt sich schützend vor Neuhold: «Man kann nie ganz verhindern, dass es zwischendurch Auseinandersetzungen gibt, bei denen die Grenzen überschritten werden», sagt die Stadträtin. «Das Personalrecht gibt uns auch die Möglichkeit, Mitarbeiter zu berufen, ohne auszuschreiben.» Bis auf Zahlungen von rund 100 000 Franken an einen unrechtmässig gekündeten Mitarbeiter bleibt die Aufräumaktion ohne Konsequenzen.

Denn die gewünschte Wirkung tritt ein. Als SP-Stadtrat Martin Waser das Tiefbaudepartement 2002 übernimmt, verfügt ERZ bereits über rund 80 Millionen Reserven und produziert 20 Millionen jährlichen Überschuss – kein Amt, über das man sich Sorgen machen muss. Neuhold wird bald als Sanierer gefeiert, Waser kann sich anderen Problemen zuwenden. Doch das Geld stammt nicht nur aus Reorganisationen.

Urs Pauli agiert beinahe ohne politische Kontrolle. Der Stadtrat spricht 200 Millionen. Das Vertrauen ist grenzenlos.

2001 willigen Zürichs Stimmberechtigte ein, die Fernwärme mit 114 Millionen Steuergeldern zu sanieren. Das restliche Geld wird durch Abwasser- und Abfallgebühren erwirtschaftet. Die Reserven schwellen dank einer ungewöhnlichen Rechnungspraxis an: Pauli schreibt Investitionen stets voll in der laufenden Rechnung ab. So beispielsweise die jährlichen Erneuerungen des Kanalnetzes, die – da lange in Betrieb – eigentlich über mehrere Jahrzehnte abgeschrieben werden können. So erweckt das Budget stets den Eindruck, Gebührensenkungen für die Bürger lägen nicht drin, da das Kapital gebraucht werde.

Von aussen sind diese Rechnungen schwierig nachvollziehbar. Anders als bei anderen Ämtern finden sich von ERZ kaum Geschäftsberichte im Internet. Den aktuellen beispielsweise entdeckt man nur über einige Umwege – und dieser enthält auch keinen Finanzteil. Für den kompletten Geschäftsbericht benötigt man einen Geheimlink. 2015 antwortet Pauli auf Rückfrage der Rechnungsprüfungskommission zur seltsamen Publikationspraxis, Zahlen würden nur auf Nachfrage hin mitgeteilt.

Gegen aussen rechnete Pauli Budgets vor, nicht Rechnungen. Für 2016 war bei ERZ Abwasser beispielsweise ein Defizit von 21 Millionen Franken budgetiert. Die ERZ-Rechnung zeigte aber einen Gewinn von fast 18 Millionen. Die Reserven von ERZ Abwasser stiegen von 97 auf 114 Millionen Franken.

Stadtrat Waser schenkt den Budgets von Neuhold und Pauli Vertrauen, wie seine Nachfolgerin Ruth Genner (Grüne) auch. Preisüberwacher Rudolf Strahm (SP) schaltet sich erstmals 2006 ein, als der Bereich Abwasserentsorgung Reserven und Rückstellungen von annähernd 200 Millionen Franken aufweist. Er kritisiert die Stadt Zürich mit den höchsten Gebühren aller Schweizer Städte. Das ERZ sei überfinanziert, schreibt er an Waser. Die Anlagen seien nicht nur zu 100 Prozent mit Eigenmitteln finanziert, die ERZ verfüge darüber hinaus über mehr als 100 Millionen nicht betriebsnotwendiges Kapital. Strahm empfiehlt, die Gebühren um 20 Prozent zu senken. Es passiert nichts.

Im Werdhölzli entsteht ein Erholungsparadies mit Pool, Tennisplätze stehen ebenfalls zur Verfügung.

Erst auf Druck der AL und FDP werden die Gebühren per Bonusaktion zwischen 2008 und 2010 gesenkt. Ex-AL-Gemeinderat Niklaus Scherr kritisiert: «Die hohen Reserven erlaubten ERZ, von der politischen Kontrolle praktisch ungestört zu agieren. Kredite für Projekte haben es im Stadtrat viel einfacher und werden schwächer geprüft, wenn die Kasse gefüllt ist.» Zudem habe Pauli Investitionen immer wieder zu gebundenen Ausgaben erklärt. Der Neubau von zwei Verbrennungslinien im Hagenholz zum Beispiel sei so der Kontrolle durch den Gemeinderat entzogen worden. Der Stadtrat spricht 200 Millionen Franken. Das Vertrauen ist grenzenlos.

Denn Pauli ist beliebt, auch bei seinen Mitarbeitern – obwohl der Effizienzdruck und die Kontrolle von oben gemäss einem ERZ-Mitarbeiter auch heute gross seien. Pauli lässt sie an den Reserven teilhaben: Im Werdhölzli entsteht ein Erholungsparadies mit Pool, Tennisplätze stehen ebenfalls zur Verfügung.

Erst 2015, Stadtrat Filippo Leutenegger hat inzwischen übernommen, kommen erstmals Missstände ans Licht. Die Finanzkontrolle moniert ganze 132 «versehentlich entsorgte» Verträge, unauffindbare Offerten, freihändige Vergaben und Aufträge ohne Verträge. In fast zwei Dutzend Fällen überschreiten ERZ-Angestellte, darunter auch Pauli, ihre Finanzkompetenzen und segnen Aufträge von bis zu 640 000 Franken ohne Rücksprache mit dem Departementsvorsteher ab. Auch Kostenüberschreitungen in der Höhe von Millionen beim Neubau des Logistikzentrums Hagenholz werden durch Buchungen auf das Unterhaltskonto vertuscht. Leutenegger reagiert nicht mit personellen Konsequenzen. Pauli bleibt unantastbar. Noch.

Zu Fall bringt ihn schliesslich ein Luxusdienstwagen. Bei einer Hausdurchsuchung im ERZ findet man eine schwarze Kasse. Jetzt muss ein Rechts­anwalt über die Bücher. Im Auftrag des Zürcher Stadtrats untersucht Tomas Poledna den Fall.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2017, 07:54 Uhr

Artikel zum Thema

Entsorgungsamt-Direktor Urs Pauli fristlos entlassen

Der geheime Safe war zu viel: Die Regierung entlässt den ERZ-Chef fristlos und untersucht nun auch die Rolle der Stadträte. Mehr...

«Der Stadtrat ist im Panikmodus»

Das Entsorgungsamt baut eine Freizeitoase im Wert von 2,5 Millionen Franken. Die Regierung schweigt – und eckt damit an. Mehr...

Zürcher Entsorgungsamt leistet sich eine Freizeitoase

ERZ liess seinen Mitarbeitern eine Freizeitanlage im Wert von 2,5 Millionen Franken bauen – in Fronarbeit, sagt der ehemalige Direktor. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

TA Marktplatz

Kommentare

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Hast du mal Feuer: Forrest Scott schaut auf die Buschfeuer rund um sein Haus bei Santa Margarita in Kalifornien (26. Juni 2017).
(Bild: Joe Johnston/The Tribune) Mehr...