Zürich

«Es wird mehr Kokain konsumiert, als wir uns vorstellen»

Interview: Felix Schindler. Aktualisiert am 23.09.2010 5 Kommentare

Heute wird die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich 25-jährig. In dieser Zeit wurde im Kampf gegen Drogenelend viel erreicht – aber süchtig ist die Gesellschaft mehr denn je, sagt Suchtexperte Toni Berthel.

Das Drogenelend ist aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, trotzdem sind Suchtprobleme in unserer Gesellschaft eine Realität: Toni Berthel, stellvertretender ärztlicher Direktor und Suchtexperte der Integrierten Psychiatrie Winterthur.

Das Drogenelend ist aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, trotzdem sind Suchtprobleme in unserer Gesellschaft eine Realität: Toni Berthel, stellvertretender ärztlicher Direktor und Suchtexperte der Integrierten Psychiatrie Winterthur.
Bild: Keystone/pd

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Zürichs dunkle Vergangenheit

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Seit 25 Jahren kämpft die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich gegen das Drogenelend.

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Zürich hat eine lange und dunkle Drogenvergangenheit. Die offenen Szenen am Platzspitz und Letten sorgten international für Aufsehen. Heute sind diese verschwunden und die Suchtpräventionsstelle feiert ihr 25-Jahr-Jubiläum. Haben wir im Kampf gegen Drogen gesiegt?
Toni Berthel, stellvertrender ärztlicher Direktor und Suchtexperte der Integrierten Psychiatrie Winterthur: So kann man das nicht sehen. Schon die Heroinkonsumenten am Platzspitz nahmen Drogen, um ihr seelisches Leiden zu lindern und ihre individuelle Befindlichkeit zu verbessern. Der Wunsch, immer fit, immer aufgestellt und immer leistungsfähig zu sein, ist heute allgegenwärtig. Dafür lassen wir unsere Augenlider operieren, treiben Sport oder gehen in den Ausgang. Oder wir konsumieren Substanzen, die unsere Stimmung ebenfalls verbessern. Die Akzeptanz, das zu tun, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Haben wir wenigsten den Kampf gegen das Heroin gewonnen, dass für das Elend am Platzspitz eine zentrale Rolle spielte?
In den 90er-Jahren begannen pro Jahr rund 500 Personen, Heroin zu konsumieren. Heute gibt es nur noch ganz wenige Neueinsteiger. Aber in Zürich gibt es ziemlich genau 3000 Methadonkonsumenten und 400 Heroinsüchtige in der kontrollierten Heroinabgabe. Ihre Zahl ist so gross, weil sie im Unterschied zu früher an ihrer Drogensucht nicht mehr sterben. So können wir sagen, dass das Drogenelend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist, trotzdem sind Suchtprobleme in unserer Gesellschaft eine Realität.

Wie kam es dazu?
In den 80er-Jahren wurde Heroin zur Modedroge. Es galt in bestimmten Gruppen als chic, es zu konsumieren. Doch Heroin macht rasch abhängig und kostete zeitweise bis 600 Franken pro Gramm. Die Konsumenten wurden kriminell, um ihre Sucht zu finanzieren. Weil man damals die Spritzen nicht umtauschen konnte, infizierten sich viele mit HIV und Hepatitis C. Deren Leid war in der Öffentlichkeit sichtbar, diese Bilder haben alles überstrahlt. Heroinsüchtige werden heute mit Sucht und Krankheit in Verbindung gebracht, ein Zustand, den die Jugendlichen ablehnen. Sie wollen heute stark und dynamisch sein.

Heute ist Alkohol die Droge der Jugendlichen?
Grundsätzlich trinken wir heute nur halb so viel Alkohol wie vor 100 Jahren, auch die Jugendlichen. Aber es gibt heute Jugendliche, die in kurzer Zeit sehr viel trinken, das sogenannte Rauschtrinken. Sie halten sich dabei oft im öffentlichen Raum auf, Ihr Rausch öffnet akute Problemfelder. Die Gewaltbereitschaft nimmt zu, ebenso die Unfälle, das Littering und Konflikte in Beziehungen.

Wie verbreitet ist das?
Das ist schwer zu sagen. Es ist sicher sehr verbreitet. In der Stadt machen sich die Jugendlichen für einen Besuch in einem Club, wo der Alkohol teuer ist, warm. Auf dem Land sind es Dorffeste. Aber die meisten schlafen am nächsten Tag ihren Kater aus, eine Behandlung gegen eine Suchtkrankheit brauchen sie nicht, deshalb tauchen sie nicht in Statistiken auf. Laut einer deutschen Studie setzt nur eine Minderheit diesen Konsum längerfristig fort.

Untersuchungen des Abwassers lassen den Schluss zu, dass in Zürich pro Wochenende 19'000 Linien Kokain konsumiert werden. Das klingt schockierend.
Ich glaube auch, dass Kokain mehr konsumiert wird, als wir uns vorstellen. Kokain erlebte bereits in den 20er-Jahren eine Blütezeit. Anfang der 90er-Jahre wurde es wieder populär. Heute sind es zwei bis drei Prozent der Bevölkerung, die in ihren Leben mindestens einmal Kokain konsumiert haben. Rund ein Zehntel davon konsumiert es regelmässig.

Trotzdem hört man wenig über Sucht und negative Auswüchse im Zusammenhang mit Kokain. Warum?
Bis 2007 haben die Behandlungen von Kokain-Suchtkranken zugenommen. Seither sind sie stabil. Der Grund dafür dürfte sein, dass es eine grosse Gruppe Kokainkonsumenten gibt, die keine ausgeprägten Probleme entwickeln. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.09.2010, 15:04 Uhr

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5 Kommentare

Maren Kurti

24.09.2010, 11:40 Uhr
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Weshalb erscheint mir immer öfter, dass die Augen diversester Personen der höchsten Oeffentlichkeit aussehen, als hätte die Person massivst Kokain oder ähnliches konsumiert? Leistungsgesellschaft? Antworten


Adolf Kurt Leemann

24.09.2010, 05:30 Uhr
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Wiedereinmal haben wir dank den "wissenschaftlichen Errungenschaften" unserer talentiert Drogenexperten viel Steuergeld verprasst. Stink frech werden wir von diesen, wie Üblich zu deren Arbeitsplatz Rettung belogen. Experiment gestorben, viele unnötige Amtsschimmel Posten sind daher eindeutig überflüssig geworden und ersatzlos zu streichen. Antworten



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